Aus: Ausgabe vom 29.06.2017, Seite 1 / Titel

Putsch der Gotteskrieger

Granatenangriff aus Hubschrauber auf Innenministerium und Obersten Gerichtshof Venezuelas in Caracas

Von André Scheer
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Oscar Pérez und vier maskierte Mittäter in dem über Instagram verbreiteten Bekennervideo

Das Video wirkt gespenstisch. Ein mutmaßlicher Offizier in der Uniform der venezolanischen Kriminalpolizei CICPC (Korps für wissenschaftliche, strafrechtliche und kriminalistische Ermittlungen) steht vor vier maskierten Männern mit Maschinenpistolen und verliest eine Kampfansage an die Regierung von Präsident Nicolás Maduro. Sie seien »Nationalisten« und »Gotteskrieger«, die »von der Wahrheit und Jesus Christus begleitet« würden. In dem Video verlangen die Männer den »sofortigen Rücktritt« Maduros und die Durchführung »allgemeiner Wahlen«.

Die professionell ausgeleuchtete Aufnahme von viereinhalb Minuten Dauer ist die Erklärung der Täter zu einem Anschlag, bei dem die Terroristen am Dienstag abend (Ortszeit) in Caracas mit einem Hubschrauber die Gebäude des Innenministeriums und des Obersten Gerichtshofs (TSJ) attackiert hatten. Verletzt wurde niemand, was von den Behörden jedoch auf das schnelle Eingreifen der Luftwaffe zurückgeführt wird.

Informationsminister Ernesto Ville­gas verlas am späten Abend in einer über alle Fernsehsender Venezuelas ausgestrahlten Sondersendung die offizielle Erklärung der Regierung zu dem terroristischen Angriff, der als Putschversuch bewertet wurde. Dem Kommuniqué zufolge hatten sich die Attentäter in der Luftwaffenbasis La Carlota eines CICPC-Hubschraubers bemächtigt und diesen zunächst zum Innenministerium in der Avenida Urdaneta im Zentrum von Caracas gesteuert. Dort seien rund 15 Schüsse auf das Gebäude abgegeben worden. Auf der Terrasse vor dem Ministerium hatten sich zu diesem Zeitpunkt rund 80 Menschen zu einer Feier versammelt. Anschließend lenkten die Angreifer den Helikopter zum TSJ und feuerten bis zu vier Granaten unter anderem auf Angehörige der Nationalgarde, die vor dem Gericht Wache standen. Eines der Geschosse sei nicht explodiert und sichergestellt worden. Es habe sich um eine aus Kolumbien stammende Granate israelischer Bauart gehandelt.

Aus dem fliegenden Hubschrauber hielten die Terroristen ein Transparent, auf dem das Wort »Freiheit« und die Zahl »350« zu sehen war – ein Hinweis auf das im Artikel 350 der venezolanischen Verfassung festgehaltene Recht der Bevölkerung, gegen eine undemokratische Regierung zu rebellieren.

Bei einem der flüchtigen Attentäter handelt es sich offenkundig um Oscar Alberto Pérez, einen Piloten der CICPC-Lufttransportdivision. Er ist als einziger unvermummt auf dem Video zu sehen, das parallel zu dem Angriff im Internet auf Instagram veröffentlicht wurde. Das erklärt die professionelle Qualität der Aufnahme, denn der Polizist Pérez ist nebenberuflich Filmproduzent und Schauspieler. 2015 war er in dem venezolanischen Actionfilm »Muerte Suspendida« zu sehen, in dem es um den Kampf der Polizei gegen Entführungen geht. Nun ist er offenbar auf die dunkle Seite gewechselt.

Venezuelas Präsident Nicolás Maduro sprach unmittelbar nach den Ereignissen von einem »bewaffneten terroristischen Angriff«, der eine Tragödie hätte auslösen können. Schon zuvor hatte er am Dienstag gewarnt: »Wenn Venezuela dem Chaos und der Gewalt unterworfen und die Bolivarische Revolution zerstört werden würden, würden wir in den Kampf ziehen. Wir würden uns nie ergeben, und was mit den Wählerstimmen nicht möglich war, würden wir mit den Waffen tun, wir würden unser Heimatland befreien!« Für Mittwoch (Ortszeit) wurde in Caracas zu einer Großdemonstration für den Frieden und gegen den Terrorismus aufgerufen.

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