Aus: Ausgabe vom 28.06.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

»Es werden Pseudoprobleme diskutiert«

Über den Film »Auserwählt und ausgegrenzt« sowie den ­konstruierten Zusammenhang zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus. Gespräch mit Rolf Verleger

Interview: Stefan Huth
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Israelische Polizisten führen in Bethlehem (Westbank) einen Palästinenser ab (27.4.2017)

Am vergangenen Mittwoch strahlte die ARD nach einer Kontroverse die Arte-WDR-Koproduktion »Auserwählt und ausgegrenzt« aus, in der es, so der Untertitel, um den »Hass auf Juden in Europa« gehen soll. Wie bewerten Sie diese Dokumentation, die trotz zahlreicher teils gravierender Mängel im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesendet wurde?

Der Film will Werbung für eine politische Sicht machen und legt überhaupt keinen Wert darauf, ein Problem ausgewogen darzustellen. Es ging den Machern offensichtlich von Anfang an darum zu zeigen, dass Antisemitismus eine Konstante in der deutschen Bevölkerung sei. Der Teil zu Frankreich läuft ja völlig separat nebenher. Vor allem sollte gezeigt werden, dass Kritik an Israel per se antisemitisch sei. Insofern ist der Film in sich stimmig, wenn die Autoren sich rasch nach Israel begeben und fragen: Gibt es denn berechtigte Vorwürfe gegen diesen Staat? Und die Antwort dann unumwunden lautet, nein, die gibt es nicht. Daraus folgt, dass jeder, der hierzulande irgend etwas gegen Israel sagt, unsachlich ist. Dafür gebe es dann ja nur eine Erklärung, nämlich Antisemitismus.

Kritik an Israels Politik kann aber nicht mit Kritik am Judentum gleichgesetzt werden. Das wäre so, als wenn man Kritik an Erdogans Türkei mit Kritik am Islam gleichsetzt. Das eine ist Politik, das andere sind Vorurteile gegen eine Gruppe von Menschen als Menschen. Es müsste eigentlich jedem einleuchten, dass das etwas anderes ist.

Nichtsdestoweniger spricht etwa die FAZ im Zusammenhang mit diesem Film von einer »notwendigen Provokation«. Würden Sie sich diesem Urteil anschließen?

In keiner Weise. Es geht vor allem darum, dass Proteste gegen 50 Jahre israelische Besatzung infolge des Sechstagekrieges in der Öffentlichkeit möglichst wenig Aufmerksamkeit bekommen und dass statt dessen über solche Pseudoprobleme diskutiert wird.

Sie sprachen eben von der Einseitigkeit und Voreingenommenheit der Filmemacher. Was genau fehlt Ihnen in deren Darstellung?

Erstens: das Jahr 1948. Das einzige, was dazu gesagt wird, ist, dass die Araber freiwillig gegangen seien. Dass sie in Wirklichkeit vertrieben wurden und ihr gesamter Besitz enteignet – was man landläufig »Raub« nennt –, auch, dass rückkehrwillige Araber als »Infiltranten« erschossen wurden, das alles fehlt komplett.

Zweites Stichwort: der Sechstagekrieg 1967. Seither hat Israel ja vor allem das Westjordanland und den Gazastreifen okkupiert. Das Wort »Besatzung« taucht im ganzen Film nicht auf. Kriegsrecht, Kriegsverbrechen, fortgesetzter Landraub im Westjordanland – das alles ist kein Thema. Und somit ist natürlich alles wunderbar in Israel. Wogegen also protestieren?

Manche Kritiker, die gezeigt werden, charakterisieren Israel als »Apartheidstaat«. Teilen Sie dieses Urteil?

Nein, da muss man differenzieren. Im Kernland Israel, also in dem Gebiet, das bis 1967 der Staat Israel war und das durch die »grüne Linie« gegen das Westjordanland abgegrenzt ist, herrscht im wesentlichen Demokratie. Die arabische Bevölkerung muss dort nur einige gravierende Rechtseinschränkungen hinnehmen, z. B. beim Land- und Immobilienerwerb. Schon anders sieht es bei den arabischen Einwohnern Jerusalems aus, die ja nicht mehr Staatsbürger Israels sind, sondern nur Aufenthaltsrechte haben, die ihnen auch entzogen werden können. Und völlig finster ist die Lage im Westjordanland, in dem das Kriegsrecht gilt. Allerdings nur für die arabische Bevölkerung, die jüdischen Siedler können praktisch machen, was sie wollen. Dort herrscht eine Art von Apartheid. Eine andere Art von Apartheid wird über den Gazastreifen ausgeübt, dessen Bewohner praktisch eingesperrt sind. Apartheid heißt: Getrennt sein, und die Menschen in Gaza sind ja durch Israel und Ägypten vom gesamten Rest der Welt abgetrennt.

Israel-kritische Juden haben es hierzulande mitunter schwer, öffentlich ihre Stimme zu erheben. Veranstaltungen der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano oder des Soziologen und jW-Autors Moshe Zuckermann werden von »Antideutschen« gestört oder gar zu verhindern versucht. Welche Erfahrungen haben Sie mit diesen Leuten gemacht, deren Milieu offenbar auch die Macher besagten Films entstammen?

Generell muss ich sagen: Protest und Opposition – ich mag das. Das ist mir lieber als reine Harmonie. Nur aus der Diskussion kann etwas erwachsen. Wenn mir jedoch wie im November vorigen Jahres an der Uni Freiburg auf dem Flugblatt einer Sektion der dortigen Studentenvertretung praktisch das Rederecht abgesprochen wird, kann ich das natürlich nicht so neutral sehen. Das erinnerte mich schon daran, dass an dieser Uni mal ein Martin Heidegger Rektor war und gegen die Juden hetzte. Ähnlich ging es wenig später in Marburg zu. Da saß eine Gruppe derjenigen, die ein ähnliches Flugblatt verfasst hatten, in der Veranstaltung in der ersten Reihe und provozierte nur. Ich habe ihnen gesagt, sie erinnerten mich an die SA, woraufhin sie türenschlagend den Saal verließen.

Man weiß ja nicht, was ihre Groß- oder Urgroßväter gemacht haben, aber es interessiert mich schon sehr, was in den Köpfen dieser jungen Leute vorgeht, wie da mit Schuld umgegangen wird. Es ist ja nicht die eigene, sondern die mögliche Schuld ihrer Vorfahren. Also wie die so völlig unbesehen auf jeden projiziert wird, der etwas Kritisches sagt zur Menschenrechtslage in Israel – ich empfinde das als pervers und als extrem rechts.

Sie waren lange Jahre Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, der Sie inzwischen, wie andere Vertreter des offiziellen Judentums auch, mit harten Vorwürfen konfrontiert. Wofür werden Sie kritisiert?

Was mir letztlich vorgeworfen wird, ist Nestbeschmutzung. Bestimmte Konflikte müsse man intern lösen – als ob die Meinung über Israel eine interne Angelegenheit wäre, die man nur innerhalb der jüdischen Gemeinschaft diskutieren solle. Ich bin ja 2006 mit einem offenen Brief an die Präsidentin des Zentralrats an die Öffentlichkeit gegangen, in dem ich die israelische Kriegspolitik gegen den Libanon verurteilt habe. Dergleichen schickt sich nicht.

Der Zentralrat oder die jüdischen Gemeinden vor Ort – die unterstützen Israel. Sie sind vorn mit dabei, wenn es darum geht, kritische Veranstaltungen zu verhindern, wie unlängst jene in Frankfurt am Main vom »Koordinationskreis Palästina Israel«, KOPI, zum 50. Jahrestag der Besatzung. Vertreter jüdischer Gemeinden setzen sich auch nicht mit mir auf ein Podium, die boykottieren mich.

Es verwundert, dass der Zentralrat immer wieder den Unterschied von Judentum und israelischer Staatsbürgerschaft unterstreicht und dennoch wie eine diplomatische Vertretung Israels agiert.

Ja, darauf versuche ich auch immer wieder hinzuweisen. Wenn man zum Beispiel Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der »Wiedervereinigung« Jerusalems veranstaltet, obwohl diese völkerrechtlich nicht anerkannt ist und einer möglichen Lösung des gesamten Palästina-Problems entgegensteht, die darin bestehen könnte, dass Jerusalem die Hauptstadt für beide Volksgruppen wird.

De facto schürt der Zentralrat Vorurteile gegen die Juden als Ganzes, indem er die Maxime ausgibt: Wir Juden stehen fest und unverbrüchlich zu Israel, egal, was es macht. Da ist es doch kein Wunder, wenn schlichte Gemüter die Juden als solche für die dortigen Menschenrechtsverletzungen verantwortlich machen.

Judenhass ist leider immer noch ein gesellschaftliches Problem, in Deutschland wie in anderen Ländern. Wie könnte dieser menschenfeindlichen Haltung sinnvoll auch publizistisch begegnet werden – anders als in besagtem Film?

Ich finde, man muss sehr stark differenzieren und nach den verschiedenen Gründen für Antisemitismus suchen. Das ist keine einheitliche Krankheit, die die gesamte Menschheit überzieht. In Deutschland etwa ist der Antisemitismus der Rechten einfach Teil des Rassismus. Das sind dieselben Leute, die etwas gegen Muslime haben, und zwar meist noch entschiedener als gegen Juden im allgemeinen. Warum man da jetzt speziell einen Antisemitismusbeauftragten der Regierung brauchen würde, erschließt sich mir nicht. Zweitens: Der sagenhafte Antisemitismus der Linken – ich würde bestreiten, dass es den wirklich gibt. Das ist ein Propagandakonstrukt der Israel-Befürworter, um menschenrechtsorientierte Kritik abzuwürgen. Drittens existiert offensichtlich ein Antisemitismus unter Moslems. Dieser wird direkt befeuert vom Palästina-Konflikt, der eine berechtigte Empörung gegen Israel erzeugt, die leider verallgemeinert wird und umschlägt in einen allgemeinen Hass gegen die Juden. Die Palästinenser selbst kennen »die Juden« nur noch als Soldaten einer Besatzungsarmee, die sie einschüchtert und terrorisiert.

Rolf Verleger, ehemaliges Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, lehrte bis zu seiner Emeritierung Psychologie an der Psychologie Lübeck

Fiktionen statt Fakten

Nach einer öffentlichen Kontroverse über dessen Qualität und politische Tendenz sendete die ARD am vergangenen Mittwoch den 90minütigen Dokumentarfilm »Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa« der Autoren Joachim Schroeder und Sophie Hafner in einer aufbereiteten Fassung. Die dort gezeigte Version der vom WDR übernommenen Produk­tion von Arte war redaktionell bearbeitet und enthielt (offenbar zur Vermeidung rechtlicher Konsequenzen) an zentralen Stellen distanzierende Kommentare des Westdeutschen Rundfunks. Um einen »identischen Kenntnisstand« des Arte-Publikums in beiden Ländern zu ermöglichen, zeigte Arte den Film zeitversetzt am selben Abend.

Nachdem die Produktion, die Antisemitismus in Deutschland, Frankreich, im Gazastreifen und im Westjordanland thematisiert, bei Arte wegen offensichtlicher und gravierender Mängel aus dem Programm genommen worden war, stellte Bild.de am 13. Juni eine noch unfertige Fassung für 24 Stunden zum Abruf auf die eigene Website und sorgte, orchestriert durch Autorenbeiträge, aggressiv für Publicity zugunsten der Ausstrahlung der Dokumentation im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, forderte Arte in einem offenen Brief auf, den Film zu zeigen.

Begleitet war die Ausstrahlung im Ersten am 21. Juni von einem umfangreichen »Faktencheck« auf der Website des WDR, in dem reihenweise Fehler korrigiert und tendenziöse Darstellungen problematisiert werden. In einem anschließenden Spezial der Sendung Maischberger sagte WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn, eine gründliche Prüfung des Beitrags habe sieben Persönlichkeitsrechtsverstöße und 25 inhaltliche oder journalistische Fehler ergeben. Er wies auf mehrfache Verstöße gegen journalistische Standards hin, so sei etwa versäumt worden, angegriffenen Personen – vorzugsweise Aktivisten aus der Solidaritätsarbeit für Palästina – die Möglichkeit zur Stellungnahme zu geben.

Teilnehmer der Talkshow Maischberger waren der Historiker Michael Wolffsohn, CDU-Politiker Norbert Blüm, der Psychologe Ahmad Mansour, die Journalistin Gemma Pörzgen sowie Rolf Verleger, früheres Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland. Wolffsohn zeigt sich im Gespräch mit Schönenborn erfreut über die Ausstrahlung und lobte diesen hämisch für seine »gelungene PR«. Die Kosten dieses antideutschen Publicity-Coups wurden dagegen nicht eigens thematisiert. (shu)

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Der gelbe Stern Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart

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