Aus: Ausgabe vom 23.06.2017, Seite 11 / Feuilleton

Sympathy for the Devil

»Sind Sie ein Zar?« – »Nein.« Oliver Stone befragt Wladimir Putin

Von Reinhard Lauterbach
RTS16RKC.jpg
Die Ressourcen nicht überschätzen: Wladimir Putin am 12. Juni 2017, dem russischen Nationalfeiertag, im Kreml bei der Verleihung der russischen Staatspreise

»Haben Sie als Kind viele Prügel abgekriegt?« fragt ein jovialer Wladimir Putin den US-Regisseur Oliver Stone gegen Ende von dessen vierstündigem Opus »The Putin Interviews«. Stone bejaht. »Dann wird es Ihnen jetzt wieder so ergehen«, prophezeit Putin. Mit dieser Prognose hat er recht gehabt. Über Stones Film hat die sogenannte Qualitätspresse Kübel von Dreck ausgeschüttet; die kreativste Formulierung fand die Süddeutsche Zeitung, die von »Autokratenpornographie« sprach. Was da pornographisch gewesen sein soll, bleibt das Geheimnis der Autorin, es sei denn, sie reizte irgendwie der Umstand, dass Putin an einer Stelle mit halbentblößtem Oberkörper im Judokittel gezeigt wird.

Es stimmt schon: Stone stellt nicht die »harten« Fragen, die sich hiesige Journalisten gegenüber Politikern erlauben, die von der »westlichen Wertegemeinschaft« zur Vorführung freigegeben wurden. Stone bleibt respektvoll, was ihm die professionellen Putin-Fresser als Unterwürfigkeit auslegen. Manche Fragen mag man naiv nennen, etwa die, ob russische Geheimdienste den elektronischen Datenverkehr ihrer Bürger kontrollierten. Putins Antwort: »Nicht in dem Maße wie die amerikanischen, dafür haben wir gar nicht die Infrastruktur«, kommt dann geradezu ehrlich daher, weil er gar nicht bestreitet, dass es geschieht. Aber Stone fragt auch nicht nach. Andere Fragen stammen aus der Kategorie des einverständigen »Finden Sie nicht auch, dass …«, aber die gibt es auch bei den öffentlich-rechtlichen Sommerinterviews mit der Bundeskanzlerin. Kritik an Stones Film von einem journalistischen Standpunkt aus ist also billig zu haben. Sie ist aber auch geschenkt, weil Stone sich offenbar etwas anderes vorgenommen hatte: Putin zum Reden zu bringen und ihn ausreden zu lassen.

Was für einen Putin zeigt Stone? Einen sehr beherrschten, der viele Fragen des Regisseurs vorauszuahnen scheint und teilweise schon wissend lächelt, während Stone sie formuliert. Einen Politiker, der betont, in längerfristigen Perspektiven zu denken, und davon überzeugt ist, dass die unipolare Welt, die die USA nach ihrem Sieg im Kalten Krieg eingerichtet haben, nicht von Dauer sein kann. Einen Befehlshaber mit Zugang zu den Raketencodes, der in der Idylle eines sommerlichen Gartens mit leiser Stimme sagt: »Einen Atomkrieg wird niemand überleben.« Und einen Staatschef, der sich über die Naivität seines Vorvorgängers Michail Gorbatschow lustig macht. Dieser habe geglaubt, die mündliche Zusage der NATO, sich nicht über die Oder-Neiße-Grenze hinweg auszudehnen, sei ausreichend gewesen, sagt Putin und macht dazu mit der rechten Hand in Augenhöhe die russische Gebärde für leeres Geschwätz: Die vier oberen Finger gehen über dem Daumen auf und nieder. »Das geht aber nicht«, fährt er fort, »in der Diplomatie muss man alles schriftlich festhalten, und nicht einmal dann wird es immer eingehalten.«

Man spürt eine gewisse Verbitterung, wenn Putin erzählt, wie die US-Geheimdienste während der beiden Tschetschenien-Kriege die islamistischen Terroristen finanziell und logistisch unterstützt hätten und davon auch nicht ablassen wollten, als er sich darüber persönlich bei George W. Bush beschwert und ihm Beweise vorgelegt habe. Und dann gleich wieder die verbale Deeskalation aus realpolitischen Erwägungen: Die USA hätten Al-Qaida in Afghanistan selbst aus der Taufe gehoben, um der Sowjetunion zu schaden. Jetzt sei sie ihnen aus dem Ruder gelaufen. Das komme vor, sei aber kein Anlass zur Häme (sein Gesichtsausdruck macht deutlich, dass er wohl nicht ganz frei eben davon ist, nur dieses Gefühl für wenig hilfreich hält), es mache nur deutlich, wie nötig ein gemeinsamer Kampf gegen den Terrorismus sei.

Sehr schön ist die Szene, als ihm Oliver Stone ein paar Minuten aus dem Film »Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben« von 1964 vorführt. Anschließend bekommt Putin die DVD als Souvenir, er macht die Hülle auf, sie ist leer, weil jemand vergessen hat, die DVD aus dem Recorder zu nehmen: »Ein typisch amerikanisches Geschenk«, lacht Putin und verschwindet hinter einer hohen Flügeltür. Ist das spontan oder inszeniert?

»Sind Sie ein Zar?« fragt Stone, als er mit Putin durch den einstigen Thronsaal im Kreml spaziert. »Nein«, ist die Antwort; »es kommt nicht darauf an, viel Macht zu haben, sondern mit der, die man hat, vernünftig umzugehen«. Man kann auch sagen: Putin nimmt für sich die seit der Antike als »Mäßigung« gerühmte Herrschertugend in Anspruch, der Versuchung zu widerstehen, sich selbst oder die eigenen Ressourcen zu überschätzen. Die alte Sowjetführung sei dieser Versuchung erlegen – nach Putin einer der Gründe für den Zerfall des Landes. Er spricht mit großer Eindringlichkeit vom Zusammenbruch des gesamten Sozialsystems in den neunziger Jahren als einem Symptom der »Katastrophe«, die das Ende der UdSSR für ihre Bewohner bedeutet habe. Trotzdem gebe es keinen Weg zurück. Die Zähmung der Oligarchen, die er 2001 einleitete, war nach Putins Worten von dem Wunsch geleitet, den neuen russischen Kapitalismus sozialer zu machen.

Natürlich ist Politik auch Selbstdarstellung; natürlich gebietet das gesunde Misstrauen gegenüber Politikern, auch in diesem Film nicht alles für bare Münze zu nehmen. Trotzdem: Putins Antworten wirken nicht einstudiert. Stones Film zeigt einen aktiven Politiker mit einem Grad an Selbstreflexion, der im Westen nur bei Elder statesmen anzutreffen ist – und auch da nicht bei allen.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton