Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 14 / Feuilleton

Gegen den Tod

Von Rafik Will
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In Hoyerswerda gab es im September 1991 das erste Progrom auf deutschem Boden nach Kriegsende. Anschließend kam es zu verhaltenen Protesten dagegen vor Ort

Kunstwerke sind Spekulationsobjekte, gegenwärtig mehr denn je. Die Reichen kaufen Häuser oder Kunst. Den damit einhergehenden Verwerfungen auf dem Kunstmarkt widmet sich Mareike Maage auf unterhaltsame, intelligente und innovative Weise in ihrem Hörspiel  »K für Kunst« (RBB 2015; Di, 20.10 Uhr, DLF). Kunst und Kunstfälschung stehen darin als Figuren ein echtes Drama durch, gemeinsam, denn sie sind »ziemlich beste Freundinnen«. Was dieses Stück so besonders macht, ist der mit beeindruckender Lockerheit gemeisterte Grenzgang zum Feature. Nächtens blickt dann Lorenz Schröters Feature »Ein Fest gegen die BRD – Die Münchener Jugendrevolte ›Freizeit 81‹ und ihre Folgen« (BR 2013; Mi., 0 Uhr, DKultur) zurück auf eine Punk-Künstler-Spaßguerilla, die völlig unironisch Brandanschläge verübte und deren Mitglieder dafür ins Gefängnis gingen.

Einen Perspektivwechsel in der Flüchtlingsdiskussion, was den Blick auf die sogenannten Schlepper angeht, unternahm das Theaterkollektiv Andcompany and Co. mit der preisgekrönten 2015er WDR-Produktion »Orpheus in der Oberwelt: Eine Schlepperoper«. Das empfehlenswerte Stück (eine Audiodatei findet man auf der WDR-Website und bei Youtube) konnte man letzte Woche auch beim Berliner »Performing Arts Festival« als Livehörspiel erleben. Ohne Geräuschemacherklimbim, dafür mit großer Eindringlichkeit, was die stimmlichen Performances und die musikalische Ebene angeht.

Am Mittwoch abend kann man sich Elias Canettis zu Lebzeiten unveröffentlichte, im Wortsinn tatsächlich todesverachtende Textsammlung »Gegen den Tod« (DKultur 2016; Mi., 21 Uhr, HR 2 Kultur) anhören oder sich Friederike Mayröckers anverwandtes Hörspiel »Gefälle« (RIAS 1972; Mi., 21.30 Uhr, DKultur) zu Gemüte führen. In letzterem wird der Tod des Rennfahrers Jochen Rindt zum Ausgangspunkt für Grenzerfahrungen. Er verunglückte 1970 und ist bis heute der einzige Formel-1-Pilot, der nach seinem Tod Weltmeister wurde.

Zum anstehenden Intendantenwechsel an der Berliner Volksbühne empfiehlt sich Jürgen Balitzkis Feature  »Spieler –›Faites vos jeux!‹ an der Berliner Volksbühne« (RBB/DLF 2011; Mi., 22 Uhr, RBB Kulturradio und MDR Kultur), zur Castorf-Inszenierung von Dostojewskis Erzähltext. Das »ARD Radiofeature« hat diesen Monat Tom Mustroph zum Autor, der sich unter dem Titel »Fußball ist unser Tod – Über die Verantwortung der FIFA für die WM 2022 in Katar« (WDR 2017; Ursendung Mi., 22 Uhr, SWR 2) mit denSklavenarbeitern beschäftigt, die die Stadien für eine der dubiosesten Fußballweltmeisterschaften aller Zeiten errichten.

Sehr hörenswert ist auch die Lesung des Autors Gideon Botsch aus dem von Heike Kleffner und Anna Spangenberg herausgegebenen Buch  »Generation Hoyerswerda: Das Netzwerk militanter Neonazis in Brandenburg« (Fr., 8 Uhr, FSK), das 2016 im Berliner Bebra-Verlag erschienen ist. Der Devise »Zeitschriften ins Radio!« folgt die Sendung  »Saufen aktuell – In Farbe hörbar #9« (Fr., 19 Uhr, Pi Radio/88vier) des gleichnamigen Berliner Untergrundmagazins.

Anselm Weidner horcht in  »Die Nachtigall war’s und nicht die Lerche … – Eine Lange Nacht über Singvögel« (DKultur/DLF 2012; Sa., 0 Uhr, DKultur und 23 Uhr, DLF) auf die Stimmen der Piepmätze. Von Ulrike Janssen und Norbert Wehr läuft »Nachbildbeschleunigung – Der Dichter Thomas Kling« (WDR 2006; Sa., 12 Uhr, WDR 3), ein tolles Literaturfeature. Katharina Schlender legt mit »Sie.Du.Ich.Ellen.« (RBB 2017; Ursendung So., 14 Uhr, RBB Kulturradio), eine sehr berührende, literarisch ambitionierte und gekonnt ausgearbeitete feministische Selbstermächtigungsgeschichte vor.

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