Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 10 / Feuilleton

Geländegewinne

Von Helmut Höge
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»Ideen Epikurs« beim Fusion-Festival in Lärz

Was hat der ehemalige Flugplatz des 19. Jagdbomberregiments der Sowjetarmee im mecklenburgischen Lärz gemeinsam mit der verlassenen Abhörstation der NSA im Berliner Grunewald, einer abgewickelten Ziegelei bei Lehrte bei Hannover (heute »Zytanien« genannt) und dem langjährigen DDR-Ferienlager in Kuhlmühle bei Wittstock (vormalig »Führerschule der Hitler-Jugend«)? All diese Areale werden heute von der anarchistisch inspirierten Bachelor-Generation genutzt, als temporäre »Locations« für das drogenbefeuerte Abfeiern zu Lieblingsmusik, aber auch für Workshops über Widerstand und Veganismus. Es geht um Sport, Spiel und Spaß im weitesten Sinne. »Sie wollen alle bloß jung bleiben und keine Verantwortung übernehmen«, meint eine Kritikerin, die aber gerne dort mitmacht, u. a. als »Speaker«.

Bei den allsommerlich in »Coolmühle« oder auf dem Gelände des Fusion-Festivals in Lärz stattfindenden »Weltkongressen der hedonistischen Internationale« wird »A-nar-chia« gejodelt. Auf Arealen, deren Größe einem Dutzend märkischer Dörfer entspricht, wird staatsferne bzw. -feindliche Selbstorganisation aufs sinnlichste und feinste realisiert. Obwohl oder weil den Hunderten Mitwirkenden nichts ferner liegt als Stress. In Lärz wurden von 8. bis 11. Juni in Vorträgen u. a. Analysen rechter Organisationen wie der »Identitären« geboten. Orgformen wie das »Peng-Kollektiv« stellten aufwendige Inszenierungen gegen üble Konzerne und Geheimdienste zur Diskussion. Dabei wurden Ähnlichkeiten mit den Aktivitäten der »Yes Men« oder des »Bundesverbandes der Schlepper und Schleuser« deutlich, mit denen »Peng« irgendwie zusammenhängt. Entfernt gibt es hinsichtlich der Arbeitsorganisation wohl auch Ähnlichkeiten mit »Wikipedia«, wo es heißt: »Die Hedonistische Internationale ist ein loses internationales Netzwerk aktionsorientierter linker Gruppen und Einzelpersonen. Es besteht seit 2006 und hat mehr als 30 Sektionen in Deutschland, Österreich, Italien, USA, Russland und der Schweiz.«

Vor, in oder nach dem Bachelor-Examen sorgen diese Linken bei den Massenveranstaltungen als »Neuköllner WGs« für Infrastruktur und Gastronomie. Sie begreifen den Hedonismus »nicht als Motor einer dumpfen, materialistischen Spaßgesellschaft, sondern als Chance zur Überwindung des Bestehenden«, »wollen Freude, Lust, Genuss und ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit für alle Menschen« sowie »fröhliches Miteinander, Anarchie, die Ideen Epikurs, bunte Freude, Sinnlichkeit, Ausschweifung, Freundschaft, Gerechtigkeit, Toleranz, Freiheit, sexuelle Freizügigkeit, Nachhaltigkeit, Friede, freien Zugang zu Information, Kunst, kosmopolitisches Dasein, eine Welt ohne Grenzen und Diskriminierung«.

Epikur? Ja, der, dessen Schule einst im »Garten« (kepos) stattfand. Auch die oben aufgezählten »Locations« sind Gärten – voller Haine und phantastischer Architekturen, in denen Schwalben und Mauersegler brüten. In den Gebäuden der Lehrter Ziegelei nimmt ihre Brut sogar an den Workshops teil. Diese werden vom Hannoveraner »Fuchsbau«-Kollektiv, bestehend aus Kultur- und Sozialwissenschaftlerinnen, organisiert. Über ihr nächstes »Fuchsbau-Festival« im August schreiben sie: »Kommet zusammen, ihr digitalisierten Seelen! Wir programmieren uns gegenseitig zu Liebesmaschinen. Wir lösen uns von den Ketten unserer analogen Existenz. Ihr einsamen Menschen und gefühlvollen Cyborgs, reibt euch den Schlafsand aus den viereckigen Augen und schreitet mit uns gen technischer Utopie!« Das ist keine Drohung und auch nicht illusionär, aber durchaus kontrovers: Nicht wenige propagieren in einer Art Wiederholungsschleife der Hippiebewegung eine eher antitechnische, gar antimathematische Utopie, ich zum Beispiel, deswegen werde ich den Fuchsbau links liegen lassen.

Die NSA-Abhörstation auf dem Westberliner Teufelsberg hat Gärten, Wald und Technik. Zwei riesige Silos, in denen einst um die 1.500 Geheimdienstmitarbeiter täglich zwei Tonnen Papier mit Abhörprotokollen vollschrieben, dienen heute als »Musensitze« für Teufelsberg-Künstler. Derzeit sind dort zwei kleine Ausstellungen zu sehen, eine über »Women for Peace« und eine über »Trümmerfrauen«. Die hatten nach dem Krieg an dem Ort 26 Millionen Kubikmeter Schutt über die zertrümmerte »Wehrtechnische Fakultät der Technischen Universität« gekippt. Auf dem Radarturm oben hat man einen guten Überblick über Berlin, das wie eine einzige grüne Hölle aussieht, nur am Horizont sieht man ein paar Häuser und den winzigen Fernsehturm. Und unten kann man nackt baden.

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