Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 12 / Thema

Die Kinder der Serhildans

Im März 2016 begann in der türkisch-syrischen Grenzstadt Nusaybin der Widerstand der kurdischen Zivilschutzeinheiten YPS gegen die türkische Armee. Die Schlacht wurde zu einem Alptraum für die Truppen Ankaras

Von Peter Schaber, Kamischli
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Straßenkampf gegen die türkische Armee – Angehörige der Zivilverteidigungseinheiten (YPS) in der kurdischen Stadt Silvan, 160 Kilometer nördlich der türkisch-syrischen Grenze im August 2015

Von dem Balkon meines Zimmers im nordsyrischen Kamischli aus kann ich in der Nacht die Lichter Nusaybins sehen. Sie sind nicht weit entfernt, wenige hundert Meter. Und doch sind sie unerreichbar, denn sie liegen auf der anderen Seite der Grenze, in der Türkei. Die beiden mehrheitlich kurdischen Städte trennt ein Teil jenes schwer befestigten und bewachten Walls, den das Regime in Ankara in den vergangenen Jahren entlang der gesamten syrisch-türkischen Grenze errichten ließ. Die Architekten dieses monströsen Bauwerks behaupten, es müsse hier stehen, um die Türkei vor »Terrorismus« zu schützen. In Wahrheit aber hat die Existenz der mehr als 900 Kilometer langen Befestigungsanlage nur einen einzigen Grund: Sie soll die Trennung der Kurden im Südosten der Türkei von jenen, die im Norden Syriens leben, verewigen.

Vor etwas mehr als einem Jahr stand ich auf der anderen Seite der Mauer. In Nusaybin herrschte Krieg. Ankara hatte den seit 2013 andauernden Friedensprozess mit der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) bereits im Juli 2015 aufgekündigt, und in allen größeren kurdischen Städten des Landes, auch in Nusaybin, hatten sich vor allem jugendliche Aktivisten bewaffnet, um ihre Viertel vor dem Zugriff zunächst der Polizei und später des Militärs zu schützen.

Die Schlacht hätte asymmetrischer nicht sein können: Auf der einen Seite standen die neugegründeten Yekineyen Parastina Sivil (YPS), die Zivilverteidigungseinheiten der kurdischen Bevölkerung. Auf der anderen eine NATO-Armee mit modernster Waffentechnik und fast endlosem Nachschub an Logistik und Soldaten. In Cizre, Amed (türkisch Diyarbakir), Gever (Yüksekova), Nusaybin und Dutzenden weiteren Orten verhängten die Behörden ab dem Herbst 2015 Ausgangssperren. Wer sich dennoch auf die Straße traute, riskierte, von Scharfschützen erschossen zu werden. Hunderte Zivilisten wurden ermordet, Hunderttausende aus ihren Häusern vertrieben.

Zwischen zwei Phasen dieses Ausnahmezustandes gelang es mir und zwei weiteren Kollegen im Januar 2016, nach Nusaybin zu kommen, wo uns die Kämpfer der YPS in Empfang nahmen. Wir tranken Tee, führten einige Interviews, saßen zusammen und diskutierten. Wenige Wochen nachdem wir die Stadt verlassen hatten, schlug die Kriegsmaschinerie des türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan mit allem zu, was ihr zur Verfügung stand. Die Jugendlichen hielten dennoch 72 Tage durch, bevor sie sich zurückziehen mussten.

»Den Müll rausbringen«

»Die Mehrheit unserer Kämpferinnen und Kämpfer waren Jugendliche ohne große militärische Vorbildung«, erinnert sich Hogir Tolhildan*. »Die Jugend Nusaybins hatte kaum militärische oder ideologische Bildung, bevor sie in den Krieg ziehen musste. Aber es sind Jugendliche, die unter dem Einfluss der Kultur der PKK aufwuchsen, die in der Gesellschaft verankert ist. Sie sind die Kinder der Serhildans, der Volksaufstände Kurdistans.«

Um die Jugendlichen auszubilden und sie zu unterstützen, wurden einige Dutzend PKK-Kader aus den Bergen in die umkämpften Städte verlegt. Einer von jenen, die nach Nusaybin kamen, war Hogir Tolhildan. Er blieb bis zum Ende der Gefechte, verlor ein Bein durch Feindbeschuss. Heute lebt er in einer Stadt im Irak, versteckt vor dem Zugriff der türkischen Repressionsbehörden. Nur unter der Bedingung, dass sein Aufenthaltsort geheim bleiben muss, stimmt er einem Gespräch zu.

»Heute schätzen wir den Städtekampf in Nusaybin, Cizre und Amed als genauso wichtig ein wie den Gefängniswiderstand der Gründergeneration der PKK in den 1980er Jahren«, erklärt er. »Beide fanden in einer Periode statt, in der der Feind besonders hart angriff und versuchte, die PKK zu brechen. Durch ihren Widerstand gegen die Folter im Gefängnis von Amed Anfang der 1980er Jahre wehrten Genossen wie Mazlum Dogan und Kemal Pir den Versuch des Staates ab, uns zu zerstören.« Der Unterschied zwischen damals und heute bestehe aber in der Zusammensetzung des Widerstands: »Damals waren es Führungskader der Partei, die sich gegen die staatliche Willkür stellten. Im Städtekrieg in Nusaybin, Cizre und Amed war es die Bevölkerung selbst.«

Um den Krieg in den Städten Bakurs, wie die Kurden den Südosten der Türkei nennen, zu verstehen, müsse man die Langzeitstrategie analysieren, die Ankara verfolge, sagt Tolhildan. Nach der Semzinan-Offensive der Guerilla im Jahr 2012 und großen zivilen Widerständen der kurdischen Bewegung sei die türkische Regierung gezwungen gewesen, ab 2013 Friedensgespräche unter Vermittlung des inhaftierten PKK-Gründers Abdullah Öcalan zu akzeptieren. Diese hätten zwar bis Mitte 2015 angedauert, allerdings habe das türkische Militär schon 2014 begonnen, einen Plan mit dem Titel »Den Müll rausbringen« auszuarbeiten. »Es wurde kalkuliert, dass Daesch (der ›Islamische Staat‹, jW) Kobani einnimmt, den Kanton Afrin isoliert und sich weiter nach Osten, nach Cizire, ausbreiten wird. Gleichzeitig wollte der türkische Staat das Gebiet zwischen Nusaybin und Silopi angreifen, die ›Botan-Linie‹, wie wir es nennen. Im selben Atemzug sollte die Führung in den Bergen bombardiert werden. Sie berechneten sogar, dass dabei etwa 20.000 Menschen sterben würden.«

Für die Durchführung eines Angriffs auf die »Botan-Linie« habe sich die in der Türkei herrschende Clique rund um Präsident Recep Tayyip Erdogan spätestens im April 2014 entschieden, meint der PKK-Guerilla: »Serokati« – kurdisch für »die Leitung«, also Abdullah Öcalan – »hatte uns gemahnt: Wenn die vorgeschlagene Lösung nicht trägt, werde ein großer Krieg kommen. Das sagte er zu uns und zum Staat gleichermaßen.«

Als der Staat im April 2015 die Gespräche abbrach und sich tödliche Anschläge auf die legale zivile Partei der kurdischen Bewegung, die HDP, sowie sozialistische Gruppen häuften, begannen die Mitglieder der Jugendorganisation der PKK, der Yurtsever Devrimci Genclik Hareketi (Revolutionäre patriotische Jugendbewegung, YDGH), zu Gesprächen über die Lage zusammenzukommen. »Es wurde klar, dass wir in den Nachbarschaften, den Dörfern und Städten anfangen mussten, die Selbstverteidigung vorzubereiten und die Gesellschaft zu warnen sowie die Selbstverwaltung auszubauen und zu festigen«, erinnert sich Hogir Tolhildan. »Wir beschlossen, Vorbereitungen für den kommenden Krieg zu treffen.«

»Wir lernten im Kampf«

Aus der YDGH gingen dann die Zivilverteidigungseinheiten und ihre Frauenabteilungen YPS-Jin hervor. Als ich im Januar 2016 in Nusaybin ankam, war seit der offiziellen Gründungserklärung der YPS in der Grenzstadt kaum ein Monat vergangen. Die Stadtteile, in denen sich die Bewegung verschanzt hatte, waren aber schon abgesichert wie Festungen. Den Weg über die nach dem berühmten kurdischen Sänger Ahmet Kaya benannte Brücke in das Viertel Firat verstellte ein durchlöcherter und ausgebrannter Tanklaster. Hunderte oft meterhohe Barrikaden aus Pflastersteinen und Sandsäcken hatten die Jugendlichen errichtet, davor Gräben gegen Panzerfahrzeuge.

Im gesamten Stadtteil sah ich Menschen, die unentwegt mit Spitzhacken und Schaufeln die Gehwege aufbrachen, Durchgänge in Mauern schlugen und neue Verteidigungspositionen errichteten. Schon zu dem Zeitpunkt, als ich Nusaybin besuchte, hatte der Staat mehrfach versucht, die kurdische Bewegung aus den von ihr gehaltenen Stadtvierteln zu vertreiben. Zunächst ab Herbst 2015 unter der Ägide der Polizei, die in der Türkei stark militarisiert ist und selbst schwere Waffen einsetzt. Als das scheiterte, übergab Erdogan im Dezember 2015 der Armee das Oberkommando über die Operation.

Die Jugendlichen selbst passten sich schnell der jeweiligen Situation an: »Wir waren am Anfang nicht so gut ausgebildete Kämpfer wie jetzt. Jede Ausgangssperre, jeder Angriff war für die Jugendlichen eine Art Erziehung«, erklärte mir damals einer der Stadtguerillas. »Zuerst lernten wir, Barrikaden wie diese hier zu bauen. Dann kamen Scharfschützen, und wir lernten, wie wir mit ihnen umgehen müssen. Wir lernten auch, wie man sich bei Bombardements verhalten muss. Wir haben uns all das beigebracht, während der Feind uns angegriffen hat. Die Menschen lernten, indem sie kämpften.«

Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, die nicht selbst militärisch kämpfte, unterstützte die Aktionen der YPS. Die Stimmung war gemischt. Man hatte Angst vor dem, was kommen würde. Aber man war nicht gewillt, den Besatzern einfach das Terrain zu überlassen.

Die große Schlacht begann am 13. März 2016. »Als der Krieg begann, waren wir überrascht: Der Feind kam in langen Kolonnen, marschierend. Sie tun das sonst nie. Sie versuchen, ihre Truppen versteckt zu bewegen, geschützt in gepanzerten Fahrzeugen. Aber diesmal war es anders. Unser Kommandant für den gesamten Bereich Nusaybin sah das und sagte zu uns: Zum ersten Mal betritt die türkische Armee ein Schlachtfeld mit Ehre, ohne sich zu verstecken.«

Erneut verhängte der Staat eine Ausgangssperre. Diesmal aber war das Aufgebot zur Durchsetzung der Maßnahme riesig. 15.000 Soldaten verlegten die Streitkräfte nach Nusaybin. »Die Jugendlichen scherzten über dieses Missverhältnis. ›15.000?‹ fragten sie. ›Das reicht ja gerade mal für eines unserer Teams‹«, sagt Hogir Tolhildan lachend. Auf der anderen Seite standen etwa 200 meist jugendliche Kämpferinnen und Kämpfer, von denen etwa 65 militärisch ausgebildet waren.

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Die mehrheitlich kurdisch bewohnte türkische Grenzstadt Nusaybin nach den Angriffen des Militärs (25.7.2016)

Nicht nur numerisch, auch technisch waren die türkischen Truppen haushoch überlegen: »Die schwersten Waffen, die wir hatten, waren RPGs, also Panzerfäuste. Ansonsten hauptsächlich Kalaschnikows und selbstgebaute Bomben. Der Staat dagegen hatte alles: Artillerie, Panzer, Mörser, schwere Maschinengewehre wie Doschkas, Helikopter, Drohnen. Und sie setzten alles ein.« Viele der Waffen, die Ankaras Stoßtrupps verwendeten, habe man zum ersten Mal überhaupt gesehen. »In unseren Berichten schrieben wir oft Dinge wie: ›Die Soldaten verwendeten ein Rohr, aus dem Feuer kam, und danach stürzte ein Haus ein.‹«

Das Nusaybin-Syndrom

Dennoch wurde Nusaybin zu einem Alptraum für die türkische Armee. »Wir ließen sie durch die ersten Verteidigungslinien und beobachteten, wie sie sich bewegten. Am Anfang verwendeten wir fast nur Sabotagetaktiken, um sie anzugreifen. Das hatte einen starken Effekt, denn sie kamen mit vielen Soldaten, die in großen Gruppen unterwegs waren. Sie laufen also in die Stadt, einer tritt auf etwas, was er nicht bemerkt hat, und schon ist die ganze Gruppe ausgeschaltet.« Vor allem mit IEDs, improvisierten Sprengfallen, und gezieltem Scharfschützenfeuer brachen die YPS den ersten Ansturm. Entscheidend sei die Fähigkeit der Guerilla gewesen, sich, ohne gesehen zu werden, in der Stadt zu bewegen: durch Tunnel, Durchbrüche in Häuserwänden oder schlichtweg deshalb, weil das Gebiet ihre Heimat war und sie es kannten. Dass die YPS überall und aus dem Nichts zuschlagen und sich wieder zurückziehen konnten, verunsicherte die Soldaten.

Nach einem Monat änderte die Armeeführung die Taktik. Das Militär zog sich etwas zurück und verwendete schwere Distanzwaffen, Artillerie und Panzer, mit denen die Nachbarschaften beschossen wurden. Von Zeit zu Zeit kamen Spezialeinheiten, um die Wirkung des Beschusses zu überprüfen.

Der Effekt, den die Guerillakriegführung auf die türkische Armee hatte, war immens. Hogir Tolhildan schätzt, dass etwa 600 Soldaten und Polizisten in den 72 Tagen der Gefechte fielen. »Der Staat war einfach nicht in der Lage, die Stellungen der Genossen einzunehmen. Diese Situation dauerte eine lange Zeit an, und am Ende war die Moral der türkischen Soldaten auf einem Tiefpunkt. Sie versuchten die Motivation der Soldaten wiederherzustellen, indem immer wieder hochrangige Generäle die Front besuchten oder irgendwelche Künstler für die Soldaten auftraten. Aber es half nichts. Es gab einfach zu viele Tote.«

Selbst die ansonsten eher auf das Verschweigen eigener Opfer bedachte nationalistische Presselandschaft der Türkei kam auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen nicht umhin, von der misslichen Lage zu berichten, in der sich Armee und Polizei befanden. Das »Nusaybin-Syndrom« wurde zu einem geflügelten Wort. »Die Zahl der Gefallenen zerstört die Psychologie, Zahl der Selbstmorde gestiegen«, schrieb die bürgerliche Cumhuriyet. Rechte Medien veröffentlichten Briefe aus Nusaybin, die den Schaden dokumentieren, die der kurdische Widerstand der Angriffsarmee zufügte. »Jeden Tag schwindet die Entschlossenheit mehr«, hieß es in einem offenen Brief von Einsatzkräften aus Nusaybin, den die nationalistische Milliyet auf der Titelseite abdruckte. Die Soldaten und Polizisten beklagten ihre toten Kameraden. Vier Tabure – türkisch für Bataillone – seien einfach verschwunden. Vier andere der Jandarma Özel Harekat (JÖH), der Spezialkräfte der Gendarmerie, seien für die Operation zusammengestellt worden: »Sie erwarten euch auf den Märtyrerfriedhöfen und in den Krankenhäusern. Wenn ihr es nicht glaubt, fragt nach.«

Freundschaft und Überzeugung

Auf der anderen Seite der Barrikade stellte sich die Situation genau umgekehrt dar: Die YPS-Kombattanten durchlitten, betrachtet man die Geschichte rein physisch, eine wesentlich schwerere Zeit. »Wir waren in kleinen Teams aus drei Personen organisiert. Und diese drei Personen mussten für ihre Einheit alles erledigen: Sie mussten Wachschichten schieben, die Logistik organisieren, sauberes Wasser besorgen, Tunnel graben. Jeweils drei Menschen mussten sich all diese Arbeiten teilen. Man schlief drei, vier Stunden pro Nacht«, erinnert sich Hogir Tolhildan. Die Vorräte für die medizinische Versorgung der Verwundeten waren zu gering, jeder Gang, um logistische Notwendigkeiten zu bewältigen, war lebensgefährlich. »Man musste alle Probleme mit Kreativität und im Kollektiv lösen. Es geht nicht nur darum, irgendwie mit der Situation klarzukommen. Eine revolutionäre Haltung ist es vielmehr, den Spieß umzudrehen und selbst die scheinbar aussichtsloseste Lage in einen Sieg zu verwandeln.«

Wie konnten die Jugendlichen das durchhalten? »Man kann das gar nicht verstehen, wenn man nicht den Willen und die Überzeugung dieser jungen Menschen hervorhebt«, antwortet Hogir Tolhildan. »Ohne eine hohe Motivation und Moral kann man eine solche Situation nicht überleben.« Die Moral sei immer hoch gewesen, manchmal habe eine Stimmung geherrscht, als sei gar kein Krieg. »Trotz all des Leids, der Entbehrungen, des Todes so vieler Freunde war die Stimmung nie deprimiert. Klar, in dieser Situation gab es kaum Essen, kaum Wasser, kaum Medizin. Aber nie beschwerte sich jemand: Warum muss ich jetzt hungrig sein? Wieso habe gerade ich Nachtschicht? Es war pure ›Hevalti‹ zwischen den Kämpfern.«

Hevalti – man kann das Wort grob mit »Genossenschaftlichkeit« oder »Freundschaft« übersetzen – bildet einen der zentralen Werte innerhalb der Arbeiterpartei Kurdistans. Im wesentlichen ist jene Haltung der Selbstaufopferung für die eigenen Weggefährten gemeint, die bereits in der Frühzeit der Bewegung im damals noch engen Kreis an Gleichgesinnten entstand, der sich in den 1970er Jahren um Abdullah Öcalan sammelte.

Hevalti kennzeichnet das kommunale Leben der Guerilla, in dem die Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der anderen Weggefährten höhergestellt wird als die eigenen Interessen. Das Geschick der gesamten Organisation wiederum wird der Sache der Revolution und dem Schutz der Bevölkerung untergeordnet. »Die Freundschaft, die sich unter den Kämpfenden entwickelt hatte, war stärker als jede Erschöpfung. Die Müdigkeit, die Verletzungen, die Erschöpfung wurden überwunden – für die Freunde«, erklärt Hogir Tolhildan stolz. »Wenn zwei Freunde über Straßen liefen, die von Scharfschützen einsehbar waren, kam es immer zum Streit, wer in der gefährlicheren Position laufen darf. Jeder der Kämpfer wollte lieber selber fallen, als einen Genossen in Gefahr zu bringen. Wenn man begreifen will, was das Wesen der PKK ist, dann muss man dieses Verhalten verstehen lernen. Es ist eine Kultur der Selbstaufopferung.«

Diese Einstellung mag von außen betrachtet eigentümlich klingen. Man mag, wie in der liberalen Linken des Westens üblich, der Kompromisslosigkeit dieser Auffassung skeptisch gegenüberstehen. Eigentlich aber ist diese Auffassung in allen großen Kämpfen der Arbeiterbewegung, in allen Rebellionen und Revolutionen gegenwärtig gewesen. Hogir Tolhildan stellt den historischen Bezug her: »Wir können den Widerstand von Nusaybin in einer Traditionslinie mit der Pariser Commune und der Schlacht um Stalingrad sehen. Wir sind es, die in Stalingrad gekämpft haben, wir waren es, die in der Pariser Kommune gekämpft haben, und wir haben Kobani verteidigt. Wir sind Revolutionäre mit diesem Erbe.«

Flexible Guerillataktik

Am 26. Mai 2016 zogen sich die Zivilverteidigungseinheiten aus Nusaybin zurück. »Es ist ein wichtiges Resultat, dass der Widerstand bis zum heutigen Tag durchgehalten hat, obwohl die Kräfte, die im Namen des türkischen Staates agierten, jede mögliche Technik eingesetzt haben, sogar Kampfflugzeuge«, hieß es in der Erklärung zur Verlagerung der YPS-Kräfte aus der Stadt. »Unter diesen Bedingungen rücksichtsloser Zerstörung durch die Kräfte des Staates war es für uns nötig, die Position zu wechseln.«

Auch in Amed, Cizre, Sirnak, Gever und anderen Dörfern und Städten stellte die türkische Besatzungsmacht vorübergehend Totenruhe her. Große Teile der bevölkerungsreichsten Städte des Südostens wurden zerstört. Dennoch endete der Krieg in Bakur nicht, im Gegenteil. Der bewaffnete Arm der PKK, die Hezen Parastina Gel (HPG, Volksverteidigungskräfte), begann eine Offensive, in deren Verlauf Angaben der Guerilla zufolge allein im Jahr 2016 1.736 türkische Soldaten, darunter 21 hochrangige Offiziere, getötet wurden.

Der Krieg hoher Intensität geht bis heute weiter, und die PKK erwartet, dass er sich noch über Jahre hinziehen wird, sollte das türkische Regime nicht vorher zusammenbrechen. Die Unfähigkeit der türkischen Behörden, die kurdische Bewegung entscheidend zu schlagen, hat ihren Grund auch in der Wandlungsfähigkeit der Guerillakriegsführung. »Die Taktik der Guerilla ist wie Schach. Man hat 16 Figuren und kann Tausende von Zügen durchführen. Es gibt nur acht musikalische Noten, aber mit ihnen kann man Tausende von Melodien schreiben. Der Stil der Guerilla ist ähnlich. Wie viele Maßnahmen auch getroffen werden, die Guerilla wird einen Weg finden zuzuschlagen und ihre Aktionen durchzuführen«, erklärte der hochrangige HPG-Kommandant Bahoz Erdal in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Firat News Mitte April 2017.

Der Erklärung war ein Anschlag in Amed vorangegangen. Guerillas hatten von einer Baustelle aus einen 90 Meter langen Tunnel bis unter das zentrale Polizeihauptquartier gegraben und mehr als zwei Tonnen Sprengstoff deponiert. 83 türkische Sicherheitskräfte starben, und zahlreiche gepanzerte Fahrzeuge wurden zerstört.

* Name von der Redaktion geändert

Peter Schaber schrieb an dieser Stelle zuletzt am 30. März 2017 über das Leben der kurdischen Guerilla in den Bergen des Nordirak

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Für Freiheit und Frieden Kurdistans Kampf um Selbstbestimmung

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