Aus: Ausgabe vom 15.06.2017, Seite 15 / Medien

Salto in der Provinz

Kleine linke spanische Medien vereinen sich und gründen landesweites, tagesaktuelles Onlinemedium mit lokalen Schwerpunkten

Von Carmela Negrete
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Alternativer Zusammenschluss: Gründungstreffen von El Salto im April in Madrid

Ende Juni soll es soweit sein. Da erscheint das spanische linke Medium El Salto (»der Sprung«). Der Name stammt aus einer satirischen Aktion der Wochenzeitung Diagonal, die vor zwölf Jahren einen »großen Sprung nach vorne« wagte, um aus einem punkigen Studentenfanzine namens Molotov ein Qualitätsmedium zu machen. Mit Erfolg (jW berichtete).

Bis Dezember war Diagonal mit eine Auflage von rund 15.000 Exemplaren eine der Empfehlungen in der linken Medienlandschaft. Dann löste das Magazin sich auf, und zusammen mit mehr als 20 anderen kleinen Publikationen wurde die neue Genossenschaft El Salto gegründet. »Wir wollten nicht mehr mit befreundeten Medien konkurrieren, sondern kooperieren, somit unsere Kräfte vereinen und ein großes Medium herausbringen, das nach anderen Regeln funktionieren soll«, sagt Martín Cúneo, einer der Redakteure von El Salto in Madrid, zu jW.

Praktisch heißt das: 130 Mitarbeiter und acht lokale Redaktionen stehen für das Projekt zur Verfügung. Der Zusammenschluss stellt bis heute eine große Herausforderung dar. Die kleinen Publikationen teilen nun eine Entscheidungsstruktur, einen Haushalt von rund 700.000 Euro sowie Mitarbeiter.

El Salto ist eine Fusion aus Printmedien wie der Zeitschrift Atlántica XXI, einer unabhängigen Publikation aus Asturien, die oft investigative Geschichten veröffentlicht hat, bis hin zu Blogs wie der feministischen Seite Pikara Magazin oder der Wirtschaftsseite El Salmón a contracorriente (etwa: »Der Lachs in der Gegenströmung«; die Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen in Spanien waren immer lachsfarben). Auch die Onlinezeitung Soberanía Alimentaria (Ernährungssouveranität), deren Herausgeber die Via Campesina (eine weltweite Bauernbewegung) ist, ist nun Teil der Genossenschaft.

»Es ist schon sehr schwierig, sich zu koordinieren, vor allem wenn man nicht so viele Ressourcen hat wie wir«, erklärt uns Cúneo. Die Videokonferenzen ersetzten nur mit Mühe den persönlichen Kontakt. Aber: »Wir machen schon etwas ganz Neues, das noch nicht gewagt wurde, nämlich so viele kleine Projekte auf der Basis der Demokratie zu koordinieren.«

El Salto gehört zu 40 Prozent den Lesern. Wer unter ihnen ab drei Euro pro Monat für ein Onlineabonnement für Seiten zahlt, die ohnehin frei zugänglich sind und unter Creative Commons License stehen, darf an den jährlichen Vollversammlungen teilnehmen sowie bei Onlinebefragungen über wichtige organisatorische Themen abstimmen. Ab sechs Euro bekommt man dann die monatliche Zeitschrift El Salto, die seit März an mehr als 5.000 Kiosken in ganz Spanien (mit sieben verschiedene lokalen Ausgaben sowie Inhalten) zu erwerben ist, frei Haus. Fast die Hälfte der Abonnenten erhält sie per Fahrradkurier. »Dort, wo es mehr als 100 Abonnenten gibt, versuchen wir das zu organisieren«, erläutert Cúneo.

Bis Sommer sollen es bis 7.500 Abos werden, und bisher läuft das gut. 6.600 waren bis Anfang Juni abgeschlossen. Bis Ende des Jahres müssen 10.000 erreicht werden, damit die finanzielle Grundlage gesichert ist. Mit Rabatten für Bücher, Konzerte, Theaterstücke oder für Fair-Handel-Produkte sollen die Leser gewonnen werden, möglichst ein Förderabo für zehn Euro pro Monat abzuschließen.

Die bis zu 80 gedruckten Seiten der Zeitschrift werden von den Redaktionen in Andalusien, Galizien, Aragonien, Madrid, Navarra, Valencia, Asturien und Madrid recherchiert und geschrieben. Potente lokale Medien mit vielen Lesern wie Pamplonauta aus Navarra oder Praza Publica aus Galizien bringen dann sicherlich ihre Leser mit. Traditionsreiche Publikationen wie die marxistische Monatszeitschrift Viento Sur oder die Zeitschrift Pueblos bringen eine andere Qualität und Erfahrung ein.

Hierarchien gibt es bei El Salto nicht. Alle bekommen den gleichen Lohn. Etwas mehr als bisher bei Diagonal, denn zu El Salto gehört auch eine größere Professionalität: Die freien Autoren wie die Mitarbeiter sehen, dass sich ihre Entgeltbedingungen verbessern. Das ist eine der »roten Linien«, die nicht aufgegeben werden sollen, deshalb aufgeschrieben wurden und an denen festgehalten wird.

El Salto wird nicht das gesamte Tagesgeschehen abdecken können. Deshalb sagt Martín Cúneo, dass sie »nicht die Ersten, aber die Besten sein« wollen. Das heißt, der Leser kann von den täglichen Nachrichten vor allem linke Analyse und Realitätsdarstellung erwarten. Mit Schwerpunkt auf der lokalen Ebene, aber mit einem nationalen und internationalen Kontext. Wichtig ist es auch, alle Möglichkeiten, die das Internet bietet, auszunutzen. So sollen Videos, Radiobeträge sowie Bildgalerien eine große Rolle spielen. Dafür sind Projekte an Bord wie die Webseite La entrevista del mes (Das Monatsinterview), die bisher von den Lesern finanziert wurde und einstündige, politisch relevante Interviews auf Video anbietet.

Derzeit entstehen gerade ähnliche Projekte in Griechenland sowie in Italien. El Salto bringt dabei Knowhow und Erfahrung mit. Geplant ist, dass die neue Genossenschaft mit den Projekten in beiden Länder kooperiert: Inhalte teilen und Texte übersetzen.

saltamos.net

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