Aus: Ausgabe vom 15.06.2017, Seite 5 / Inland

Dumpingakademiker

Bachelorabsolventen verdienen deutlich weniger Geld. So war es auch geplant

Von Ralf Wurzbacher
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Jobs gibt es für Bachelorabsolventen genug – die Bezahlung ist allerdings schlechter als bei Akademikern mit Diplom- oder Masterabschluss.

Die neoliberalen »Hochschulreformen« greifen: Junge Menschen lernen heute weniger, wissen weniger – und werden schlechter bezahlt. Für letzteres lieferte jetzt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) den empirischen Beleg. Nach einer am Dienstag in Nürnberg vorgelegten Studie verdienen Bachelor­absolventen auf längere Sicht deutlich weniger Geld als Uniabgänger mit Diplom- oder Masterabschluss. Während die jeweiligen Einstiegsgehälter noch recht nah beieinanderliegen, werden die Unterschiede mit jedem Berufsjahr größer. Dazu passend, hat aktuell die OECD ermittelt, dass Arbeitsplätze mit mittlerer Qualifikation in den Industriestaaten dramatisch weggebrochen sind. Dafür boomen die Billigjobs.

In der IAB-Untersuchung zur Einkommensentwicklung unter Akademikern heißt es bilanzierend: »Damit bestätigen unsere Analysen den bekannten Befund, wonach sich Bildung lohnt – und zwar mit dem Alter tendenziell zunehmend.« Der umgekehrte Schluss trifft es besser. Während Absolventen noch vor 20 Jahren relativ gleichwertige Abschlüsse in puncto Qualität und späterer Vergütung aufbieten konnten, herrscht heute eine Art Zweiklassengesellschaft. Wer die Hochschulen mit einem Bachelor verlässt, landet in der Regel in Jobs mit geringerem Anforderungsprofil, ungünstigeren Aufstiegs­chancen und schlechterer Bezahlung als Bewerber mit Diplom oder Master. Faktisch wurde höhere Bildung durch die Umstellung auf die zweistufige Studienstruktur im Rahmen der Bologna-Reform also entwertet und für zunehmend mehr Menschen weniger lohnend.

Wie das der Bundesagentur für Arbeit (BA) angeschlossene IAB herausfand, verdienen 25jährige Beschäftigte mit Master- oder Diplomabschluss im Schnitt rund 2.900 Euro brutto im Monat, während solche mit Bachelor es zum Berufsstart auf 2.750 Euro bringen. Nach zehn Jahren beträgt die Kluft dann bereits 500 Euro (3.880 Euro/4.380 Euro). In der Gesamtsicht bescheren die höheren Abschlüsse in den ersten zehn Berufsjahren einen Einkommensvorteil von im Mittel mehr als 600 Euro pro Monat (3.858 Euro/3.235 Euro). Dagegen sind Beschäftigte mit Bachelor nur knapp bessergestellt als diejenigen mit Fortbildungsabschlüssen wie einem Meister oder Techniker (3.219 Euro).

An den Ergebnissen zeigt sich, dass mit dem Bachelor quasi eine komplett neue Berufsgruppe geschaffen wurde, verortet zwischen hochqualifizierten Akademikern und gehobenen Facharbeitern. Mit ihm sind viele Karrierewege schlicht nicht gangbar. Wer etwa in der öffentlichen Verwaltung eine Laufbahn im höheren Dienst anstrebt, dem nützt ein Bachelor wenig. Mit einem Lehramtsbachelor kann man nicht Lehrer werden, mit einem Bachelor in Psychologie nicht als Psychologe praktizieren.

Die Spaltung der Akademikergemeinde war auch das entscheidende Antriebsmoment für die im Jahr 2000 eingeleitete Umstellung, in deren Verlauf die traditionellen Abschlüsse Diplom, Magister und Staatsexamen fast vollständig getilgt wurden. Allerdings wurde der Wunsch der deutschen Wirtschaft nach passgenauen und kostengünstigen Kandidaten bislang nur mit Abstrichen erfüllt. Seitens der Industrie gab es wiederholt Klagen, dass es den in drei Jahren durchs Studium gehetzten Bewerbern an fachlichen Fertigkeiten und intellektueller Reife fehle. Größer noch sind die Vorbehalte unter den Studierenden selbst. Eigentlich war der Bachelor als Regelabschluss gedacht. Tatsächlich schließen inzwischen weit mehr als zwei Drittel der Absolventen ein Masterstudium an.

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