Aus: Ausgabe vom 09.06.2017, Seite 7 / Ausland

Sponsoren des Terrors

Kolumbien: Der US-Konzern Chiquita finanzierte rechte Paramilitärs

Von Jan Schwab, Bogotá
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Container mit dem Logo des Chiquita-Konzerns im Hafen Almirante in Panama im Oktober 2002

Im Mai veröffentlichte interne Dokumente haben einmal mehr die Verstrickung des US-amerikanischen Konzerns Chiquita, des auf Anbau und Vertrieb von Bananen spezialisierten Nachfolgers der United Fruit Company, mit paramilitärischen Gruppen in Kolumbien bestätigt. An die Öffentlichkeit gebracht wurde das Material von der US-amerikanischen regierungsunabhängigen Plattform National Security Archive. Der Konzern hatte zuvor versucht, die Publikation juristisch zu unterbinden, war jedoch vor Gericht gescheitert. Die pikanten Inhalte der Dokumente könnten nun im Zuge des kolumbianischen Friedensprozesses zu einer weiteren strafrechtlichen Verfolgung der Verantwortlichen führen. Denn nachdem die US-amerikanischen Behörden den Sachverhalt jahrelang verschleiert hatten, sind nun erstmals die Namen der Drahtzieher bekanntgeworden.

Bereits 2007 war der Konzern vom Justizministerium der Vereinigten Staaten zu einer Strafzahlung von 25 Millionen US-Dollar verurteilt worden, da ihm nachgewiesen werden konnte, dass er über Jahrzehnte ultrarechte paramilitärische Gruppen in den kolumbianischen Departamentos (Bundesstaaten) Urabá und Magdalena finanziert hatte. Mehr als 1,7 Millionen US-Dollar sollen über die Chiquita-Tochtergesellschaft Banadex zwischen 1997 und 2004 in 100 Zahlungssätzen an die Paramilitärs geflossen sein. Das Gericht belangte jedoch nicht die mutmaßlichen 14 Verantwortlichen in Leitungspositionen des Konzerns, die die Finanzoperationen tätigten oder aktiv gedeckt hatten. Auch wurden den Opfern der infolge der Unterstützung erfolgten Massaker keine Repara­tionszahlungen zugestanden. Durch die Zuwendungen an die Paramilitärs hat sich Chiquita mitschuldig an der Ermordung von bis zu 4.000 Menschen gemacht. 60.000 Menschen wurden im Zeitraum, in dem die Geldzahlungen erfolgten, zudem vertrieben. Auch linke Guerillagruppen sollen vom Konzern Zahlungen erhalten haben, um die Wirtschaftsoperationen des Konzerns am Laufen zu halten.

Neueren Veröffentlichungen zufolge war der Konzern darüber hinaus umfassend über die Greueltaten und Vertreibungen in seinen Operationsgebieten informiert und schlug aus ihnen Kapital. Laut Aussagen ehemaliger Paramilitärs waren Chiquita-Unterhändler Teil der Vereinigung »La quintruple allianza«, eines Zusammenschlusses von Paramilitärs sowie lokalen politischen und ökonomischen Eliten, die systematisch Kleinbauern von ihrem Grund und Boden vertrieben und diesen besetzten. Sie eigneten sich die Ländereien an und profitierten dann von den Wirtschaftsoperationen im jeweiligen Gebiet. Während die Paramilitärs mit der militärischen Durchführung und Sicherung beauftragt waren, übernahmen Großgrundbesitzer und die mit ihnen im Geschäft stehenden Konzerne wie z. B. Chiquita die ökonomische Ausbeutung. In dieses schmutzige Geschäft war auch der ehemalige Präsident und heutige ultrarechte Hardliner Alvaro Uribe Vélez involviert, der die paramilitärischen sogenannten Convivir-Gruppen politisch unterstützte.

Neuere Veröffentlichungen belegen, dass der US-amerikanische Staat schon im Jahr 2000 über die illegale Finanzierung von Akteuren des bewaffneten Konflikts informiert war. So geht aus den nun veröffentlichten Dokumenten hervor, dass Chiquita-Chef Robert F. Kistinger bereits zur damaligen Zeit vor der US-amerikanischen Finanzbehörde Securities and Exchange Commission (SEC) zu den illegalen Transaktionen aussagen musste. »Wir werden nicht unser Geschäft in Kolumbien schließen, weil wir 25.000 Dollar mehr zahlen müssen, richtig?« fragte Kistinger rhetorisch in einem Gespräch. Damit gestand er ein, dass er über die Zahlungen an die bereits seit 1997 als terroristische Organisationen geführten Gruppen umfassend informiert war, sie aber zur Aufrechterhaltung der Geschäftstätigkeit des Konzerns für notwendig erachtet hatte. Bereits zum damaligen Zeitpunkt war es zu einer Strafzahlungsverfügung durch die US-Behörde gekommen. Nachweislich erfolgte die weitere Finanzierung der Gruppen jedoch bis zum Verkauf der kolumbianischen Produktionsstätten des Konzerns im Jahr 2004.

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