Aus: Ausgabe vom 06.06.2017, Seite 11 / Feuilleton

Ken wer bitte?

Die italienische Comicreportage »Kobane Calling« ist auf Deutsch erschienen

Von Alexander Reich
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»Etwas sehr Mütterliches, aber dann auch Entschlossenheit« – Frauenverteidigungseinheiten in Rojava

Ein Comicbuch über den kurdischen Freiheitskampf in Rojava und in den Kandilbergen, das in Italien mehr als 100.000mal verkauft wurde, auch in Supermärkten und Tankstellen? Für das junge Leute am Erstverkaufstag um null Uhr Schlange standen in Rom, Mailand, Neapel und Bologna? »Es gibt ein eher junges Publikum, das meine Bücher kauft und nicht unbedingt politisch ist«, erklärt Michele Rech, 33, »Straight edge«-Punk aus Rom. Mit einem Comicblog über seinen Alltag ist er bekannt geworden. Als Zerocalcare (Null Kalk). So heißt Rech als Künstler, und so heißt auch der Held in seinen Comics, die in Italien sechsstellige Auflagen haben. Seit Jahren schon. Bisher ging es in den Geschichten allerdings nur um Herausforderungen wie den Weg vom warmen Bett über den kalten Flur zur Toilette; in »Kobani Calling« ist jetzt so etwas wie eine revolutionäre Perspektive für den Nahen Osten dazugekommen.

Ende Mai erschien die deutsche Ausgabe dieser Comicreportage über den »Kampf der Humanität gegen die Barbarei«, wie Rech sagt. »Ich wollte wissen, ob das, was wir hier im Westen über die Kurden hören – Befreiung der Frau, Rätesystem, soziale Gleichheit, diese ganzen Sachen –, ob sich das tatsächlich im Alltag wiederfindet, oder ob das nur schöne Worte sind.« Er hat es auf zwei Reisen restlos bestätigt bekommen und bezieht in »Kobani Calling« klar Position, zitiert aus dem »Gesellschaftsvertrag von Rojava«, führt ihn auf Abdullah Öcalans »demokratischen Konföderalismus« zurück – in politischer Hinsicht ist der Band beinahe voraussetzungslos.

Komplizierter ist da schon der Kosmos aus Nebenfiguren, die Zerocalcare seit jeher begleiten. Zum Beispiel ein Mammut. Es steht für die Verbundenheit des Helden mit seinem römischen Vorstadtviertel Rebibbia, in dem es nichts gibt außer einem riesigen Gefängnis und ein paar Mammutresten. Oder das Gürteltier Armadillo, das den verschlossenen Teil seiner Persönlichkeit repräsentiert. Dazu kommen ein Schwein, ein Schakal, jede Menge Trickfilmfiguren …

»Ich habe mich bemüht, den Anschluss zu den vorigen Büchern zu bewahren, in der Sprache zu bleiben, auch mit den ganzen Anspielungen darauf hinzuweisen, dass dieses Buch zu den vorigen gehört«, sagt Rech dazu. »In Syrien habe ich Erfahrungen gemacht, die weit weg waren vom Alltag der Leser, wollte da irgendwie eine Verbindung herstellen und wusste, wenn ich Ken den Krieger oder so was erwähne, haben die Leute sofort ein Bild vor Augen und können genau nachfühlen, wie ich bestimmte Situation empfunden oder was ich in bestimmten Momenten gedacht habe.«

Ken wer bitte? »Im Prinzip waren alle diese Figuren Ende der 80er, Anfang der 90er in Zeichentrickfilmen zu sehen, Ken der Krieger in ›Fist of the North Star‹. Das ist so eine postapokalyptische Welt, und er ist als Superheld in der Wüste unterwegs, sehr gut in Kampfkunst, muskelbepackt, um in noch vorhandenen Dörfern die Kinder zu retten. Wenn man ihn irgendwie nur antippt, löst das eine Kettenreaktion aus. Die Serie ist sehr gewalttätig. Die Kinder meiner Generation haben das alle geschaut, obwohl die Mütter es nie gewollt hätten.«

Und worauf zielt sein Vergleich der Kommandantin der Frauenverteidigungseinheiten von Rojava mit »Barbapapa« ab? »Barbapapa war eine Zeichentrickserie für sehr kleine Kinder mit Figuren, die sehr weich und gutherzig sind. Sie haben etwas Tröstliches, Beruhigendes. Und diese Kommandantin hatte eben auch etwas sehr Gutes und sehr Mütterliches.« Im Buch ist es mit der Sanftheit dieser Kommandantin vorbei, als sie auf IS-Attentate zu sprechen kommt, die von der Türkei unterstützt werden. Sie werde dabei »im Handumdrehen zu Granit«, heißt es: »Nicht wütend, nicht durcheinander oder böse, einfach nur … entschlossen«.

Das Kapitel endet mit einem Spruch, den in Italien »wirklich jeder« zuordnen kann, wie Rech versichert: »Diese Hand kann Eisen und kann Feder sein.« Er stammt aus einer trashigen Filmkomödie aus den 80ern. Ein vierschrötiger Trucker gibt ihn zum besten, nachdem er einer alten Dame geholfen hat. Man kann davon in Deutschland nichts mitbekommen haben.

Leichter zu erschließen sind Fabelwesen wie der Schakal, mit dem Rech »letztlich« zeigen will, »dass Politiker ihre zynischen Wahlkampagnen auf den Schultern der Toten veranstalten«. Der Do-it-yourself-Künstler aus den autonomen Zentren Roms hat einen so kindlichen Blick auf die Dinge – man will ihn zu den Aussichten Rojavas lieber gar nicht erst fragen.

Eine beunruhigende Nachricht hat Rech für das Bundesinnenministerium, das im März die öffentliche Präsentation von Öcalan-Porträts unter Strafe stellte. Am Anfang des Kobani-Comics sitzt Zerocalcare auf einem Dach in Rojava und lässt sich von einem älteren Kurden die Geschosse am Nachthimmel erklären: »MG-Feuer und dann Boom, das sind die Amerikaner. Boom und sonst nix, das ist der IS.« Dieser Kurde hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem später auftauchenden Öcalan. Ist das beabsichtigt? Rech muss lachen: »Die sehen alle aus wie Öcalan, so ähnlich jedenfalls, schon wegen dem Schnauzbart.«

Zerocalcare: »Kobane Calling«, Übersetzung aus dem Italienischen von Carola Köhler, Avant-Verlag, Berlin 2017, 272 S., 24,95 Euro

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