• Wochenendgespräch

Aus: Ausgabe vom 03.06.2017, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Mein Publikum macht mir genauso Mut«

Gespräch mit Konstantin Wecker. Über politisches Engagement, die Revolution der Zärtlichkeit und das ungeliebte Wort Bilanz

Interview: Markus Bernhardt
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»Ich habe den Vorteil, dass ich immer noch oft auf der Bühne bin mit meinen über 100 Konzerten im Jahr«, sagt der Künstler Konstantin Wecker

Sie haben am vergangenen Donnerstag Ihren 70. Geburtstag gefeiert. Dazu erst einmal herzlichen Glückwunsch nachträglich!

Vielen Dank!

Ein Blick auf Ihre Biographie verrät: Sie haben eine bewegte Zeit hinter sich. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

(Lacht) Das ist eine schwierige Frage. Eine Bilanz zu ziehen, das habe ich selbst noch nicht gemacht. Ich habe ja schon viele Autobiographien geschrieben; im Endeffekt sind meine letzten Bücher ja alle Autobiographien gewesen. Darum habe ich mich auch dagegen gewehrt, nun noch einmal eine zu verfassen. Ich habe bei dem jüngst erschienen Buch zwei Koautoren gehabt, die das Ganze noch einmal aus verschiedenen Sichten beleuchten.

Nachdem ich »Die Kunst des Scheiterns« geschrieben hatte – das heißt: in den vergangenen zehn Jahren – habe ich noch einmal eindringlich über mich nachgedacht, auch über mein Leben. Es war für mich erstaunlich, festzustellen, wie sehr sich mit dem Alter auch der Rückblick auf die Kindheit und auf die Jugend verändert. Die Fakten bleiben gleich. Aber die Geschichten werden anders erzählt, weil man sie auch anders versteht und anders sieht.

Fangen wir mal an mit dem Alter an sich. Mit 50 hatte ich ein komisches Gefühl – wie übrigens viele 50jährige Männer, mit denen ich gesprochen habe. Ich dachte, die Jugend sei vorbei. Das fühlte sich nicht gut an. Der 60. Geburtstag war genauso doof. Interessanterweise habe ich mich auf meinen 70. Geburtstag gefreut. Der 70. fühlt sich ganz anders an. Irgendwas in mir hat das Alter angenommen. Ab dem Moment kommen einem auch die Vorteile des Alters in den Sinn. Ich bin sogar dabei, einen gewissen Lobgesang auf das Alter zu singen, weil so viel wegfällt. Etwa die Gockeleien. Wenn ich zu einer Schlusserkenntnis kommen sollte, würde ich sagen: Ich nehme mein Engagement ernster als früher und mich selbst weniger ernst. Und das ist ein gutes Gefühl. (Lacht)

Also wird man im Alter tatsächlich gelassener?

Ja. Man muss das aber immer trennen. Im politischen Engagement bin ich immer weniger gelassen geworden. Das liegt aber auch an der Zeit. Man wird ja fast verrückt, wenn man sieht, was heutzutage politisch alles passiert. Und jeder intelligente Mensch muss voller Angst sein, was sich da auf uns zubewegt. Aber man eignet sich eine Gelassenheit im Umgang mit den eigentlichen Fragen an, die jeden Menschen beschäftigen. Eben mit jenen grundphilosophischen Fragen: Wo komme ich her, wo gehe ich hin, warum bin ich hier?

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nein. Ich kann das glaube ich so deutlich sagen. Ich müsste da mit einer Gedichtzeile von Mascha Kaléko antworten: »Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muss man leben.« Ich finde das ist eines der schönsten Gedichte, das sie jemals geschrieben hat. Ich habe insofern Angst, dass es mir im Alter immer öfter passiert, dass liebe Menschen sterben. Aber vor dem eigenen Tod habe ich sehr viel weniger Angst, als ich es zum Beispiel mit 40 hatte. Damals gab es natürlich auch noch viele Gründe, warum ich mich zu Recht fürchten konnte. (Lacht)

Sie haben es bereits erwähnt: Jeder halbwegs intelligente Mensch muss wegen der derzeitigen politischen Entwicklung besorgt sein. Schaut man sich um, könnte man zu dem Schluss kommen, es gäbe kaum noch intelligente Menschen auf dieser Welt. Es haben sich eine gewisse politische Ignoranz und ein politisches Desinteresse breit gemacht. Oder täuscht dieser Eindruck?

Ich glaube, es ist nicht so. Die Zivilgesellschaft leistet im Moment unglaublich viel. Es geschieht nur sehr leise, was da passiert. Es ist ein Aufstand der Leisen. Mich interessiert immer mehr die Zivilgesellschaft, da bin ich ganz einer Meinung mit Jean Ziegler, den ich übrigens ganz großartig finde. Wir haben allein in Deutschland Millionen an Flüchtlingshelfern. Ich war in München bei einer Vollversammlung der bayerischen Flüchtlingshelfer am Marienplatz. Da waren Tausende von Menschen aus kleinsten Dörfern und haben gesagt: »In unserem Dorf gibt es vier oder fünf Flüchtlinge, denen wollen wir helfen.« Das sagten sie nicht so sehr aus politischen Gründen, sondern wirklich aufgrund ihres Mitgefühls, ihrer Empathie. Doch so etwas kommt in den Medien nicht vor.

Sie haben gemeinsam mit Heinz Ratz das »Büro für Offensivkultur« ins Leben gerufen, um sich gegen rechts zu engagieren. Warum war Ihnen das so wichtig?

Ich muss zuerst die herausragende Rolle von Heinz Ratz betonen, der die meiste Arbeit macht. Er hat sich für die nächsten Jahre diesem Projekt verschrieben. Das ist großartig! Ich frag’ mich manchmal wirklich, wovon er überhaupt noch lebt. Schließlich spielt er alle seine Konzerte für das »Büro für Offensivkultur«. Ich bin eher ein Pate dieses Projektes, das seine Idee war. Natürlich stehe ich aber voll und ganz dahinter. Der Heinz wird auch bei vielen meiner Konzerte dabei sein, und wir werden dabei offensiv für unser Projekt werben.

Aber zurück zu Ihrer Frage: Wir wollten eine Verbindung zwischen ganz vielen Menschen schaffen. Zwischen Technikern, linken Securities, Künstlern, die vor Ort agieren, wenn ein Aufmarsch von Rechten droht. Wir wollen die Strukturen für antifaschistische Proteste schaffen, eine Art »schneller Eingreiftruppe« kreieren – obwohl mir dieser Begriff nicht sonderlich gefällt.

In Kulturkreisen wird oftmals gestritten, ob sich Künstler überhaupt politisch artikulieren sollen. Gibt es eine gesellschaftspolitische Verpflichtung, die Stimme zu erheben?

Man sollte einem Künstler nicht vorschreiben, dass er politische Lieder zu machen hat, wenn er das überhaupt nicht will. Das wäre Blödsinn. Wenn er gute Liebeslieder macht, dann macht er eben gute Liebeslieder. Aber ich bin der Meinung, dass wir in einer Situation sind, wo jeder, der bekannt ist, jeder, der ein Publikum hat, Stellung beziehen sollte. Das finde ich schon sehr, sehr wichtig. Europa droht faschistisch zu werden. Und diese Bedrohung bleibt, solange der Neoliberalismus und der Finanzkapitalismus mit ihrer Hemmungslosigkeit alles kaputt machen, was früher an Solidarität bestand. Als ich jung war, gab es ja auch noch einen Zusammenhalt unter Arbeiterinnen und Arbeitern. Die waren stolz, Arbeiter zu sein. Wir hatten bei uns, bei den 68ern, Studierende, die freiwillig für ein Jahr zum Arbeiten in die Fabriken gegangen sind. Sie wollten damit ihre Solidarität zeigen. Aber wie will heute der eine Leiharbeiter solidarisch sein mit einem anderen? Das ist unmöglich. Allein das Wort »Leiharbeiter« ist schon scheußlich. Es vernichtet den Stolz auf einen Beruf. Leiharbeit heißt: Du kannst gar nicht solidarisch sein, weil du immer Angst haben musst, dass dir der nächste deinen Job wegnimmt.

Im Bayerischen Rundfunk hat mir kürzlich jemand gesagt, dass dort fast niemand mehr fest angestellt wird. Das sieht in den anderen Rundfunkanstalten auch nicht besser aus. Das ist inakzeptabel. Die Gelder sind doch da. Ich verstehe das nicht.

Die politische Linke hat den Kampf gegen Kapitalismus und Krieg bisweilen sträflich vernachlässigt. Ist das selbstgefällige Ignoranz?

Ich teile diese Einschätzung. Das war aber schon immer so. Ich denke etwa an den Anfang der 80er Jahre. Damals haben die verschiedenen ideologischen Hardcoregruppierungen, etwa die KPD/ML, die KP, die Trotzkisten, die Maoisten und so weiter, je ihr eigenes Süppchen gekocht. Sie waren der Meinung, dass nur mit genau ihrer jeweiligen Ideologie die Welt gerettet werden könnte. Im Endeffekt haben diese Streitereien und auch die dahinter stehenden Eitelkeiten dem Neoliberalismus den Weg gebahnt. Die Konterrevolution hat ihretwegen gesiegt. Ich habe mich damals immer eher dem »Anarcholager« zugehörig gefühlt und hatte meine Probleme mit strengen Ideologien.

Was auf uns seitdem zugekommen ist, ist eindeutig ein Versagen der europäischen Sozialdemokratie gewesen. Sich so dem Neoliberalismus anzudienen, ist für mich unbegreiflich. Der SPD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Martin Schulz, braucht sich wirklich nicht zu wundern, dass sich die Menschen, die zuerst dachten, er wolle wirklich etwas für mehr Gerechtigkeit tun, sich schon wieder von ihm abgewendet haben. Wenn er davon schwärmt, dass er lieber mit der FDP als mit der Linkspartei koalieren will, spricht das für sich.

Setzen Sie überhaupt noch Hoffnung in die Sozialdemokraten?

Ich hätte gern Hoffnung, schließlich gehöre ich zur Willy-Brandt-Generation, wenn man so will. Da blickt man mit Wehmut zurück. Ich kenne auch tolle Sozialdemokraten. Das sind die, die nicht in den obersten Ebenen der Partei tätig sind.

Ich habe jedoch keinerlei Hoffnung mehr, was die etablierte Politik betrifft. Die Revolution, die wir brauchen, muss von unten kommen. Und sie muss – der Papst Franziskus hat das sehr schön gesagt – eine Revolution der Zärtlichkeit sein.

Das heißt, dass wir in der Lage sein müssen, von dieser strengen ideologischen Eitelkeit wegzukommen. Ich bewundere Menschen, die aufgrund ihrer Empathie und ihres Gefühls sagen: Da gibt es Menschen, die brauchen unsere Hilfe, also helfen wir.

Auf der anderen Seite nimmt der Hass zu. Sie selbst bekommen dies in den sogenannten sozialen Netzwerken oft zu spüren. Bleibt da noch Kraft für Zärtlichkeit und Empathie? Oder will man nur einfach Gleiches mit Gleichem vergelten?

Ja, das würde man manchmal gerne. Ich war, als ich manche Kommentare gelesen habe, kurz davor, es deren Verfassern mit ähnlichen Worten zurückzuzahlen. Aber ich konnte mich immer beherrschen. Ich habe ein neues Lied geschaffen: »Den Parolen keine Chance«. Darin heißt es am Schluss: »Besiegen wir den Hass durch Zärtlichkeit.« Da wird mir natürlich oft Naivität vorgeworfen. Doch ich bin in erster Linie Poet, bin Künstler, kein Politiker. Ich bin für Visionen, Bilder und Sprachbilder zuständig. Sie zu schaffen ist wichtig für diese Gesellschaft. Ich habe mal mit meinem Freund Hannes Wader darüber geredet. Uns wird ja immer vorgehalten, dass wir nun schon seit über 40 Jahren auf der Bühne stünden und ebensolang eine bessere Welt verlangen. Nun sollten wir uns anschauen, was daraus geworden sei. Wir hätten nichts bewirkt. Und darauf sagte der Hannes, man sollte die Frage vielleicht einmal umgekehrt stellen: Wie sähe die Gesellschaft aus, wenn die vielen Mosaiksteinchen, zu denen wir gehören, zu denen mutige Journalisten gehören, aber auch ganz unbekannte Menschen, die sich engagieren? Wenn die nicht da wären, dann sähe es noch viel beschissener aus! Und so herum darf man auch mal fragen, finde ich. Mit der Kunst kann man etwas bewirken: Man kann ermutigen.

Woher bezieht der Künstler seine Kraft?

Ich habe den Vorteil, dass ich immer noch oft auf der Bühne bin mit meinen über 100 Konzerten pro Jahr. Dort begegne ich Menschen, die mir Kraft geben. Mein Publikum macht mir genauso Mut wie ich ihm. Neulich kam eine Frau nach einem Konzert zu mir und sagte: »Ach, Herr Wecker, jetzt durfte ich drei Stunden lang bei ihnen Gutmensch sein. In meiner eigenen Familie lachen sie mich deswegen aus.« So etwas stärkt mich. Würde ich nur etwas schreiben, irgendwo in einem Kämmerlein verkrochen, dann wäre es durchaus möglich, dass ich zum Zyniker würde. Jedenfalls dann, wenn ich nicht mehr mit den Menschen in Berührung käme.

Also ist es nicht so, dass Sie sich wie eine Art einsamer Mahner fühlen?

Nein. Wenn ich ganz allein stünde und nur noch zwei Spezis hätte, die meiner Meinung wären, dann wäre es sehr traurig.

Ihre neuste Biographie trägt den Titel »Das ganze schrecklich schöne Leben«. Kann die Bilanz Ihres Lebens vielleicht mit diesen Worten zusammengefasst werden?

Wenn wir von dem Wort Bilanz wegkommen könnten, dann ja. Ich habe festgestellt, dass ich immer dankbarer werde. Ich habe so unglaublich viel Glück gehabt in meinem Leben. Allein schon mit meinem Elternhaus. Das ist ja alles kein Verdienst, das ist nur Glück. Meine Eltern waren antifaschistisch. Ich konnte als kleiner Junge mit ihnen über diese schreckliche Zeit reden. Das war ein Segen für jemanden aus meiner Generation. In den Familien meiner Schulkameraden wurde dieses Thema meist totgeschwiegen.

Ich hatte einen antiautoritären, geradezu sanften Vater, 1914 geboren. Ich hatte wundervolle Eltern, bei allem, was ich ihnen auch angetan habe. Das merkt man alles aber erst, wenn man selbst Kinder hat. Dann versteht man, wie unglaublich rücksichtslos man manchmal war. Meine Eltern standen mit einer bedingungslosen Liebe zu mir.

Mein Vater hat im Zweiten Weltkrieg den Kriegsdienst verweigert. Wie durch ein Wunder hat er das überlebt. Mein politischer Pazifismus hat viel mit dem Andenken an ihn zu tun. Es ist erstaunlich, dass ich überhaupt noch auf der Bühne stehen kann, bei all dem, was ich mir gesundheitlich angetan habe. Ich hatte immer Freunde und bin sogar nach dem Knast aufgefangen worden: von lieben Eltern, von einer Frau, die ich erst kurz zuvor kennengelernt hatte und die mich liebte. Ich hatte sogar damals noch ein Publikum. Was habe ich ein Glück gehabt. Im Gegensatz zu anderen Menschen, die aus dem Gefängnis gekommen sind und niemanden hatten. Und auch im Vergleich zu allen Suchtkranken, die aus dem Knast kamen und kriminalisiert und stigmatisiert waren. Damit trägt man eine gewisse Verpflichtung mit sich. Wenn man schon so viel Glück hatte, dann muss man denjenigen helfen, denen es schlechter erging.

Aktuell sind Sie auf großer Jubiläumstournee. Freuen Sie sich?

Selbstverständlich. Wir haben Anfang März eine Doppel-CD aufgenommen, die eigentlich ein »Best of« ist. Aber wir haben alles neu eingespielt. Das sind auch die Lieder, die ich auf der Tournee spiele. Es ist sehr schön, wie ich mit diesen großartigen Musikern alte Titel, mit meiner jetzigen Interpretation eingespielt habe. Ein Lied ist dabei, das ist genau ein halbes Jahrhundert alt. Das alles ist ein spannendes Erlebnis. Vielleicht ist das – jetzt sind wir doch noch bei dem Wort Bilanz angelangt – eine Art poetische Bilanz der letzten 50 Jahre meines künstlerischen Wirkens.

Konstantin Wecker … ist Musiker, Liedermacher, Komponist, Autor und Schauspieler. Vor allem aber engagiert er sich für Frieden und Verständigung. Am 1. Juni 1947 wurde Wecker in München geboren

Konstantin Wecker: Das ganze schrecklich schöne Leben. Die Biographie. Gütersloher Verlagshaus, München 2017, 480 Seiten, 24,99 Euro

Der Link zum Film: www.mr-onlineshop.com/dvd/mich-rettet-die-poesie/

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