Aus: Ausgabe vom 02.06.2017, Seite 5 / Inland

Stellenstreichungen abgesegnet?

Donnerstag wollte Linde-Aufsichtsrat Fusion mit US-Konkurrent Praxair beschließen

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Protest von Linde-Beschäftigten gegen geplante Fusion am 27. April in München

Seit zehn Monaten verhandeln die Vorstände des Münchner Industriegaskonzerns Linde und des US-Konkurrenten Praxair über eine Fusion. Am Donnerstag trat der Aufsichtsrat von Linde in München zusammen, um den Fusionsvertrag zu besiegeln. Der Konzern soll künftig von Praxair-Chef Stephen Angel aus den USA gesteuert, die Holding in Irland angesiedelt werden.

Die Gewerkschaften lehnen einen Zusammenschluss strikt ab. »Linde braucht Praxair nicht«, lautet das Urteil der Betriebsräte. Bei einem Patt im Aufsichtsrat, so hatte der Vorsitzende des Gremiums, Wolfgang Reitzle, im Vorfeld mehrfach angekündigt, werde er die Fusion mit seiner doppelten Stimme als Aufsichtsratschef durchsetzen. Am Dienstag unterbreitete der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Michael Vassiliadis, zusammen mit Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) ein Gesprächsangebot. Die Abstimmung solle vertagt und ein neutraler Vermittler eingeschaltet werden. Eine lange Debatte im Aufsichtsrat galt am Donnerstag daher als sicher.

Am 27. April hatten europaweit 2.500 Linde-Beschäftigte gegen die Firmenpläne demonstriert. Gestern aber blieb es ruhig vor dem Firmensitz. »Wir würden uns freuen, wenn es an Stelle einer Kampfabstimmung zu Gesprächen kommen würde«, erklärte ein Sprecher der IG Metall Bayern am Donnerstag gegenüber jW. Der Vorsitzende dieses Landesbezirks, Jürgen Wechsler, hatte Anfang Mai in einer Erklärung den Aufsichtsratsvorsitzenden attackiert: »Mit dem Kopf durch die Wand zu wollen ist das Gegenteil von Mitbestimmung. Das sollte Herr Reitzle wissen.« Wenn nicht, stelle sich die Frage, »ob er der Richtige für Linde ist«, sagte Wechsler. »Herr Reitzle scheint zu glauben, dass eine solche Fusion auch gegen die betroffenen Beschäftigten durchgezogen werden kann.«

Vielleicht gelingt es Reitzle aber auch, Gewerkschafter gegeneinander auszuspielen? Offen war am Donnerstag, ob der Dresdner Betriebsratschef Frank Sonntag im Aufsichtsrat mit den anderen Beschäftigtenvertretern stimmen würde oder sich enthalten wollte. Denn Linde will den Betrieb in Sachsens Landeshauptstadt schließen und hat nur für den Fall der Fusion eine Standort- und Beschäftigungsgarantie bis 2021 gegeben. Sonntag hatte früher beklagt, dass Dresden als einzige deutsche Linde-Produktionsstätte geschlossen werden sollte und die Solidarität der anderen Betriebsräte möglicherweise vor dem eigenen Werkstor ende.

Wie lange die Aufsichtsratssitzung am Donnerstag dauern würde, war am Nachmittag noch offen. Billigt das Kontrollgremium die Fusion, würde jedem Linde-Aktionär in einigen Wochen ein Umtauschangebot für die alten Linde-Aktien in Anteilsscheine des neuen Konzerns vorgelegt. Bei Praxair entscheidet eine außerordentliche Hauptversammlung über die Fusion. Die Zustimmung der Aktionäre der amerikanischen Kapitalgesellschaft gilt als sicher. Letzte Hürde wäre dann die Billigung durch die Kartellbehörden in Europa und den USA.

Linde beschäftigt in Deutschland 8.000 Mitarbeiter, vom Großraum München über Leuna bis Worms am Rhein. Zur Sparte Anlagenbau gehören rund 3.500 Beschäftigte in Pullach bei München, Traunstein und Dresden sowie weitere 3.500 im Ausland. (dpa/Reuters/jW)

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