Aus: Ausgabe vom 01.06.2017, Seite 15 / Medien

»Als sei sie eine Naturgewalt«

Studie zur Digitalisierung: Presse berichtet viel über den Umbau der Wirtschaft, aber wenig über jene, die ihn vorantreiben. Ein Gespräch mit Hans Jürgen Arlt

Von Gitta Düperthal
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Einheit als Vielfalt getarnt

Im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung haben Sie die Berichterstattung über die Zukunft der Arbeit in Mainstreammedien untersucht. Resultat der Studie: Was »die anerkannten Akteure in Wirtschaft und Politik« sagen, wiederhole die Presse meist und verbleibe bei fest etablierten Sichtweisen. Welche Folgen hat das?

Weder Alternativen, noch weiterführende Aspekte, wie die zukünftige Arbeit zu gestalten ist, werden so sichtbar. Im Rahmen unserer Untersuchung haben wir 360 Artikel der Jahre 2014 und 2015 von elf führenden Tages- und Wochenzeitungen analysiert, darunter Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Handelsblatt, taz, Der Spiegel und Die Zeit.

Über die gesellschaftlichen Umbrüche, die mit der Digitalisierung verbunden sind, wird durchaus ausführlich berichtet. Dabei werden auch große Begriffe wie Revolution und radikaler Umbruch benutzt. Die Journalisten sehen dramatische Veränderungen, die schon im Gange sind und noch auf uns zukommen, verbleiben jedoch in den bekannten Fragestellungen, die seit mindestens 150 Jahren diskutiert werden. Natürlich sind die alten Fragen nicht unwichtig: Wie viele Arbeitsplätze gehen verloren, wie steigt die Arbeitsbelastung, wie steht es um sozialen Schutz? Aber Journalisten sind nicht nur Berichterstatter, sondern auch Kommentatoren, sie dürfen und sollen auch weiter denken. Zum Beispiel: Ob es mit der Arbeitsgesellschaft so tatsächlich weitergehen kann? Ob sich nicht neue Chancen zur Befreiung in der Arbeit, aber auch zur Befreiung von der Arbeit ergeben?

Was kritisieren Sie im Detail?

Es wird überhaupt nicht danach gefragt, wer die Entscheidungen über die Zukunft der Arbeit trifft. Die Entwicklung der Digitalisierung wird als unaufhaltbarer technischer Prozess beschrieben, als sei hier eine Naturgewalt am Werk. Als ebenso selbstverständlich oder gottgewollt wird dabei davon ausgegangen, dass Technik zuerst und vor allem in wirtschaftlichem Gewinninteresse eingesetzt wird.

Wie kommt es zu einer derartig seltsamen Wertung?

Man kann nicht sagen, dass die Medienberichterstattung von großer Begeisterung für die kapitalistische Wirtschaftsweise getragen wäre. Im Detail finden sich viele kritische Hinweise. Ich meine, es existiert einfach keine Vorstellung von einer brauchbaren Alternative.

Journalistische Aufgabe ist Check und Gegencheck, auch andere Sichtweisen einbeziehen. In einem bestimmten Rahmen findet das auch statt, aber ebendieser Rahmen ist sehr eng: Was aus Politik, Wissenschaft, insbesondere der Wirtschaftswissenschaft, öffentlich durchdringt, sorgt sich an erster Stelle um das Wohlergehen der Wirtschaft. Dann kommt lange nichts, Arbeit ist eher ein Randthema; erst im Zusammenhang mit der Digitalisierung wird wieder intensiver nach ihrer Zukunft gefragt. Wobei ich den Eindruck habe, dass die öffentliche Aufmerksamkeit dafür schon wieder nachlässt.

Wie ist unabhängige Berichterstattung zum Thema Arbeit zu fördern?

Im Grunde muss man zuerst nach den journalistischen Arbeitsbedingungen selbst fragen. Im Bereich der Lokal- und Regionalberichterstattung beherrschen Kostendruck und Personalabbau das Bild. Zwischen den überregionalen Medien wächst der Konkurrenzdruck um Auflagen, Quoten und Klicks. Das sind schlechte Voraussetzungen dafür, Themen jenseits des Mainstreams aufzugreifen, sich mit Initiativen und Ideen auseinanderzusetzen, die neue Wege gehen wollen. Ich nenne als Beispiele die Postwachstumsökonomie, die Commons-Projekte, die eine Wirtschaftsweise des Sharing, also Schenkens, Teilens oder gemeinsam Nutzens praktizieren, die Wiederbelebung genossenschaftlicher Organisationen, die Open-Source-Aktivitäten, um Software frei zu nutzen. Von alldem hört und liest man in den »großen« Medien wenig.

Wie lautet Ihre Grundbotschaft?

Die Arbeit an der Studie hat mich darin bestärkt, dass es zwei große gesellschaftspolitische Projekte voranzutreiben gilt: das bedingungslose Grundeinkommen und eine generelle Verkürzung der Normalarbeitszeit. Dabei geht es um mehr Lebensqualität für die Bevölkerungsmehrheit, sowie auch darum, unbezahlte Arbeit für den Haushalt und die Familie in Zukunft gerecht zwischen Männern und Frauen zu verteilen.

Hans Jürgen Arlt ist Kommunikationswissenschaftler und Mitautor der Studie der Otto-Brenner-Stiftung.

Die Studie »Die Zukunft der Arbeit als öffentliches Thema. Presseberichterstattung zwischen Mainstream und blinden Flecken« kann auf der Homepage der Otto-Brenner-Stiftung (www.otto-brenner-stiftung.de) kostenlos bestellt und heruntergeladen werden.

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Digitale Revolution Mensch und Gesellschaft im Informationszeitalter

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