Aus: Ausgabe vom 01.06.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Ukraine in der Falle

Strukturwandel hammerhart: Schwerindustrie bricht ein, Leichtindustrie könnte ­wachsen – doch ihr fehlen die Arbeitskräfte

Von Reinhard Lauterbach
RTSITYJ.jpg
Nur Agrargroßmacht zu sein, hilft wenig: Große Flächen, Technik aus Deutschland, aber kaum Arbeitsplätze

Als die Ukraine aus der Sowjetunion ausschied, galt sie als ein Kronjuwel des »Reichs des Bösen«. Noch der notorische UdSSR-Hasser und US-Stratege Zbigniew Brzezinski bescheinigte ihr in seinem 1997 erschienenen Buch »Das große Schachbrett« (»The Grand Chessboard«, auf deutsch erschienen als »Die einzige Weltmacht«, jW), dass ohne ihr industrielles Potential Russland nie wieder ein Imperium werden könne, mit dagegen ohne weiteres.

Inzwischen zeigt sich das Umgekehrte: Ohne die Verbindung zum russischen Markt verliert die Ukraine rapide den Status als Industrieland. Eine beginnende leichte Erholung der Industrieproduktion wurde im Januar mit der Entscheidung, die Wirtschaftsbeziehungen zum Donbass abzubrechen, abgewürgt: Im April lag der industrielle Ausstoß nach Angaben der Kiewer Statistikbehörde um 6,1 Prozent unter dem Vorjahresstand, der seinerseits schon um etwa 25 Prozent unter den Werten des Jahres 2014 lag. Besonders stark betroffen waren die unmittelbar schwerindustriellen Branchen Kohlebergbau (minus 22 Prozent), Roheisen- und Buntmetallverhüttung (minus 28 bzw. 25 Prozent) und die Herstellung von Stahlprodukten (minus 40 Prozent). Der Zusammenhang ist praktisch mit Händen zu greifen: Ohne die Kohle aus dem Donbass konnten die Stahlwerke ihre Hochöfen nicht auslasten. Nur weil im Zusammenhang hiermit die industrielle Stromnachfrage zurückging, kam die Ukraine in diesem – zudem relativ milden – Winter letztlich ohne Abschaltungen über die Runde. Die US-Stiftung Jamestown Foundation nannte das in einem letzte Woche veröffentlichten Länderbericht ein Zeichen dafür, dass die Ukraine »lerne, ohne den Donbass auszukommen«. So kann man es natürlich auch sehen. Dummerweise beruhte aber ein Großteil der bisherigen Exporterlöse im Handel mit der EU auf der Lieferung von Stahl und – gleichfalls energieintensiv hergestellten – Basischemikalien.

Auf der anderen Seite gibt es in der Ukraine auch Wachstumsbranchen. Die Landwirtschaft legte um 4,8 Prozent zu und war – die energiebedingte Krise der Chemieindustrie lässt grüßen – nur durch die Knappheit an Kunstdünger gehemmt. Die landwirtschaftliche Veredelungswirtschaft wuchs in einzelnen Branchen sogar zweistellig: So stieg die Produktion von Geflügelfleisch im ersten Quartal dieses Jahres im Jahresvergleich um 31 Prozent, die von Sonnenblumenöl um 18 und die von Margarine gar um 41 Prozent. Das Problem: Natürlich braucht es auch Hühnerbeine, Margarine und Sonnenblumenöl, aber eine »Agrarsupermacht« zu sein, wie es der frühere US-Botschafter in Kiew, Geoffrey Pyatt, der Ukraine in seiner Abschiedsrede als Zukunftsperspektive ans Herz legte, bleibt eben doch ein relativer Status. Zumal agrarindustriell betriebene Latifundien relativ wenig Arbeitskräfte benötigen.

Doch werden der Ukraine Wachstumschancen auch noch in anderen Bereichen vorhergesagt: in der Schuh- und Textilindustrie und bei der Produktion von Zulieferteilen im Auftrag westlicher Konzerne. So lässt ein deutscher Produzent von Autoelektronik, die Leoni AG, dort seit Jahren die Kabelbäume für deutsche Luxuslimousinen zusammenfummeln. Inzwischen hat das Unternehmen schon den zweiten Betrieb in der Ukraine aufgemacht. Fachsprachlich nennt man das Lohnfertigung; die Technologie kommt aus der Muttergesellschaft, der Zweck der Auslagerung besteht darin, ein niedriges örtliches Lohnniveau auszunutzen. Ukrainische Regierungsvertreter werben für ihr Land Investoren mit dem Argument, dass die dortigen Löhne so niedrig wie in China seien, nur ohne Zeitverschiebung, falls mal eine Videokonferenz veranstaltet werden müsse.

Freilich setzt der makroökonomische Erfolg einer solchen, auf Lohnfertigung beruhenden, Wirtschaft voraus, dass entsprechend viele billige und willige Arbeitskräfte vorhanden sind. Hierbei aber hat die Ukraine zunehmend Probleme. Nicht nur ist die Bevölkerung seit der Unabhängigkeit von 52 auf knapp 40 Millionen Menschen zurückgegangen, also um ein Viertel. Auch deren Altersdurchschnitt steigt, zumal im Moment die geburtenschwachen Jahrgänge der neunziger Jahre auf den Arbeitsmarkt kommen. Zudem sind Millionen Ukrainer als Arbeitsmigranten ins Ausland gegangen, stehen dem inländischen Arbeitsmarkt also nicht mehr zur Verfügung. Selbst wenn diese Personen qualifikationsfremd auf tschechischen oder russischen Baustellen arbeiten oder in drei Fremdsprachen parlierend an einer polnischen Hotelrezeption sitzen, verdienen sie immer noch ein Mehrfaches dessen, was sie in ihrem Beruf zu Hause bekommen würden. Unlängst ereignete sich im Lande ein schweres Zugunglück. Auf einer der Lokomotiven saß ein reaktivierter Rentner – die Personalsituation der ukrainischen Bahn ist nach Darstellung der zuständigen Gewerkschaft dramatisch: Die qualifizierten Lokführer seien fast alle ins Ausland gegangen. Dort steuerten sie zwar keine Züge mehr, fänden aber als technische Facharbeiter ihr Auskommen. Lohnerhöhungen auf breiter Front könnten sie vielleicht zurückholen, gefährdeten aber das Geschäftsmodell.

Ja, die Ukraine integriert sich in EU-»Europa«. Aber zu dessen Bedingungen. Nicht mehr als das Industrieland, als das es diese »Integration« begonnen hatte, sondern als Agrarkolonie und Lieferant billiger Arbeitskräfte.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Kapital & Arbeit