Aus: Ausgabe vom 03.06.2017, Seite 2 / Inland

»Kinder können am Schulessen nicht teilnehmen«

Nationale Armutskonferenz kritisiert die wachsende Not. Diese spüren Betroffene im reichen Deutschland besonders hart. Gespräch mit Barbara Eschen

Interview: Susan Bonath
Kinderschutzbund_for_18184804.jpg
Ein Schulmädchen schaut aus dem Fenster im Kinder- und Jugendprojekt »Die Arche« in Berlin Hellersdorf (21. November 2006)

Sie vertraten beim Evangelischen Kirchentag in Berlin diese These: »Wer in Deutschland arm ist, ist besonders arm dran«. Armut in einem reichen Land zeige sich nicht allein durch Hunger, vielmehr äußere sie sich durch eine »bittere Ausgrenzung«. Wie wirkt das auf Betroffene und ihre Kinder?

Relative Armut ist im Verhältnis zum Wohlergehen der Bevölkerung zu sehen. Wer bei uns weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat, kann sich in der Gesellschaft nicht frei bewegen. Kindern in Hartz-IV-Familien fehlen oft schon wesentliche Dinge für die Schule. Sie können nicht mithalten, nicht am Schulessen teilnehmen. Hinzu kommt, dass sie eine Sonderrolle einnehmen, etwa nicht beim Verein mitspielen können, weil sie keine Fußballschuhe haben. Das wirkt sich auf das Selbstwertgefühl aus, macht depressiv.

Der Wissenschaftler Richard Wilkinson hat mal untersucht, was Menschen weltweit besonders krank an der Armut macht. Demnach fühlen sich Arme in einer ungleichen Gesellschaft vor allem beschämt.

Professor Klaus Dörre machte dafür Hartz IV mitverantwortlich. Betroffene würden systematisch diskriminiert und für gesellschaftlich nicht respektabel erklärt. Sehen Sie das ebenso?

Als besonders diskriminierend empfinden Menschen das Anrechnungssystem. Sie müssen ihr oft über Jahre Angespartes verbrauchen, um überhaupt Hilfe zu erhalten. Andererseits stigmatisiert Hartz IV an sich, so wie jede Leistung für die man erst beweisen muss, arm zu sein. Das hängt auch mit den Sanktionen und den restriktiven Regeln zusammen. Jedes Geschenk muss angegeben werden und wird verrechnet.

Immer wieder hört man auch abwertende Sprüche von Politikern gegenüber Armen. Welche Rolle spielt das für die Ausgrenzung der Betroffenen?

Natürlich hat die Politik viel damit zu tun, dass Vorurteile zum Selbstläufer werden und Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausgespielt werden. Niedriglöhner, Arbeitslose, Flüchtlinge – immer geht es darum, wer mehr bekommt. Wir erleben diesen Neid, diese Missgunst auch selbst. Auf unserer Facebookseite werden Stereotype wiederholt über Hartz- I V-Bezieher vor Flachbildschirmen. Kindern wird ein Computer für die Schule nicht gegönnt. Gegen diese Vorverurteilung geht die NAK vor. Ich möchte eine Gesellschaft, in der sich jeder einbringen kann, wie er es kann.

Hartz IV in Verbindung mit den Sanktionen hat auch dazu geführt, dass heute etwa acht Millionen Menschen im Niedriglohnsektor arbeiten.

Diese prekären Jobs, von denen Menschen nicht leben können, sind unbillig. Es braucht sichere Arbeitsverträge und einen Mindestlohn, der auch vor Altersarmut schützt. Werden die Löhne niedrig gehalten, bleiben außerdem die Sozialleistungen auch unten. Hartz IV ist viel zu gering bemessen. Die Bundesregierung hat etliche Ausgaben der ohnehin armen Referenzhaushalte herausgerechnet.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, SPD, meint indes, die »Agenda 2010« sei nicht das Problem. Armut habe es schon vorher gegeben. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Es ist nicht sinnvoll, darüber zu streiten, ob es früher besser war oder ähnlich. Fest steht: Zurückgegangen ist die Armut nicht, im Gegenteil. Wir haben drei Mindestforderungen, die sofort umgesetzt werden müssten. Zum einen brauchen wir eine Kindergrundsicherung. Es geht nicht, dass reiche Familien das Kindergeld und zusätzlich Steuerermäßigungen erhalten, Arme aber nichts davon haben, weil ersteres angerechnet wird. Ferner brauchen wir einen armutsfesten Mindestlohn und öffentlich geförderte Arbeit für Langzeiterwerbslose.

Jobcenter sanktionieren indes monatlich etwa 7.000 Bedürftige, die sich nicht an irgendeine Regel gehalten haben, vollständig. Auch EU-Migranten ohne Job haben fünf Jahre lang keinen Anspruch auf Sozialhilfe.

Menschen werden derart mit Sanktionen traktiert, dass sie sich nicht mehr versorgen können. Das darf nicht sein. Auch auf Tafeln kann hier nicht verwiesen werden. Diese waren von Anfang an nur als Zusatzangebot ausgelegt. Auch die rechtlose Situation der EU-Migranten ist sehr dramatisch. Viele haben gearbeitet, oft schwarz, und wurden dann um ihren Lohn geprellt. Zurückgehen hilft auch nicht, weil es in ihre Länder weniger oder kaum soziale Standards gibt. Diese muss die EU endlich angleichen.

Barbara Eschen ist Sprecherin der Nationalen Armutskonferenz (NAK) und Direktorin der Diakonie Berlin-Brandenburg

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Arm und Reich Umverteilung in der Klassengesellschaft

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland
  • Regierungssozialisten nicken Grundgesetzänderung im Bundesrat ab
    Simon Zeise
  • Regierung beschließt vorläufigen Abschiebestopp – mit Ausnahmen. Bayern rechtfertigt geplante »Rückführung« eines Lehrlings in das Land am Hindukusch
    Jana Frielinghaus
  • Berlin: Proteste bei Aktionärstagung der »Deutsche Wohnen«. Neue Studie zu sozialem Wohnungsbau
    Anselm Lenz
  • Einzelhandel: Konzerne scheffeln Milliarden auf Kosten der Beschäftigten. Mehr prekäre und schlecht bezahlte Jobs. Gewerkschaft leistet Widerstand
    Daniel Behruzi