Aus: Ausgabe vom 22.05.2017, Seite 15 / Politisches Buch

Kuba aus allen Blickwinkeln

Sammelband über die geschichtliche Entwicklung und politische Gegenwart der ­sozialistischen Insel erschienen

Von Tobias Baumann
Demonstration_fuer_L_53427756.jpg
Demo gegen Homophobie und für die Zulassung gleichgeschlechtlicher Ehen in Havanna (13. Mai)

Im Verlag Wiljo Heinen ist unter dem Titel »Kuba im Wandel« ein Band mit 16 Erfahrungsberichten erschienen. Herausgegeben haben das Buch Volker Hermsdorf, Paula Klattenhoff, Lena Kreymann und Tobias Salin. Auf 154 Seiten zeigen die Autoren verschiedene Facetten der kubanischen Realität und würdigen abschließend Fidel Castro. Es handelt sich um eine durchaus kritische Sammlung von Aufsätzen, keine simplen Reiseberichte, sondern eine Bilanz der Ergebnisse von mehr als 50 Jahren Revolution in Kuba. Roter Faden ist das souveräne, »authentische Kuba«; seine Errungenschaften sowie deren Bedrohung durch die USA und die Weltmarkt-Herausforderungen werden mit aktuellen Beispielen belegt. Die Themen sind breit gefächert, das Spektrum reicht von der Einflusspolitik der USA in Kuba über Queer-Bewegung, Feminismus und Menschenrechte bis zu Propagandareisen der deutschen taz, finanziert vom Auswärtigen Amt.

Lorenz Küstner und Kjell Hlawaty verstehen es sehr gut, in ihrem Bericht »Der hohe Wert der Unabhängigkeit« die Vorgeschichte der Revolten des späten 19. Jahrhunderts darzustellen, die mit der Aufhebung der Sklaverei auf der Insel in den 1880er Jahren verbunden sind: Während dieser Unabhängigkeitsaufstände gab es erste Freilassungen von Afrokubanern, die auf der Seite der Rebellen gegen die Spanier kämpften. Die Autoren heben hervor, dass Madrid 1881 seine Verfassung auf das kubanische Territorium ausdehnte. Aber auch die Tatsache, dass seitdem kubanische Abgeordnete im Parlament des Mutterlands vertreten waren, konnte die aufkeimende Unabhängigkeitsbewegung nicht mehr bremsen.

Der Übergang der Insel in die US-amerikanische Einflusssphäre wird nachvollzogen: 1898 explodierte das Schiff USS Maine vor der kubanischen Küste. Offenkundig ein Sabotageakt der USA an ihrem eigenen Schlachtschiff, welcher als Vorwand für die Intervention gegen die spanische Kolonialmacht genutzt wurde. Die Kapitulation Madrids besiegelte den Übergang Kubas in die Einflusssphäre von Washington DC.

Zudem beschreiben die Autoren sehr überzeugend, dass Fidel Castro alle Rechtsmittel ausreizte, als er den Diktator Fulgencio Batista anzeigte, weil dieser 1952 die Verfassung außer Kraft gesetzt hatte. Die Klage wurde abgewiesen. Eine wichtige Kontextualisierung, so konnte sich Castro auf das in der von Batista beseitigten Verfassung verankerte »Widerstandsrecht des Volkes gegen Willkürherrschaft« berufen.

Michael Wögerer entlarvt in seinem Bericht »Medienlandschaft im Umbruch« die Methoden von Reporter ohne Grenzen (ROG) zur Bestimmung des weltweiten Pressefreiheitsrankings als fragwürdig: Grundlage hierfür ist ein Fragebogen, der an handverlesene Journalisten geschickt wird – oft ROG-Mitarbeiter. Der Autor kritisiert mit Recht diese »ominöse Liste der 1985 in Montpellier gegründeten Organisation«, in deren »Ranking weit vor Kuba Länder wie Saudi-Arabien (165), Ägypten (159) und Mexiko (149)« stehen, in denen nicht nur die Verfolgung von kritischen JournalistInnen an der Tagesordnung« ist, »sondern oftmals auch deren Ermordung«. Wögerer liefert viele Zahlen und präzise Kritik zur okzidentalen Instrumentalisierung der »Pressefreiheit« gegenüber Havanna.

Volker Hermsdorf demaskiert den ehemaligen ROG-Generalsekretär Robert Ménard in seinem Beitrag als »beim neofaschistischen französischen Front National gelandet«. Tatsächlich ist Ménard, parteiloser Mitgründer von ROG, seit 2014 Bürgermeister der südfranzösischen Stadt Béziers. Ins Amt gebracht hatte ihn eine städtische Koalition des Front National mit zwei weiteren rechten Parteien. Hermsdorf betont, dass Ménard »auch von rechten exilkubanischen Contragruppen in Miami Geld erhalten« hat und liefert Details über die Einflussarbeit ausländischer staatlicher Stellen in Kuba.

Lorenz Küstner und Kjell Hlawaty schildern in ihrem Beitrag »Queer? Keine Selbstverständlichkeit«, dass infolge der Anstrengungen von Raúl Castros Tochter Mariela bei der Inklusion von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intersexuellen (LGBTI) sich selbst Fidel Castro öffentlich für die Diskriminierung entschuldigte, welche insbesondere Homosexuelle in der frühen Phase der kubanischen Revolution erfahren hatten. Die Autoren zeigen auf, dass ab 1979 eine Lockerung einsetzte. Seit 1989 gibt es eine staatliche Institution zur Integration von LGBTI, an deren Spitze seit 2001 Mariela Castro steht, die über Medien und Bildungseinrichtungen emanzipatorisch in die Gesellschaft hineingewirkt hat.

Der Band beurteilt den kubanischen Sozialismus aus deutscher Perspektive. Angesichts der graduellen Öffnung der kubanischen Wirtschaft und Gesellschaft gegenüber der Globalisierung werden die Zusammenhänge gut aufgearbeitet. Für eine Sommerlektüre beim Mojito sind die konzisen, einfach lesbaren Berichte bestens geeignet. Auch Kenner und Liebhaber der Materie werden einige Neuigkeiten entdecken!

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Politisches Buch