Aus: Ausgabe vom 20.05.2017, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Wider den Wucher zu predigen«

Martin Luther verurteilte wütend den Zins. Für Karl Marx war er ­deshalb der »älteste deutsche Nationalökonom«

Von Konrad Lotter
Luther_Denkmal_in_Ei_53081035.jpg
»Verjagen, verfluchen und köpfen« – Martin Luther war kein Freund der Kaufleute …

Das 500. Reformationsjubiläum in diesem Jahr steht ganz im Zeichen der Aussöhnung der beiden christlichen Großkirchen. So groß sind die äußere Konkurrenz (etwa durch die Verbreitung des Islam in Europa) und der innere Niedergang (durch die steigende Zahl von Kirchenaustritten), dass die ehemals Verfeindeten zusammenrücken und den Schulterschluss suchen. Kaum eine Rolle in der gegenwärtigen Erinnerung an die Reformation spielt dagegen das, was jeder weiß, der es wissen möchte: Luthers Verdienste um die deutsche Sprache und die Aufklärung auf der einen, sein Hass auf die Juden oder auf den radikaleren Reformator Thomas Müntzer und die revoltierenden Bauern im Jahre 1525 auf der anderen Seite. Nahezu vergessen sind dagegen Luthers Ansichten über die Nationalökonomie. Kein Geringerer als Karl Marx würdigt ihn wiederholt, ausführlich und überwiegend zustimmend, als den »ältesten deutschen Nationalökonomen«1. Dabei bezieht er sich vor allem auf zwei Schriften Luthers, auf »Von Kaufhandlung und Wucher« (1524) und »An die Pfarrherrn wider den Wucher zu predigen« (1540).

»Bereicherungstrieb«

Schon aus den Titeln ist ersichtlich, worum es Luther geht: um die Verurteilung des Wuchers. »Wo man Geld leihet, und dafür mehr oder bessres fordert oder nimmt, das ist Wucher.«2 Bemerkenswerterweise definiert Luther den Wucher nicht durch die übertriebene Höhe des Zinses, sondern dadurch, dass überhaupt Zins gefordert wird. Schließlich sollten Christenmenschen »geben frei umsonst jedermann, der dessen bedarf oder begehret«3. Bemerkenswert aber ist vor allem, dass er keinen Unterschied zwischen dem Wucherer und dem Kaufmann gelten lässt. Es ist diese Gleichsetzung, die Marx als das besondere Verdienst Luthers bezeichnet, weswegen er dessen ökonomische Einsichten »höher« als diejenigen des anarchistischen Ökonomen Proudhon bewertete.4 Wucherer und Kaufmann, so Marx, sind »Zwillingsbrüder«, die vom gleichen »absoluten Bereicherungstrieb«5 besessen sind. Dass der eine sein Geldvermögen durch den Kauf und Verkauf von Waren anhäuft, der andere durch Zinsforderungen, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Vernichtungsphantasien

In einer Epoche, in der sich das industrielle Kapital (in Form von Fabriken) noch nicht gebildet hat, repräsentieren Wucherer und Kaufmann erstmals den Typus des Kapitalisten. Aus diesem Grund würdigt Marx die harsche Kritik Luthers am Reichtum als (Früh-)Form der Kritik am Kapitalismus. Im Gegensatz zu dem Schweizer Reformator Calvin, der im Reichtum ein Zeichen göttlicher Gnade und eine Prädestination für ein Plätzchen im Paradies erkennen wollte, bekämpft Luther die Reichen wie zum Beispiel die Kaufmannsfamilien der Fugger und Welser als »Wölfe in Schafkleidern«. Es sei, wie Marx genüsslich zitiert, kein größerer »Menschenfeind auf Erden (nach dem Teufel)«. Sie saugen ihre »Nächsten« aus, berauben und bestehlen sie und wollen »über allen Menschen Gott sein«. Jenseits aller zimperlichen Bedenken empfiehlt er daher, sie zu »rädern und federn«. Darüber hinaus möchte Luther die Wucherer und Kaufleute auch noch »verjagen, verfluchen und köpfen«. Dazu Marx’ Kommentar: ein »allerliebstes Bild, auf den Kapitalisten überhaupt«6.

Nach diesen Äußerungen kann es kaum verwundern, dass Max Weber, wenn er auf gut idealistische Weise den »protestantischen Geist« als die Ursache des Kapitalismus darzustellen versucht, eher den Calvinismus und den aus ihm hervorgehenden englischen Puritanismus im Auge hat und nicht die Lutherische Variante dieses »Geistes«. Folgt man hingegen den Marxschen Einsichten, so liegt dem Kapitalismus nicht die Tugend der Askese, der Sparsamkeit und des Fleißes zugrunde, die Max Weber am Calvinismus und Puritanismus aufzeigt, sondern die Untugend der Habsucht, der Gewalt und des Diebstahls, die Luther an den Kaufleuten und Wucherern anprangert und auf »allerliebste« Weise ausmerzen möchte.

»Der Diebe Gesellen«

Eine besondere Note gewinnt Luthers Radikalkritik noch dadurch, dass er den Staat, d. h. die Fürsten, der Komplizenschaft mit den »Kapitalisten« anklagt und den Räubern und Dieben gleichsetzt. Es sind dabei vor allem die »Gesellschaften Monopolia«, die gesetzlich abgesicherten Monopole bestimmter Industrie- und Handelszweige, die Luthers Zorn erregen: »Könige und Fürsten sollten hier aufmerken und dem mit strengem Recht wehren. Aber ich höre, sie haben Anteil daran und es geht nach dem Spruch Jesaja 1,23 ›Deine Fürsten sind der Diebe Gesellen geworden‹. Während sie Diebe hängen lassen, die einen Gulden oder einen halben gestohlen haben, machen sie Geschäfte mit denen, die alle Welt berauben und mehr stehlen als alle anderen, damit ja das Sprichwort wahr bleibe: Große Diebe hängen die kleinen Diebe, und wie der römische Ratsherr Cato sprach: Kleine Diebe liegen im Schuldturm und im Stock, aber öffentliche Diebe gehen in Gold und Seide.«

Mit den Worten des Propheten Hesekiel (Hes. 22, 12 ff.) droht Luther ihnen deshalb mit dem Strafgericht Gottes: »Fürsten und Kaufleute, einen Dieb mit dem anderen ineinander schmelzen wie Blei und Erz, gleich als wenn eine Stadt ausbrennt, sodass weder Fürsten noch Kaufleute mehr seien. (…) Deshalb darf niemand fragen, wie er mit gutem Gewissen in den Gesellschaften sein könne. Es gibt keinen anderen Rat als: Lass ab, da wird nichts Besseres daraus. Werden die Handelsgesellschaften bleiben, so werden Recht und Redlichkeit untergehen. Sollen Recht und Redlichkeit bleiben, so müssen die Handelsgesellschaften untergehen. Das Bett ist zu schmal, sagt Jesaja 28,20, einer muss herausfallen, und die Decke ist zu schmal, sie kann nicht beide zudecken.«7

Für Marx hat der Zins eine besondere Bedeutung. Er stellt innerhalb des ökonomischen Geschehens insofern die höchste Form der Entfremdung dar, als in ihm alle Vermittlung durch menschliche Arbeit ausgelöscht erscheint. Aus Geld wird unmittelbar mehr Geld. Das Kapital hat sich verselbständigt und erscheint als die Ursache seiner eigenen Vermehrung. Es trägt Zinsen wie der Birnbaum Birnen trägt. Von daher sieht Marx in Luther und seiner »naiven Polterei« gegen das wucherische Zinsnehmen einen Vorläufer und Verbündeten. A limine lehnt Luther (wie Marx weiter zitiert) den Zins aber doch nicht ab. Er rechtfertigt ihn speziell dort, wo geliehenes Geld nicht rechtzeitig zum vereinbarten Termin zurückgezahlt wird, als Ausgleich für ein »Interesse phantasticum«, zu Deutsch: für einen »eingebildeten Schaden«. Verständlicher ausgedrückt: Der Zins wird in bestimmten Fällen doch gerechtfertigt, als Entschädigung dafür, dass dem Verleiher durch die verzögerte Rückzahlung möglicherweise ein Schnäppchen durch die Lappen gegangen ist, da ihm das Geld gefehlt hat, so dass er nicht zuschlagen konnte.

Moralisch-motivierte Kritik

Mehr noch als über Luthers Beitrag zur Nationalökonomie kann man aus Marx’ Anmerkungen freilich etwas Prinzipielles über das Wesen der Kritik lernen. In seiner Ablehnung des Zinses steht Luther in der Tradition der Zinskritik des Aristoteles und, wie Marx ergänzt, der »älteren Sozialisten«8. Seine Kritik, die sich auf Werte des Mitleids und der christlichen Menschenliebe beruft, die ihm in der alten feudalen Agrargesellschaft noch eher realisiert und von der modernen Geldwirtschaft bedroht erscheinen, ist eine moralisch motivierte Kritik. Dagegen kritisiert Marx das entstehende Kaufmanns- und Wucherkapital auf eine dialektische Weise. Zum einen stimmt er Luther zwar darin zu, dass die moderne Geldwirtschaft ein »System der Plünderung«9 darstellt, in dem reiche »Parasiten« sich auf Kosten der Bauern und der zünftigen Handwerker bereichern und ihre Opfer in den Ruin treiben. Zum anderen erkennt er in ihnen aber auch etwas »Revolutionäres«10: ein Ferment der Auflösung der alten Gesellschaft, das zugleich den Boden der neuen, kapitalistischen Gesellschaft bereitet. Wucherer und Kaufleute rauben dem Bauern das Land und dem Handwerker seine Werkstatt. Sie machen beide zu »freien Lohnarbeitern«, die nichts mehr ihr Eigen nennen als ihre Arbeitskraft, und schaffen damit, ohne es zu wollen, die Voraussetzung für die industrielle Produktion. Luthers Kritik ist somit rückwärts-, Marx’ Kritik dagegen vorwärtsgewandt; sie erkennt im »Bösen«, in der »schlechten Seite, (…) welche schließlich den Sieg über die gute Seite davonträgt«11 die Triebkraft des geschichtlichen Fortschritts.

Im Rahmen des 500. Jubiläums der Reformation wäre somit auch dies zu erinnern: Hätte sich Luther, der »älteste deutsche Nationalökonom«, mit seinem Versuch, das Kaufmanns- und Wucherkapital auszumerzen, auf Dauer durchgesetzt, so lebten wir heute noch im Mittelalter.

Anmerkungen

1 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 891

Prozess_gegen_Sparka_44020669.jpg
... und der Geldverleiher schon gar nicht.

2 »Wer etwas leyhet, und nimpt dafur etwas druber odder (das gleich so viel ist) etwas bessers, das ist Wucher«, Martin Luther: An die Pfarrherrn Wider den Wucher zu predigen (1540), zit. nach Hans Hattenhauer/Arno Buschmann (Hg.): Textbuch zur Privatrechtsgeschichte der Neuzeit mit Übersetzungen, München 2008, Nr. 37, S. 66/67

3 Erwin Mülhaupt (Hg.): D Martin Luthers Evangelien-Auslegung. Zweiter Teil. Das Matthäus-Evangelium (Kap. 3-25). Göttingen 1973, S. 106

4 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Bd. 25, Dietz-Verlag, Berlin 1964, S. 359; Bd. 26.3, S. 521

5 MEW Bd. 25, S. 607; Bd. 23, S. 618

6 MEW Bd. 23, S. 619; Bd. 26.3, S. 525

7 Martin Luther: Von Kaufhandlung und Wucher (1524), zit. nach »Luther lesen. Die zentralen Texte«, bearbeitet und kommentiert von Martin H. Jung, Göttingen 2016, S. 161/162

8 MEW Bd. 25, S. 613

9 MEW Bd. 25, S. 343

10 MEW Bd. 25, S. 610

11 MEW, Bd. 26.1, S. 363; Bd. 4, S. 140

Konrad Lotter, geb. 1947. Promotion in Philosophie an der Universität in München (1975). Mitbegründer und Mitherausgeber von Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie. Dozent am Institut für allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft (Komparatistik). Herausgeber des »Marx Engels Lexikons« (zusammen mit Reinhard Meiners und Elmar Treptow) (2006).

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Wochenendbeilage