Aus: Ausgabe vom 20.05.2017, Seite 12 / Thema

Archaische Reste

Saisonende. Über Blutgrätschen, Kampfschweine und Hooligans im Fußball

Von Richard Gebhardt
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Der befremdlichen Wahrnehmung, wonach Fußball Krieg sei, entspricht das martialische Auftreten dieser Fans der SG Dynamo Dresden am 14. Mai im Karlsruher Wildparkstadion

In diesen Tagen erscheint im Kölner Papy-Rossa-Verlag der von Richard Gebhardt herausgegebene Sammelband »Fäuste, Fahnen, Fankulturen. Die Rückkehr der Hooligans auf der Straße und im Stadion«. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor den Aufsatz des Herausgebers in einer stark gekürzten Fassung. (jW)

»Wir steh’n in uns’rem Block

und singen uns’re Lieder

Wir schwör’n auf uns’re Farben

und machen alles nieder«

Dürre, anspruchslose, unpoetische Sätze bar jeder Ironie, jeder Distanz zum eigenen Handeln. Dumm wie eine alkoholbefeuerte Schlägerei, stumpf wie Rumpelfußball. Nicht das schöne, das furchtbar hässliche Spiel auf den Rängen wird hier besungen. Aber die Philosophie des Hooliganismus wird knapp auf den Punkt gebracht – von der anachronistischen Beschwörung des Eigenen, der Feinderklärung gegen die andere Mannschaft und deren Anhänger bis hin zum Kult der Gewalt. Die Band, die diese Brachiallyrik Anfang der 1980er Jahre eher röchelte als sang, hat bis heute Kultstatus. Zu finden sind diese Zeilen auf der berüchtigten Platte »Der nette Mann« von den Böhsen Onkelz. Der Titel des zitierten Songs lautet schlicht »Fußball und Gewalt«. Ein solcher Gutturalgesang braucht keine lyrische Überhöhung, keine stilistischen Feinheiten. Warum auch? Die Gewalt ist sich selbst genug, trotz aller Verfeinerungen der Schlagtechniken für die Matches auf Feld, Wald und Wiese oder für die Fights auf den Turnieren der neuen Kampfkünste, denen die Hooligans der Gegenwart huldigen.

Es wäre leicht, den Hooliganismus als Irrläufer der Fußballgeschichte zu deklarieren, als militante Subkultur, die den populären Volkssport für ihre Zwecke missbraucht und diesen nur aufgrund seines Massenzuspruchs gewählt hat. Die Menge in den Arenen erlaubt das Verschwinden, die Anonymität, aus der alles niedergemacht werden kann. Hooligans sind jedoch nicht die Aliens des Fußballs, die eine ansonsten unschuldige Sportart für ihre »dritte Halbzeit« gekapert haben. Hooligans sind der verdrängte Teil der Fußballfamilie. Sie sind Teil des Spiels, Teil der Fanszene, Teil des Vereins. Mehr noch: Ihre Präsenz beim Fußball ist kein Zufall. Fußball und Gewalt gehören, wie zu zeigen ist, zusammen – auf dem Feld und auf den Zuschauerrängen.

Erst ihre Überwindung, erst die Aufhebung der verbissenen Gegnerschaft ermöglicht das schöne Spiel, ermöglicht die Magie des Fußballs. Sicher, nicht jeder Gewalttäter im Fußball ist ein Hooligan, und zahllose Schlägereien finden ganz ohne ihre Beteiligung statt. Und nicht jeder Hooligan ist ein Neonazi. Aber ihre Subkultur ist das manifeste Symbol für die Gewalt im Fußball. Ihre Spuren hinterlässt die Szene auch bei jenen, die das Label »Hool« ansonsten ablehnen. Denn auch der Jugendkultur der Ultras war Gewalt nie fremd. Hooligans verkörpern in ihrer Mehrzahl eine rechtsoffene Lesart und Aneignung des Fußballs und seiner Kultur. Hooligans golfen nicht. Sie sind auch kein Phänomen des Synchronschwimmens. Ihre Präferenz für den Fußball enthüllt dessen verborgenes Gesicht. Ein Gesicht, das vom hochkommerzialisierten Profisport und der Dominanz der Taktik über den harten Zweikampf verdrängt wurde. Es ist das alte Gesicht der Blutgrätschen und brutalen Tritte. Hooligans verkörpern in ihrem Spiel auf den Rängen symbolisch den »wilden Fußball«, das ungezügelte Spiel der Kampfschweine und Sensenspieler. Wer also das Phänomen des Hooliganismus, seinen Gewaltkult und seine vielfachen Bezüge zur rechten Ideologie verstehen will, muss den Blick auf die verleugnete Seite des Spiels richten. Warum also treffen wir Hooligans weiterhin beim Fußball? Und dies, obwohl die Verbindung aus Kommerzialisierung und Sicherheitsauflagen sie immer mehr hin zu den Arealen ihrer »Drittortbegegnungen« außerhalb der Stadien verdrängt hat?

Die »Old School« schlägt zurück

Ob in Braunschweig, Aachen, Duisburg oder Düsseldorf – noch vor den Aufmärschen der Hogesa feierte die Old School der Hools seit den Jahren 2011/12 ihr Comeback im Stadion. Die Entdeckung des NSU hat den Blick auf die Präsenz der extremen Rechten im öffentlichen Raum geschärft. Deshalb feierten auch die lange verkannten rechten Hools ihre Wiederkehr in den Medien. Rechte Hooligans führten – und führen – verstärkt einen Kampf gegen linke und dezidiert antirassistische Ultras, die zudem auch aus den Reihen ihrer eigenen Subkultur angegriffen werden. Neben dem Spiel auf dem Rasen läuft allwöchentlich auch ein Spiel auf den Rängen, das seine eigene Brisanz hat: In deutschen und osteuropäischen Stadien wird gegenwärtig ein »Kampf um die Kurve« ausgefochten, der tatsächlich ein politischer Kampf um die Hegemonie in der Fankultur ist.

Es ist nicht nur die Faszination für die Gewalt, die hier wichtig ist. Es sind ihre Riten und Rituale, es ist die starre Betonung der »alten Werte« wie Disziplin, Tradition, Hierarchie, Unterordnung, Siegenwollen und Kampfgeist, die den Hooliganismus für die extreme Rechte anschlussfähig macht. Hooligans inszenieren, wie auch andere Fankulturen, Stammeskulte. Unsere Fahnen, unsere Farben, unser Verein, unser Block, unser Rasen. Die Tribüne wird zum extrastaatlichen Territo­rium, eine temporär autonome Zone, in der eigene Gesetze gelten.

Aber: Es gibt kein statisches Wesen des Fußballspiels, nicht auf dem Spielfeld, nicht auf dem Sitz- oder Stehplatz. Das Fußballspiel hat seinen Reiz, weil es deutungsoffen ist und sich, von den sprichwörtlichen Familienvätern bis hin zur Fankategorie C, viele kulturelle Milieus auf dieses Spiel beziehen. Hooligans jedoch knüpfen schon habituell an eine Deutungsmöglichkeit des Fußballs an, die mit den zur Kunstform erhobenen Versionen des Ballsports radikal bricht. Hooligans interpretieren Fußball nicht als Kunst, sondern als Kampf. »Wir« kämpfen erbittert gegen »die anderen« – frei und bierernst nach dem vielzitierten Motto der Liverpooler Trainerlegende Bill Shankly, wonach Fußball keine Frage von Leben und Tod sei – sondern sehr viel wichtiger. Shankly übrigens war Sozialist der alten Schule und Pionier eines Fußballs, in dem der Sieg immer auch Resultat einer kollektiven Anstrengung ist. Die Solidarität der Mannschaft und des Publikums galt als Voraussetzung für die Spielkunst des einzelnen. »You’ll never walk alone«. Es zählt zur bitteren Ironie der Fankulturgeschichte, dass gerade »sein« FC Liverpool durch die Ausschreitungen im Heysel-Stadion auf ewig mit dem Hooliganismus verbunden bleibt. Shankly starb 1981, die Ereignisse von 1985 in Brüssel, bei dem 39 Menschen ums Leben kamen, hätten ihn erschüttert.

Hooliganismus ist ein kollektives Gewaltspektakel. Der US-amerikanische Journalist Bill Buford hat in seiner großartigen Reportage »Among the thugs« (1991, die deutsche Übersetzung trägt den reißerischen Titel »Geil auf Gewalt«) ein eindrucksvolles Porträt der Hooligans auf der Insel gezeichnet. Seine dichte Beschreibung aus dem Innenleben des Mobs, seine Darstellung von Gewaltorgien und Saufgelagen jener Tage, von rechtsextremen Einflussnahmen durch die National Front und British National Party in den späteren 1980er Jahren, machen die subjektive Überhöhung und das Einswerden mit der unberechenbaren und gefährlichen Masse nachvollziehbar. Buford beschreibt den »Rauschzustand« und die »Adrenalin-Euphorie«, er beschwört die »Momente animalischer Intensität«, die auch bei ihm – dem US-amerikanischen Intellektuellen, der sich zwecks teilnehmender Beobachtung im Mob aufhält – zur fortschreitenden Enthemmung führen. Und zur »Erfahrung absoluten Erfülltseins«. Buford benennt den Reiz des Exzesses: »Die Gewalt ist eines der stärksten Erlebnisse und bereitet denen, die fähig sind, sich ihr hinzugeben, eine der stärksten Lustempfindungen.« Der Hooliganismus legt tierische Leidenschaften frei und geht, wie Buford in seiner Reportage zeigt, schon damals politisch eindeutige Allianzen ein.

Aber warum diese Allianzen? Radikal rechts agieren breite Teile der Hooligans, wenn sie im Fankulturkampf autoritären Druck auf Abweichler ausüben – hier treffen sie sich mit den rechten Aktivisten und jenem gewaltaffinen Teil der Ultra-Bewegung, der das interessegeleitete Dogma des »unpolitischen« Fans fortschreiben will. Die Parallelen zwischen den rechten Szenen und den Hools waren immer Thema. Im Jahr 2000 schrieb Thomas Gehrmann in der höchst informativen, aber leider vergessenen Broschüre »Lens und die Folgen« über jenen Teil der Hooliganszene, aus der heraus der Polizist Daniel Nivel während der WM 1998 in Frankreich brutal angegriffen wurde: »Eine gewisse Nähe und teilweise Überschneidung von Hooligan- und rechter Skinhead-Szene hat es auch früher schon gegeben. Lens aber erweckte stellenweise den Eindruck, dass die rechtsgerichteten ›Polit-Hooligans‹ die klassischen Fußball-Hooligans von ihrem eigenen Felde verdrängt oder sie zumindest dominiert haben.«

Die heutigen Polit-Hooligans, die für ihre Anliegen auch auf die Straße gehen, sind so neu nicht. Bereits im Jahr 2000 organisierten Hooligans in Berlin eine Demonstration, an der unter dem Motto »Reisefreiheit für alle« über 350 Aktivisten teilnahmen. Die Demonstration richtete sich gegen die sicherheitspolitischen Auflagen, mit denen die Szene bis heute konfrontiert ist. Teile der Hooligans schaffen also einen Resonanzraum für die extreme Rechte. Mit dieser Szene wurde auch der klassische, nach seiner Einschätzung »unpolitische« Fußball-Hooligan immer konfrontiert. Provokationen, die vom Tragen rechter Modemarken ausgehen, das Hissen einschlägiger Fahnen, die Agitation in den sozialen Netzwerken gegen den Gegner im Stadion, der Nazirock im Bus bei der Auswärtsfahrt, das Treffen auf Gigs von Szenebands wie »Kategorie C«, die Selbstinszenierung von bekannten Neonazis als Fans im Stadion – all das sind Elemente des rechten Kampfs um die Kurve, die – anders als Übergriffe im Stadion – von keiner polizeilichen Statistik oder Datei »Gewalttäter Sport« erfasst werden.

Befehl und Gehorsam

Kommt die Rede auf diesen Kampf – der ja eben nicht nur in der Kurve ausgefochten wird –, dann wird der Breitensport Fußball gerne als Seismograph für politische Stimmungen begriffen. Gerade Verbandsfunktionäre greifen hier zu der Wendung, wonach Fußball eben ein »Spiegel der Gesellschaft« sei. Dass aber der Fußball »die« Gesellschaft nicht einfach widerspiegelt, zeigt sich vor allem beim Thema Homosexualität. Im Männerfußball ist ein Coming-out nach wie vor ein Tabu. Die hier gepflegte Homophobie zeigt, wie stark männerbündische Relikte diesen Sport noch dominieren. Der Fußball folgt quer zur Mehrheitsgesellschaft seinen eigenen Regeln. Mag ihm in bezug auf die Repräsentation von Migranten und Sport-Kosmopoliten eine Avantgarderolle zugeschrieben werden können, er bietet – wie Marvin Chlada und Gerd Dembowski schreiben – andererseits auch durch sein »starres Regelwerk mit Befehl, Gehorsam und Bestrafung ein Präsentationsfeld für konventionelle, patriarchale Wertvorstellungen und autoritäre Charaktere« und kann deshalb »Nationalismus, Rassismus, Gewalt, Identitätsdenken, Chauvinismus, Sexismus verstärken«.1

Fußball ist historisch nicht ohne die Zivilisierung von Leidenschaften und Gewalt zu denken. Das gilt schon für den »wilden Fußball« in England, dem Mutterland des modernen Fußballs, wo ganze Dörfer – blutig! – gegeneinander kämpften. Regeln im heutigen Sinne existieren erst seit der Gründung der »Football Association« (FA) im Jahre 1863. Der Kampf der Hooligans auf Feld, Wald und Wiese erinnert deshalb an eine Zeit, in der das taktische Spiel ohne Ball noch als elitär galt. Hools waren lange nur die Dinosaurier auf den Rängen, die ihre unterdrückten Leidenschaften meist in der »dritten Halbzeit« ausleben mussten. Sie waren und sind aber Dinosaurier, die den Fußball nicht als Rasenschach oder Kunstlauf interpretieren. Egal, wie sehr der Fußball der Zukunft von Statistiken und neuen Regeln überlagert sein wird – er war und ist für einen wichtigen Teil seiner Anhänger eben auch eine Kampfsportart. Und ähnlich wie im Kung-Fu gehören Trittechniken zum Repertoire des Fußballs. Wobei der Gedanke der Selbstverteidigung im Fußball im Fall der Fälle eher großzügig ausgelegt wird und das Repertoire der Tritte weniger raffiniert denn rustikal ist. Ein »taktisches Foul« – besser: ein Präventivschlag – ist meist das Ziel. Fußball lebt vom Zweikampf. Und hier ist die berüchtigte Blutgrätsche die zugespitzte Form des robusten Einstiegs, des Tacklings, der Nicklichkeit. Sie gehört als absichtliches, aggressives und untaktisches Foul zu den hässlichen Dimensionen des Fußballspiels. Dessen Magie wiederum speist sich aus seinem Variantenreichtum – vom filigranfüßigen Schalker Kreisel über Netzers Tiefe des Raumes und der Kurzpassphilosophie des Tiki-Taka, die von visionären katalanischen Künstlern entwickelt wurde, bis hin zum klassischen Long ball, wie er immer noch auf der Insel zelebriert wird.

Fußball changiert traditionell zwischen Kunst und Kampf, zwischen Knochentritt und Bananenflanke, zwischen der Eleganz der falschen Neun und dem Gewühle des Terriers. Es liegen jedoch nicht nur zeitlich Welten zwischen Pep Guardiolas Barcelona oder dem Leeds United der Trainerlegende Don Revie. Das berüchtigte Zweikampfverhalten von Revies United, filmisch und literarisch dramatisch festgehalten in »The Damned United«, kommt aus heutiger Sicht eher einer Wirtshausschlägerei gleich. Guardiola aber wird noch, sagen wir, im Jahre 2117 als einer der größten Künstler des frühen 21. Jahrhunderts gelten. Dass im »wilden Fußball« vor Jahrhunderten noch ganze Dörfer gegeneinander kämpften, gehört zum verdrängten Erbe, das auf den Schultern des modernen Fußballs lastet. Die genetischen Spuren des Kampfes prägen immer noch die DNA dieser Sportart. Die Geschichte des modernen Fußballs ist folglich die Geschichte einer Zivilisierung der Leidenschaften. Und das verfeinerte Regelwerk dient nicht nur dem transparenten Spielfluss, sondern vor allem der Eindämmung des Aggressionspotentials auf dem Rasen.

Der klassische, sprich: der harte Männerfußball aber war und ist für viele Fans ein Kampf von »wir« gegen »die«. Fußball ist Mannschaftssport, ist die Sucht nach dem Sieg, die Beschwörung der manchmal schlicht erfundenen »großen« Vereinsgeschichte und begeisterten Identifikation mit Tradition und Truppe. Auch die militärische Komponente war dem Spiel sowohl auf dem Rasen als auch auf den Rängen immer schon beigemischt – selbst wenn der »Bomber der Nation« im Fußball auch mal – wie Gerd Müller – in die USA auswandert. Nicht ohne Grund heißen die Bataillone der Auswärtsfans Schlachtenbummler, bilden die Anhänger einen Mob, während auf dem Platz die Rudelbildung abläuft, inszenieren die Supporter Platzstürme oder intonieren Schlachtrufe. Spieler, die den Kontinent verlassen, sind Legionäre. Es wäre nun albern, moralisierend auf die negative Konnotation von Angriff, Abwehrschlacht oder Sturmspitze hinzuweisen. Aber nicht nur in der englischen Yellow Press ähneln die Berichte über die großen Fights im Länderspiel alten Kriegsberichten.

Beim Spiel zwischen Deutschland und England während der WM in Südafrika 2010 erschienen mit der Nationalflagge geschmückte englische Fans als Piloten der Royal Air Force (RAF) im Stadion. Das Spiel endete mit einem zerlegten Team der Three Lions. In der Daily Mail schrieb Richard Littlejohn, einer der lautstärksten Polemiker der englischen Rechten, voller empörter Inbrunst: »Thank Heaven The Few didn’t defend as badly as England’s footballers in Bloemfontein yesterday afternoon, otherwise we’d all be speaking German.« The Few, das waren die alliierten englischen Luftpiloten, die im Zweiten Weltkrieg das Battle of Britain gegen Nazideutschland führten.

Auch wenn sich die »Kriegführung« auf dem Rasen geändert hat, ist der Fußballplatz immer noch für Teile des Publikums das für 90 Minuten imaginierte Schlachtfeld, auf dem die Bataillone je nach Land und Zeit von einem »Kaiser« oder auch nur von einem »Tulpen-General« angeführt werden. Und während auf den Tribünen immer mehr Frauen und Familienväter Platz nehmen und die Vereine Rücksichten auf Sporttouristen, Sponsoren und Übertragungsrechtemakler nehmen, bleiben die verbliebenen Hools – um im Bild zu bleiben – die »Kampfschweine« auf den Rängen. Sie künden von alten Zeiten, als der Fußball auch in den Profiligen noch ein Kampfsport für Ackerer war.

Rohheit und Eleganz

Im modernen Profifußball, so legen es die Statistiken nahe, wird der aggressive Unterstrom des Spiels immer unsichtbarer. Versiegt ist er jedoch nie. Nicht nur Marco Reus scheint eine geradezu magnetische Wirkung auf jene Gegenspieler auszuüben, an denen der Paradigmenwechsel hin zum »schönen Spiel« vorbeigerauscht ist. Als Faustregel aber gilt: Gerade moderne Verteidiger sind keine ackernden Kampfschweine mehr und gleichen auch nicht jenen wadenbeißenden Terriern, die ihren Gegner noch bis in die Duschkabine verfolgen.

Das Kunstspiel der Gegenwart erfordert Ballbesitz und Raumverständnis, Schnelligkeit und Präzision, Muskelkraft und Intelligenz. Auf dem Boden aber lässt sich schwer ein punktgenauer Pass schlagen. Eine Blutgrätsche, das Sinnbild des alten Kampfstils, stört da nur den Spielaufbau. Die moderne Fußballphilosophie hat sich ebenso wie die Wahrnehmung des Spektakels verändert. Wo Hools früher noch wie selbstverständlich zum Bild der Kurven gehörten, wurden sie heute mittels sicherheitspolitischer Auflagen verdrängt oder unsichtbar gemacht. Die Toleranzschwellen gegenüber Gewalt sind gesunken. Gerade die Skandalisierung von einstmals eher als harmlos gewerteten Zweikämpfen ist ein Indiz für die befriedende Wirkung des hochkommerzialisierten Fußballs. Dessen Anteilseigner haben ein vitales Interesse an der Bewegungsfreiheit und Unversehrtheit ihrer Investitionen, die nur auf zwei gesunden Beinen Ablösesummen realisieren.

Die Blutgrätsche ist aus dieser Perspektive ein Sündenfall des modernen Fußballs. Zumal dessen beste Verteidiger ohnehin auf unsportliche Tritte verzichten können. Sie glänzen im defensiven Mittelfeld oder an der hinteren Außenlinie mit verfeinerter Technik und strategischer Übersicht. Gelbe oder rote Karten sind in ihrem Fall eine Seltenheit. Spielertypen wie Philipp Lahm verkörpern den »modernen« Abwehrfußball. Fälschlicherweise »Verteidiger« genannte Sensenspieler, die sich dagegen noch mit der Blutgrätsche wehren müssen, wirken angesichts des State of the art wie Kirmesboxer. Hier finden Hooligans im Spiel kaum noch Anknüpfungspunkte für ihre Interpretation des Fußballs. Blutgrätschen gehören in die Zeit, in der schwerstversehrte Fußballer nach ihrer Karriere nur noch die Invalidenrente beantragen oder bestenfalls das sprichwörtliche Lottobüdchen eröffnen konnten. Die bewährten »Zerstörer« sind heute die anachronistischen Figuren des Profifußballs.

Die Hools sollten aus den Stadien verschwinden, das war politischer Wille. Dabei gab es nicht nur polizeiliche Auflagen. In der einstigen Hooligan-Hochburg »The Den«, dem Stadion des heutigen Drittligisten FC Millwall, kostete eine ordinäre Eintrittskarte Ende 2016 schlappe 30 Pfund Sterling. Unentwegte, die sich davon nicht abschrecken lassen, gibt es dort noch heute. Aber die soziale Auslese durch die Geldschranke hat nicht nur im Londoner Südosten dazu geführt, dass der Fußball von den Hools – und nicht nur von ihnen – im Pub zelebriert wird. Hools sollen als Anachronismus gelten – wie der berechnende Foultritt.

Disziplin, Tradition, Kampf

Die Hooligans, die ungebrochen Disziplin, Kampf und Tradition beschwören, stehen für den Fußball des autoritären Kollektivs, nicht für den Fußball der modernen Ballkünstler, deren Identifikation mit dem Club des Herzens oftmals nicht eine Saison überdauert. Diese Spielerindividuen kennen weder Tradition noch Vaterland, zumal selbst die nationale Identität wechseln kann. 2001 lief bei einem Spiel von Energie Cottbus eine Mannschaft auf das Feld, die vollständig aus nicht-deutschen Spielern bestand. Niemand von ihnen würde sich das Vereinswappen auf den Rücken tätowieren lassen. Für die meisten modernen Spieler sind Vereine Episoden, für Fußballfans – und freilich auch für die Hools – jedoch das ganze Leben. Während die einen den Zaun reparieren oder den Rasen vom Schnee freischaufeln, sind die anderen schon beim nächsten Vertragsdeal. Gegen diese »Überfremdung« richtet sich der völkische Protest der extremen Rechten. Auf der vor der EM 2016 erschienenen CD der Hool-Kapelle »Kategorie C« wird beispielsweise ausdrücklich beklagt, dass die Nationalelf nun nur noch »Mannschaft« heißt und somit die deutsche Identität und Tradition verleugnet wird: »Nationalmannschaft – ruhe in Frieden«. Im Fußball der Hools aber – und nicht nur bei ihnen – spielt keine bunte »La Mannschaft«. Hier geht es um Ehre, Leistung, Treue, Hierarchie und Identifikation mit der Eigengruppe. Hier werden archaische Rituale kultiviert.

Das Gemeinschaftserlebnis im Fußball ist dabei nicht notwendigerweise ein Rückfall in alte Verhaltensmuster. Nicht jeder agiert wie ein Nachfahre der Stammeskrieger. Wenn Fans von Borussia Dortmund gemeinsam mit den Fans der Reds »You’ll never walk alone« anstimmen, wird das solidarische Potential deutlich, das diesem Sport eben auch innewohnt. Nichts spricht also gegen die positive emotionale Kraft des gemeinsamen Supports, gegen die ergreifende massenpsychologische Erfahrung, als »zwölfter Mann« durch die eigenen Gesänge und Beifallsbekundungen das Spiel zu beeinflussen. Für progressive Fußballfans gilt aber nicht, um jeden Preis siegen zu müssen, brutale Zweikämpfe einzufordern, eindeutige Abseitsstellungen des eigenen Teams zu ignorieren, besinnungslos den eigenen Lokalpatriotismus zu propagieren oder einer verklärenden Identifikation mit der Nation über alles das Wort zu reden. Es geht um die Freude am Spiel, am kunstvollen Pass, am überraschenden Dribbling auch im eigenen Strafraum, am Fair Play, am Austausch mit der anderen Mannschaft. Große Teams und Fanszenen sind deshalb Sinnbilder für positive Vergesellschaftung, für den gelungenen Austausch von Individuum und Kollektiv. Die hier entstehende Harmonie befördert die Kunst des Fußballs, die wichtiger ist als die Tabellenplazierung.

Fußball ist reaktionär, wenn Spielfreude, taktische Raffinessen, technische Kunst, Risikobereitschaft und Fair Play verdrängt werden. Wenn das Stadion als Ort für brutale Revierkämpfe genutzt wird. Wenn Siegenwollen, Identität und Tradition absolut gesetzt werden. Als Mannschaftssport lebt Fußball vom Antagonismus des »wir« gegen »die«. Zwar zählt es heute zum guten Ton, dass Fanprojekte beispielsweise mit der Ausrichtung von »Chancen-Camps« gegen Diskriminierung arbeiten. Aber wir dürfen zum Schluss eine Pointe nicht übersehen: Fußball ist ohne das zumindest ironische Spiel mit der »Feinderklärung«, der Rivalität, der Diskriminierung des Gegners gar nicht denkbar. Der Antagonismus gegnerischer Mannschaften gehört zum Spiel wie der Ball, das Tor und der Rasen. Um diesen Antagonismus im kathartischen Spiel aufzuheben, bedarf es der hohen Kunst der Ironie im Umgang mit der im Spiel angelegten »Feinderklärung«. Und der nötigen Distanz zur »eigenen« Mannschaft, deren Tun im Lichte einer Philosophie des schönen Spiels betrachtet wird.

Anmerkung

1 Marvin Chlada/Gerd Dembowski: »Und täglich drückt der Fußballschuh. Ausgewählte Standardsituationen«, hier zitiert nach: Richard Gebhardt, »›Kampf um das Stadion‹ – ›Neoliberaler‹ Fußball und die extreme Rechte«, in: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, Nr. 294 (5/2011), S. 680–693

Richard Gebhart arbeitet als freier Publizist in Köln und Aachen

Richard Gebhardt (Hg.): Fäuste, Fahnen, Fankulturen. Die Rückkehr der Hooligans auf der Straße und im Stadion. Papy-Rossa-Verlag, Köln 2017, 163 Seiten, 13,90 Euro