Aus: Ausgabe vom 20.05.2017, Seite 10 / Feuilleton

Über Liberalismus

Timothy Snyders Selbstentlarvung: »Zwanzig Lektionen für den Widerstand«

Von Detlef Kannapin
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»Bemühe dich, dich vom Internet fernzuhalten. Lies Bücher« – Timothy Snyder bekämpft autoritäres Führertum auf eigene Art

Gäbe es in der EU-Kommission den Posten eines ideologischen Geschichtswahrers, dann hätte der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder seit längerem die besten Aussichten auf eine Berufung. Er wäre ein hervorragender Festredner für den sogenannten Europäischen Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus, der seit 2009 jährlich am 23. August, dem Tag der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages von 1939, begangen wird. Dessen symbolhafte Nivellierung jeglicher Kontextualisierung gesellschaftlicher Prozesse passt so offenkundig in unsere Zeit des Wissensverfalls wie Snyders historiographische Unterfütterung des Ganzen unter dem Titel »Bloodlands«. Dieses Buch sorgt seit seiner Erstveröffentlichung im Jahre 2010 dafür, dass die politische Geschichte des Zweiten Weltkrieges in Europa ins Halbdunkel eines mörderischen Zweikampfes zwischen bösen Tyrannen getaucht wird, aus dem sie bei Strafe der Erkenntnis nie wieder herausgeholt werden darf. Die liberalen Demokratien des Westens sollen ein für allemal freigesprochen werden von jeglicher Mitschuld am Expansionskurs des deutschen Imperialismus.

Und da Snyder die Tyrannen schon einmal beim Wickel hat, legt er nun »aus den Lehren der Geschichte« einen Katechismus von Warnungen nach, damit angeblich der Tyrannei in der Welt letztgültig widerstanden werden kann. Wie ernst er dabei sein eigenes Fach nimmt, kann man auf Seite 104 nachlesen, auf der es heißt: »Am 27. Februar 1933 gegen neun Uhr abends begann der Reichstag, der Sitz des deutschen Parlaments, zu brennen. Wer hat das Feuer an jenem Abend in Berlin gelegt? Wir wissen es nicht, und es ist auch nicht wirklich wichtig.« An dieser Aussage stimmt nur die Zeitangabe, mit der sich der Historiker Snyder zufriedengeben will. So wie ihn Motive, Umstände und Ursachen in seiner Arbeit nicht zu interessieren scheinen, so gehen wesentliche Fragestellungen unberührt an ihm vorbei. Es ist daher kein Wunder, dass der Inhalt der Bekenntniseloge »Über Tyrannei« mit der Überschrift gar nichts, der Jubel des bürgerlichen Feuilletons mit dem von Snyder gemeinten Aufruf an das potentiell anfällige Volk, dem überkommenen Liberalismus zu huldigen, alles zu tun hat.

Denn die »zwanzig Lektionen für den Widerstand«, nein, nicht gegen Ausbeutung und Unterdrückung, Hunger und Kriege, ökologischen Selbstmord und gleichgültige Verantwortungslosigkeit, sondern z. B. gegen »Institutionenzerstörung«, »Einparteienstaat«, »Paramilitärs«, Fackeln und Führerbilder, unter Zuhilfenahme »antitotalitärer« Literatur und des »Grundbuchs« für Christen, diese »Lektionen« also verraten eigentlich viel mehr über den erbarmungswürdigen und desolaten Zustand des Liberalismus selbst als über irgendwelche Vorstellungen von Tyrannei, von denen Snyder selbst kaum weiß, warum und unter welchen Bedingungen eine autoritäre Herrschaft zur Entwicklung von Staatlichkeit und gesellschaftlichem Fortschritt in der Weltgeschichte produktiv beigetragen hat. Statt sich zu fragen, ob nicht eine vernunftgemäße Staatsform mit einer philosophischen Grundierung der Politik einhergehen müsste und diverse Ausuferungen der kapitalistischen Lebensweise durch den »freiwilligen Zwang« der pädagogischen Institution des Staates zumindest halbwegs einzudämmen wären, verliert sich unser Prediger in Allgemeinplätzen wie jenem, dass »nach der Wahrheit« (seiner?) »vor dem Faschismus« ist.

Die niedrigsten Empfehlungen Snyders lauten: »Bemühe dich, dich vom Internet fernzuhalten. Lies Bücher.« Es hätte nur noch gefehlt, dass dort »Lese Bücher« stünde. Oder: Finde Heil im bürgerschaftlichen Engagement, denn Spenden für Wohltätiges (Winterhilfswerk?) retten die Zivilgesellschaft. Und schließlich: »Sei patriotisch.« Zur besseren Kenntlichkeit benennt Snyder all das, was er für nicht patriotisch hält – die Denunziation der US-Armee, die Weigerung der Zahlung von Steuern, die Bewunderung ausländischer Diktatoren, die Förderung russischer Propaganda (oder wahlweise chinesischer, ghanaischer usw.). »Ein Patriot hingegen will«, verkündigt er, »dass die Nation seinen Idealen entspricht, was bedeutet, dass er uns darum bittet, uns von unserer besten Seite zu zeigen«. Wie der Pope den Himmel bittet, der verdorrten Erde den Regen zu bringen, um die Speisung der Zehntausend durchführen zu können.

Wohlgemerkt, der Mann ist Professor an der Yale University in New Haven (Connecticut) und nicht in Tutzing.

Timothy Snyder: Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand. Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Wirthensohn, C. H. Beck, München 2017, 128 Seiten, 10 Euro

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