Aus: Ausgabe vom 20.05.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Der Wert einer Aktie

Von Lucas Zeise
Volkswagen_Jahrespre_52797302.jpg
VW-Boss Matthias Müller auf der Jahrespressekonferenz des Konzerns (Wolfsburg, 14. März)

Es ist bald zwei Jahre her, dass der Abgasskandal bei Volkswagen hochkochte. Nun wird gemeldet, dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart auch gegen den heutigen Volkswagen-Chef Matthias Müller in der Sache ermittelt. Dass der frühere VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn und der aktuelle Aufsichtsratsvorsitzende bei VW, ein gewisser Hans Dieter Pötsch, Ermittlungsziele deutscher Staatsanwälte sind, war schon früher bekannt. Der Unterschied ist, Müller wird in seiner früheren Eigenschaft als Chef bei der Porsche-Holding belangt. Sie ist die Mehrheitseigentümerin bei VW. Und um den Wert von Eigentumsrechten geht es bei den Ermittlungen.

Das muss nur noch einmal deutlich gesagt werden: Deutsche Staatsanwälte stören sich nicht daran, dass Volkswagen Fahrzeuge baut, deren Betrieb für die Allgemeinheit gesundheitsschädlich sind. Sie stören sich nicht daran, dass VW Fahrzeuge so herstellt, dass ihr Ausstoß von schädlichen Emissionen gerade nicht auf ein Minimum reduziert wird. Es stört sie erst recht nicht, dass die Fahrzeuge und die Elektronik für diese so hergestellt werden, dass die Zulassungsbehörden in den USA über den wahren Ausstoß systematisch getäuscht wurden. All diese Kleinigkeiten stören nicht. Es gibt in Deutschland offensichtlich keine Gesetze, die die Produktion oder wenigstens die Zulassung zum Straßenverkehr von Fahrzeugen beschränken, die starke gesundheitsschädigende Wirkung haben. Statt dessen werden in der Bundesrepublik und in der EU, deren Regeln intensiv von der deutschen Regierung bestimmt sind, lieber Vorschriften erlassen, ab welchen Messwerten von Schadstoffen die Städte und Gemeinden Maßnahmen zur Verbesserung der verpesteten Luft treffen müssen. Das alles ist zur Genüge bekannt. Bekannt ist auch, dass jeder Vorstoß, die Autoindustrie dazu zu veranlassen, die Produktion von teuren Großfahrzeugen auch nur einzuschränken, bisher vergebens war. Die bekannte Großkoalition zugunsten der Produktion der weltweit beliebten Superfahrzeuge steht.

Wegen solcher Kleinigkeiten werden Müller, Winterkorn und Pötsch nicht belangt. Das deutsche Gesetz stört sich vielmehr an der Möglichkeit, dass einige Aktionäre einen Informationsnachteil erlitten haben könnten. Sie könnten, so der Verdacht der Finanzaufsichtsbehörde Bafin, ein paar Tage zu spät informiert darüber worden sein, dass in den USA das skandalöse Verhalten des VW-Konzerns aufgedeckt worden war. Müller war in jenen Tagen im September 2015 noch Vorstandschef der Porsche-Holding, einem Konstrukt im Eigentum der Familien Porsche und Piëch, das dazu dient, die Mehrheit am VW-Konzern zu verwalten und dessen Dividenden an die Familien und die wenigen sonstigen Vorzugsaktionäre weiterzuleiten. Natürlich wusste Müller als erster, dass etwas bei VW extrem schiefgelaufen war. Ob das nachzuweisen ist, wird jetzt der Staatsanwalt untersuchen.

Die Gerichte in Deutschland müssen nach Lage der Gesetze über die wichtigen Dinge im Land befinden. Dazu gehört der Wert einer Aktie.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Kapital & Arbeit
  • Industrienationen geizen mit Investitionen zur Reduzierung der globalen Erderwärmung. Fortschritt durch China und Indien
    Wolfgang Pomrehn