Aus: Ausgabe vom 20.05.2017, Seite 6 / Ausland

Zensur und Bomben

Satellitenbetreiber Eutelsat will auf Geheiß der Türkei die Ausstrahlung kurdischer Fernsehsender verhindern. Ein Besuch bei Ronahi TV in Rojava

Von Peter Schaber, Kamischli
Karacok (12).jpg
Zerstörte Rundfunktstation: Am 25. April bombardierte die türkische Luftwaffe den kurdischen Radiosender Denge Rojava im nordsyrischen Karaschok

Der junge Reporter ist verärgert. »Diese Angriffe richten sich nicht einfach gegen Fernsehsender. Es sind Angriffe auf die Wahrheit selbst. Wir zeigen, was vor Ort wirklich passiert, wir zeigen die Situation in Kurdistan, den Krieg, die Kämpfe«, sagt Alan Meisch in einem der Büros des kurdischen Fernsehsenders Ronahi TV in der nordsyrischen Großstadt Kamischli. Seit einigen Wochen schwelt erneut ein Streit zwischen kurdischen Medien – neben Ronahi TV auch die Sender News Channel und Sterk TV – und dem französischen Satellitenbetreiber Eutelsat.

Der Konzern droht damit, die Ausstrahlung der Inhalte der Sender zu verhindern, nachdem die türkische Radio- und Fernsehaufsicht RTÜK das Unternehmen zur Zensur aufgefordert hatte. »Warum wollen sie uns abschalten? Weil niemand außer uns diese Bilder zeigt. Keiner zeigt das Chaos, dass die Türkei und andere Staaten hier verursachen«, meint Frontreporter Meisch. »Das wollen sie zensieren, damit die Öffentlichkeit nicht mehr mitkriegt, was hier vor sich geht.«

Die Attacken seien Teil einer großangelegten Kampagne Ankaras, die Medien der kurdischen Opposition insgesamt zum Schweigen zu bringen. Dutzende Journalisten sitzen in der Türkei in Haft, mehrheitlich Linke und Kurden. Am 25. April bombardierte die türkische Luftwaffe ein kurdisches Pressezentrum in Nordsyrien, drei Mitarbeiter starben. »Die Angriffe auf die Pressefreiheit in Bakur« – den kurdischen Gebieten im Südosten der Türkei – »und die gegen uns hier im Norden Syriens hängen zusammen. Diejenigen, die das wahre Gesicht des türkischen Staates zeigen, werden verfolgt«, erklärt Meisch. Aus den Fenstern der Sendezentrale von Ronahi TV kann man türkische Panzer sehen, die Grenze ist nur wenige Kilometer entfernt.

Für den Aufbau der kurdischen Selbstverwaltung im nordsyrischen Rojava spielen Sender wie Ronahi TV eine bedeutende Rolle, meint ebenfalls der Nachrichtenredakteur Zagros Rojhelat: »Es gibt auch in der Selbstverwaltung in Rojava viele Fehler, die gemacht werden. Unsere Medien sollen eine Plattform für Kritik bilden.« Dies sei aber noch im Aufbau. »Aber wir wollen auch eine Art Korrektiv für gesellschaftliche Entwicklungen sein. Diese Kritik soll die Autonomie stärken.« Die Mitarbeiter des Fernsehsenders sehen sich dabei keineswegs als unparteiisch: »Wir behaupten nicht, dass wir auf keiner Seite stehen. Die Frage ist, auf welcher Seite man steht. Wir stehen auf der Seite der Völker und der verschiedenen Teile der Gesellschaft hier.«

Diese Verbundenheit ist auch aus den Biographien der Mitarbeiter nachvollziehbar. Viele der jungen Menschen, die bei Ronahi TV arbeiten, wären ohne die Entwicklung in Rojava wohl kaum Journalisten geworden. Auch Alan Meisch nicht. »Früher konnte ich wegen des syrischen Regimes nicht Journalismus oder dergleichen studieren. Aber als die Revolution startete, gab es einen Bruch in der Gesellschaft, und jeder konnte seinen Platz finden. Also wurde ich Reporter.« Dementsprechend entschlossen sind die Mitarbeiter der kurdischen Medien, auch in der Auseinandersetzung um die Sendegenehmigung nicht kleinbeizugeben. »Wir werden immer einen Weg finden zu senden. Wir werden die Ausstrahlung nicht stoppen«, sagt Meisch.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland