Aus: Ausgabe vom 20.05.2017, Seite 4 / Inland

Pralinen für die Angeklagte

NSU-Prozess: Psychiater bricht Lanze für Zschäpe und erklärt Mitbringsel zur Geste der Humanität

Von Claudia Wangerin, München
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Glaubt Zschäpe alles, was sie ihm erzählt: Der Freiburger Psychiater Joachim Bauer, der sich am Donnerstag den Fragen der Prozessbeteiligten zu seinem Gutachten über die Hauptangeklagte im NSU-Prozess stellen musste

Vor einem Rückfall vom aufklärenden Strafprozess zum »Schamanentum« warnte Nebenklageanwalt Eberhard Reinecke am Donnerstag im Münchner NSU-Prozess nach dem Auftritt des Psychiaters Joachim Bauer. Dieser sei »nichts anderes als ein Leumundszeuge, dem man ein professorales Mäntelchen umgehängt hat«.

Bauer sollte die mutmaßliche Neonaziterroristin Beate Zschäpe vor der Höchststrafe retten – so hatten sich das ihre Vertrauensanwälte Mathias Grasel und Hermann Borchert vorgestellt. Ihre »Altverteidiger« Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl zeigten mimisch ihre Skepsis, als der Wunschgutachter Zschäpe eine abhängige Persönlichkeitsstörung, verminderte Schuldfähigkeit und »in hohem Maße Glaubwürdigkeit« attestierte. Zusammen mit Rechtsanwältin Anja Sturm verteidigen sie die Hauptangeklagte seit Mai 2013 – inzwischen aber gegen ihren Willen. Sowohl Zschäpe als auch das Anwaltstrio haben seit dem Sommer 2015 immer wieder Entpflichtungsanträge gestellt. Nach Schilderung von Heer, Stahl und Sturm trat Zschäpe im Streit mit ihnen durchaus dominant auf. Den von Bauer beschriebenen krankhaften Wunsch nach einer Bezugsperson, die Entscheidungen für ihre Mandantin treffe, dürften die Juristen bei ihr kaum bemerkt haben. Im Juli 2015 hatte Zschäpe gegen sie sogar erfolglos Strafanzeige wegen Verletzung der Verschwiegenheitspflicht erstattet.

Professor Bauer hat Zschäpe zum ersten Mal im Februar dieses Jahres in der JVA München-Stadelheim getroffen. Ihre 2015 hinzugezogenen Anwälte Grasel und Borchert hätten ihn zuerst nur gebeten, mit Zschäpe ärztlich zu sprechen – da sei noch unklar gewesen, ob er ein Gutachten erstellen solle. Warum er ausgewählt worden sei, wisse er nicht, sagte Bauer auf Nachfrage. Er habe Bücher geschrieben. Ob Zschäpe eines dieser Bücher oder andere Fachliteratur gelesen habe, hat er sie nach eigener Aussage nicht gefragt. Zugleich betonte er, es sei »lehrbuchtypisch« für eine abhängige Persönlichkeit, dass Zschäpe – wie sie selbst sage – »alles zurückgestellt« habe, um ihre Beziehung mit dem Neonazi Uwe Böhnhardt zu retten, obwohl er sie misshandelt und Menschen ermordet habe. Gegen die Verbrechen will sie jeweils heftig protestiert haben.

Bauer nahm ihr das offenbar ab. Er sprach sie auch nicht darauf an, dass sie in Zeugenaussagen selbst als gewalttätig geschildert worden war. Er verglich Zschäpes mutmaßliche Traumatisierung sogar mit der von Frauen, die in Kriegsgebieten gefoltert und vergewaltigt wurden.

Zu einem der Gesprächstermine wollte Bauer Zschäpe offenbar Pralinen mitbringen – »eine völlig unschuldige Geste der Humanität«, wie er am Donnerstag auf Nachfrage von Nebenklageanwalt Sebastian Scharmer versicherte. Bei der Einlasskontrolle der JVA waren die Süßwaren entdeckt und somit aktenkundig geworden.

Bauer betonte zu guter Letzt, es sei zur Beurteilung von Zschäpes Glaubwürdigkeit unbedingt notwendig, selbst mit ihr zu sprechen. Da sie vor Gericht Fragen nur schriftlich beantwortet, können es demnach die meisten Prozessbeteiligten nicht. Der vom Gericht bestellte psychiatrische Gutachter Henning Saß, mit dem Zschäpe nicht redet, verfolgt das Verfahren allerdings seit vier Jahren. Er hat ihr volle Schuldfähigkeit bescheinigt.

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Wieviel Staat steckt im NSU? Der Prozeß gegen Beate Zschäpe und die Rolle des Verfassungsschutzes

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