Aus: Ausgabe vom 20.05.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

»Das Selbermachen ist der Reiz«

Von der Arbeitszeitverkürzung bis zur Partyverlängerung: An Pfingsten findet das »Festival der Jugend« der SDAJ in Köln statt. Ein Gespräch mit einem Veteranen und einer Organisatorin

Von Christof Meueler
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Die SDAJ war groß: Kommunistische Bundeswehr-Soldaten auf dem Weg zum »Festival der Jugend« 1986

Herr Natke, Sie machen beim »Festival der Jugend« mit. Die Alten helfen den Jungen, statt sich mit ihnen zu streiten oder sie zu belehren?

Stefan Natke: Ja, wir alten Säcke. Darüber haben wir uns schon früher gerne lustig gemacht – natürlich liebevoll. Ich helfe da heute noch mit beim Auf- und Abbau, das ist für mich Ehrensache. Die DKP hat das Festival immer unterstützt, Leute zur Verfügung gestellt, auch Handwerker. Ich bin zum Beispiel Zimmermann. Wir haben alles aus eigener Hand gemacht. Wir sind schließlich eine Arbeiterpartei.

Gab es da keine Probleme zwischen Alt und Jung?

Stefan Natke: Wenn Genossen mit marxistisch-leninistischer Weltanschauung sich treffen …

gibt’s immer Streit?

Stefan Natke: Nein, im Gegenteil. Wenn etwas zusammen angepackt werden muss, ist das generationsübergreifend. Generationskonflikte in dem Sinne gibt es da nicht, aber Diskussionen schon, logisch. Das ist für beide Seiten eine Win-win-Situation.

Seit wann gibt es die Pfingstjugendtreffen?

Stefan Natke: Die gab es schon in der Weimarer Republik, beim Kommunistischen Jugendverband, bei den Falken und bei der SAP. In der Bundesrepublik gab es sie bis zum Verbot der FDJ 1951. Als die SDAJ am 5. Mai 1968 gegründet wurde, knüpfte sie an diese Tradition wieder an. Zuerst gab es nur die Pfingstcamps der einzelnen Landesverbände. Das bundesweite Festival der Jugend gab es später. Das erste fand 1978 in Dortmund statt, da hatte der Verband seinen Hauptsitz. Mitveranstalter war der MSB Spartakus. Das war einmal die Studentenorganisation der DKP. Wir haben die als Juniorpartner gesehen.

Beim MSB war doch auch Dieter Bohlen organisiert. Ist der da als musikalischer Organisator in Erscheinung getreten?

Stefan Natke: Nee, nie. Wir hatten mit den MSBlern auch weniger zu tun. Wir waren Arbeiterjugend. Da waren wir auch stolz drauf. Wir haben den Proletkult noch voll durchgezogen. Das Verhältnis zwischen Arbeiterjugendlichen und Schülern war vielleicht 60:40. Wir hatten viele Betriebsgruppen.

Gibt es heute noch Arbeiterjugendliche in der SDAJ?

Lana Durek: Ja, die gibt es noch. Sogar wieder mehr.

Dieses Jahr ist das Festival in Köln am Rhein. Gerechnet wird mit 2.000 Gästen und mehr. Wie viele waren es 1978?

Stefan Natke: In Dortmund sollte nicht gekleckert werden, sondern etwas richtig Großes gemacht werden. Wir haben die große Westfalenhalle gemietet, da gehen 25.000 Leute rein. Außerdem hatten wir noch die Nebengebäude und Teile des Westfalenparks. Ein riesiges Areal. Allein die Kaution könnten wir gar nicht mehr aufbringen, das waren damals eine Million D-Mark. Aber wir waren richtig gut organisiert, wir hatten 50.000 Mitglieder. Wir sangen damals dieses Lied: »Es hat erst angefangen, wir werden immer mehr …« Und das hat den Herrschenden auch Angst gemacht.

Und es gab Unterstützung aus dem realsozialistischen Ausland. Wurde von dort nicht alles bezahlt?

Stefan Natke: Nein, gar nicht. Das ist ein blödes Gerücht. Das Festival hat sich selbst getragen, und wir haben sogar Plus gemacht. Klar, die eine Million D-Mark Kaution, die war für uns auch etwas happig. Die kam aus der DDR, aber die wollten die natürlich wiederhaben. Deshalb mussten wir das Areal auch wieder ordentlich hinterlassen. Es wurde ein Riesenumsatz gemacht, denn es war eine gigantische Veranstaltung mit insgesamt 180.000 Besuchern. Da sind neben Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader und Dieter Süverkrüp auch viele Bands aufgetreten, die unsere kommunistischen Positionen nicht geteilt haben, für die aber so ein großes Festival attraktiv war.

DDR-Bands doch auch?

Stefan Natke: Ja, Veronika Fischer ist da auftreten, oder die Puhdys. Das lief über die Amiga, die Plattenfirma der DDR. Das hat ihnen auch genützt: Sie hatten Auftritte im Westen, das war gut für ihre Reputation. Sie haben das aber nicht kostenlos gemacht, ganz im Gegenteil. Warum auch? Musik ist auch eine Arbeit, die soll angemessen bezahlt werden.

Lana Durek: Das finden wir auch. Deshalb haben wir ein Crowdfunding für die Bands veranstaltet.

Stefan Natke: Wir haben auch aus der Tschechoslowakei von der Rudé právo, der Parteizeitung, Unterstützung bekommen, aber kein Geld. Die haben einen Sattelschlepper mit Pilsner Urquell geschickt. Wenn der ausgeladen wurde, dann hat es an Helfern nie gefehlt.

Also, die Künstler wurden bezahlt, aber die ganze Infrastruktur und die ganze Aufbauarbeit, Bühne, Toilettenwagen Zeltplatz, Garnituren … das mussten wir alles organisieren und soviel wie möglich mit kostenloser Arbeit abdecken.

Lana Durek: Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die SDAJler können da nicht hinfahren und sagen: Ich mach da einen schönen Urlaub?

Lana Durek: Doch, aber sie müssen auch etwas dafür tun. Das ist schon so ein Festival, wo jeder mal mit anpacken oder auch mal einen Thekendienst übernehmen muss. Dabei stellen wir aber immer wieder fest, gerade bei Leuten, die nicht in der SDAJ sind, dass genau dieser Charakter, dass man sich einbringen soll und dass so vieles selbst gemacht ist, den Reiz unseres Festivals ausmacht. Denn für alle anderen Kulturangebote muss man bezahlen, und dann ist man doch nur passiv und bekommt etwas vorgesetzt.

Gibt es auch Diskussionen, was man für ein Essen anbietet? Weg von der Diktatur der Fleischesser?

Lana Durek: Das ist jetzt nicht die primäre Diskussion im Vorbereitungsprozess. Wir achten aber schon drauf, dass alle Ernährungsgewohnheiten abgedeckt werden. Wir wollen die Leute ja nicht erziehen. Konsumkritik ist ja auch nicht der Kern der Sache.

Stefan Natke: Durch Käuferverhalten kann keine Systemfrage gelöst werden.

Gibt es Künstler, von denen die SDAJ träumt, dass sie auf dem »Festival der Jugend« auftreten? So wie früher der WDR immer davon geträumt hat, dass Bruce Springsteen in der »Rockpalast Nacht« spielt – aber immer gescheitert ist.

Stefan Natke: Den hatten wir. Das hat der WDR nicht geschafft, aber die SDAJ. Der begreift sich nicht als politischer Künstler, ist aber ein politischer Mensch. Der ist zum Beispiel auch gerne im Baskenland und spielt dort Konzerte.

Lana Durek: Früher hätten wir gern die Ärzte gehabt. Die hatten uns gesagt, politisch finden die das eigentlich sehr gut, aber es sei halt eine Geldfrage. Überhaupt scheitert es meistens eher am Geld als an politischen Bedenken, bei denen, die wir anfragen.

Gibt es denn musikalisch den Kampf zweier Linien: Rock gegen Techno?

Lana Durek: Weniger für das Konzert als für die DJs hinterher.

Das Festival geht bis in den Morgen?

Lana Durek: Das geht von Freitag abend bis Montag mittag. Wenn man will, kann man das Nonstop machen.

Was passiert politisch?

Lana Durek: Wir beschäftigen uns mit Arbeitszeitverkürzung, Unterfinanzierung im Bildungssystem, Sexismus und Rollenbilder im Alltag, Deutschland und Trump, und unsere russische Schwesterorganisation erklärt uns: Was ist los bei der russischen Jugend?

Man kann von Zelt zu Zelt switchen, wie früher durch das Fernsehprogramm?

Lana Durek: Ja.

Wieviel schafft man da so?

Lana Durek: Das kommt auf die Kondition an. Es finden bis zu sechs Veranstaltungen gleichzeitig statt. Aber da sind dann auch zwei Workshops dabei. Und dann ist abends noch eine Diskussionsrunde oder eine Filmvorführung mit anschließender Diskussion. Man kann, wenn man will, auf vier bis fünf Veranstaltungen kommen. Oder man macht noch den Morgensport mit.

Morgensport gibt es auch?

Lana Durek: Ja.

Gab es das früher auch schon?

Stefan Natke: Ja hallo! Wir waren ja auch in Sportverbänden aktiv. Ganz groß war immer das Fußballturnier. Das wurde sehr ernst genommen, vor allem im Ruhrgebiet. Da gab es im Vorfeld Ausscheidungsspiele, um sich für das Festivalturnier zu qualifizieren. Und es gab da auch noch Fußballer, die sich zu politischen Themen geäußert haben.

Ewald Lienen war damals legendär.

Stefan Natke: Ja, aber auch die Allofs-Brüder, die kommen ja aus Düsseldorf. Sie haben bei TuS Gerresheim hinter der Glashütte angefangen. Für uns haben sie Fußbälle und T-Shirts signiert. Rüdiger Abramczik von Schalke, der war ganz nah an der SDAJ.

Lana Durek: Fußball gibt’s noch.

Stefan Natke: Da habe ich mit meinen Zimmerleuten die Tore gebaut.

Lana Durek: Und Kicker.

Seit Jahren rede ich davon, dass bei der Rosa-Luxemburg-Konferenz ein Kickerturnier stattfinden soll.

Stefan Natke: Das wär doch mal ein Anfang.

Stefan Natke, Jahrgang 1958, ist Zimmermann und Berliner Spitzenkandidat der DKP für die Bundestagswahl. Er war Helfer beim ersten Festival der Jugend 1978 in Dortmund

Lana Durek, Jahrgang 1990, ist Sozialarbeiterin, Mitglied des Bundesvorstands der SDAJ und in der Festivalvorbereitungsgruppe

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