Aus: Ausgabe vom 19.05.2017, Seite 15 / Feminismus

Der Rettung nicht wert

Vor 40 Jahren wurde die deutsche Linke Elisabeth Käsemann in Argentinien von Schergen der Militärjunta ermordet – nach wochenlanger Folter

Von Jana Frielinghaus
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Elisabeth Käsemann, geboren am 11. Mai 1947, ermordet am 24. Mai 1977

Was sie das Leben kostete, das waren auch ihr Mut, ihre Entschlossenheit und wohl eine Art Pflichtbewusstsein. Vor allem aber war es die kalkulierte Untätigkeit der Regierung der Bundesrepublik Deutschland. Sie hatte damals, im Frühjahr 1977, viele Möglichkeiten, das Leben ihrer Staatsbürgerin Elisabeth Käsemann zu retten. Sie tat es nicht. Die Motive: wirtschaftliche Interessen und notorischer Antikommunismus.

Die Tochter eines namhaften Theologieprofessors war schon als Kind unbequem und politisch aktiv. Geboren am 11. Mai 1945 in Gelsenkirchen, wuchs sie in Göttingen und Tübingen auf. Die Konsequenz ihres Denkens und Handelns führte sie 1969 nach Lateinamerika, wo sie revolutionäre Bewegungen unterstützen und etwas gegen die ungerechte Verteilung des Reichtums unternehmen wollte. Fotos aus dieser Zeit zeigen eine außergewöhnlich schöne junge Frau mit hellen Augen und langem dunklem Haar, ernsthaft und heiter zugleich. Als sie am 24. Mai 1977 an einem Ort südlich der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires von Militärs durch Schüsse ins Genick und in den Rücken ermordet wurde, war sie gerade erst 30 Jahre alt geworden. Am selben Tag und am selben Ort wurden 15 weitere Gegner der Diktatur erschossen.

Elisabeth Käsemann hatte in den zwei Monaten zuvor schwerste Folter erlitten. Dies bezeugte ihre Freundin Diana Austin gegenüber der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Die britische Regierung hatte sich, anders als die deutsche, erfolgreich um die Freilassung ihrer Staatsbürgerin bemüht. Austin war drei Tage nach Käsemann, in der Nacht zum 12. März 1977, verhaftet und in das gleiche Gefangenenlager gebracht worden. Sie kam jedoch schon zwei Tage später wieder frei und konnte Argentinien verlassen.

Der Diktatur unter Jorge Rafael Videla fielen von 1976 bis 1983 nach Schätzungen von Nichtregierungsorganisationen rund 30.000 Menschen zum Opfer, und zwar mit Ansage. Viele von ihnen sind bis heute vermisst. Der Fall Käsemann dagegen ist umfangreich dokumentiert, ebenso wie die kalte Ignoranz der damaligen Bundesregierung unter SPD-Kanzler Helmut Schmidt und dem im vergangenen Jahr verstorbenen FDP-Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Deren Nichthandeln war von klaren Feindbildern gegenüber Linken und Kumpanei mit dem Regime in Buenos Aires bestimmt, an dem deutsche Konzerne prächtig verdienten. Im jüngsten Dokumentarfilm von Eric Friedler (»Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.?«), einer NDR-Produktion, die im Juni 2014 von der ARD im Spätprogramm ausgestrahlt wurde, äußerten sich viele Zeugen erstmalig, darunter Hildegard Hamm-Brücher (FDP) und Klaus von Dohnanyi (SPD). Beide waren seinerzeit Staatsminister im Auswärtigen Amt und räumten zumindest Versäumnisse ein. Dohnanyi erklärte, es sei falsch gewesen, Käsemann »in den Kreis der Terroristen zu stellen«. Sie sei eine »friedfertige, sozial engagierte Frau« gewesen. Die Äußerung des studierten Juristen Dohnanyi ist interessant: Sagt er damit indirekt, die verfassungswidrige Tatenlosigkeit des Bonner Kabinetts wäre wohl nicht oder weniger zu beanstanden, hätte es sich bei Käsemann beispielsweise um eine Guerillakämpferin im Widerstand gegen das mörderische Videla-Regime gehandelt?

Anders als der Exstaatsminister blieb Jörg Kastl, zum Zeitpunkt der Verschleppung Käsemanns BRD-Botschafter in Argentinien, auch fast 40 Jahre später bei seiner Darstellung, sie habe eine gewisse Nähe zu bewaffneten Gruppen gehabt. O-Ton Kastl im Film: Sie sei »nicht ganz so ohne Gründe« erschossen worden. Sie wäre auch bereit gewesen, »Bomben zu werfen«, behauptete der Exdiplomat – »weil sie, wie gesagt, mit recht explosiven Gedanken nach Argentinien gekommen war«. Dergleichen ließ und lässt sich nicht belegen. Vielmehr hatte Käsemann, die sich aktiv im Widerstand gegen die Diktatur engagierte, einen Anschlag auf einen an Folterungen beteiligten Militär abgelehnt, ebenso wie ihr damaliger Freund Sergio Bufano.

Nach dem Abitur hatte sie ab 1966 am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin Soziologie studiert und sich im Sozialistischen Deutschen Studentenbund engagiert, sie gehörte zum Freundeskreis um Rudi Dutschke. 1969 ging sie zunächst nach Bolivien, wo sie in einem Slum der Hauptstadt La Paz arbeitete. Es folgte eine Reise durch Lateinamerika. 1970 entschloss sie sich, in Buenos Aires zu bleiben. Sie studierte dort Volkswirtschaftslehre und verdiente ihren Lebensunterhalt als Sekretärin und Übersetzerin. Zugleich arbeitete sie als Freiwillige in von linken Gruppen organisierten Projekten, zum Beispiel in Alphabetisierungskursen für Erwachsene. Politisch stand sie kommunistischen und trotzkistischen Organisationen nahe. Bereits vor dem Militärputsch im März 1976 häuften sich von regierungsnahen Todesschwadronen verübte Morde an Linken. Käsemann arbeitete gemeinsam mit Diana Austin in einem Netzwerk mit, das verfolgten Genossen mit gefälschten Pässen zur Flucht aus Argentinien verhalf. In Briefen an ihre Eltern verglich sie die Situation kurz vor und nach dem Putsch mit derjenigen 1933 in Deutschland. Zur Flucht ins Ausland verhalf sie auch Sergio Bufano. Sie selbst lehnte diesen Ausweg ab. »Die Arbeiterklasse geht nicht ins Exil«, habe sie ihm im Dezember 1976 gesagt, berichtete Bufano im Film von Eric Friedler. Zwar verließ auch sie kurzzeitig das Land, kehrte aber bereits nach einem Monat im Januar 1977 nach Buenos Aires zurück. Nur sechs Wochen später wurde sie verhaftet und in eines der geheimen Folterzentren gebracht, die das Regime eingerichtet hatte. Für ihre Familie blieb sie danach mehrere Wochen spurlos verschwunden. Die Freundin Diana Austin informierte die Eltern nach ihrer eigenen Entlassung sofort, die deutschen Behörden wussten ab dem 22. März Bescheid. Am 6. April meldeten erstmals BRD-Medien die Entführung der Studentin.

Über ihren Tod berichteten deutsche Zeitungen erst am 6. Juni, einen Tag nach einem Freundschaftsspiel der deutschen gegen die argentinische Nationalmannschaft. Das Match sollte offenbar durch so eine Nachricht nicht gestört werden. In den ersten Meldungen über Käsemanns Tod wurde seinerzeit ungeprüft die argentinische Darstellung übernommen, eine deutsche »Terroristin« sei bei einer Schießerei ums Leben gekommen.

Wolfgang Kaleck, der als Jurist in der »Koalition gegen Straflosigkeit« viele Jahre lang für eine juristische Aufarbeitung des Falles Käsemann und anderer gekämpft hat, brachte den Hauptgrund für Untätigkeit und Schweigen der deutschen Behörden auf den Punkt: »Man wollte offene Türen für deutsche Unternehmen.« Die lieferten damals unter anderem die Bauteile für ein Atomkraftwerk, U-Boote, Panzer und Fregatten nach Argentinien. Ernst Käsemann, der zusammen mit seiner Frau Margrit nach der Entführung seiner Tochter verzweifelt nach einer Möglichkeit zu ihrer Befreiung gesucht, Botschaft und Regierung immer wieder um Hilfe gebeten hatte, schrieb 1977 in einem Beitrag für die Zeitschrift Junge Kirche: »Humanität wie Demokratie werden hier bürokratisch verwaltet, und ein verkaufter Mercedes wiegt zweifellos mehr als ein Leben.«

Literatur: Bibliothek des Widerstands, Band 8: »Dass du zwei Tage schweigst unter der Folter! Elisabeth Käsemann, Klaus Zieschank, die Diktatur in Argentinien und die Leichen im Keller des Auswärtigen Amtes. Buch und DVD mit zwei Filmen. Laika-Verlag, Hamburg 2010, 192 S., 24,90 Euro

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