Aus: Ausgabe vom 19.05.2017, Seite 10 / Feuilleton

Franz Kafka und sein Bestatter

Von Wiglaf Droste
Ausstellung_Dali_Ern_51084657.jpg
»Gern will ich etwas für Sie tun, Herr Kafka«, sprach der junge Mann; »zwar werde ich erst auf den Tag genau heute in 41 Jahren geboren, aber das soll kein Hindernis sein.«

Am 2. Mai 1924, einem Freitag, lag der noch nicht 41jährige Franz Kafka in lungentuberkulösem Siechtum im Bett seines Krankenzimmers in einem Sanatorium in Kierling bei Klosterneuburg in Österreich. Im Delir sah sich Kafka einen Bestatter aufsuchen. Mit den Worten »Kafka, gestatten, würden Sie mich bitte bestatten?« richtete Kafka in der launig-laxen, schnoddrigen Art, hinter der er seine Schüchternheit zu verbergen pflegte, seine Frage an einen Mann, der, obwohl noch jung an Jahren, so ernsthaft wie sympathisch auf ihn, Kafka, wirkte, wie er so in einem holzvertäfelten Kontor hinter einem massiven, wuchtigen Schreibtisch vor ihm saß.

Der junge Mann, mittelgroß und schlank, wie zu sehen war, als er sich erhob und Kafka höflich willkommen hieß, bat Kafka, doch bitte Platz zu nehmen und bot ihm einen Kaffee an. Letzteres lehnte Kafka durch ein wortloses Schütteln des Kopfes und verneinende Handbewegungen ab, setzte sich aber und hörte seinem Gegenüber zu.

»Gern will ich etwas für Sie tun, Herr Kafka«, sprach der junge Mann; »zwar werde ich erst auf den Tag genau heute in 41 Jahren geboren, aber das soll kein Hindernis sein.«

Er hielt kurz inne und fuhr dann etwas nervös fort: »Ich werde einige Jahrzehnte nach meiner Geburt das Bestattungsunternehmen meines Vaters übernommen haben; mit Vätern« – er seufzte verständnisvoll – »kennen Sie sich ja nur zu gut aus. Und mein Vater« – das Lächeln, das über sein Gesicht huschte, ließ ihn jünger aussehen – »ist der einzige Mensch meiner Kenntnis, der sich für perfekt erachtet und das tatsächlich glaubt.«

Jäh änderte sich sein Mienenspiel; er starrte konzentriert wie ein Mensch, der sich das Hirn zermartert über die Frage, ob er vergessen hat, zu Hause den Herd oder das Bügeleisen auszustellen. »Bitte verzeihen Sie«, stieß er hervor, »mein Name ist Heinz-Walter Sieweke, ich werde den Beruf des Tischlers erlernen und später ein Bestatter sein, wie ich ihn mir vorstelle und wünsche: dezent, zurückhaltend, taktvoll und auf stille Art und Weise hilfreich angesichts des Todes. Und ich gelobe«, ergänzte er verbindlich, »auch wenn die Zeit, über die ich dann frei verfügen können werde, um etwas von Ihnen zu lesen, sehr begrenzt sein wird, dieses gleichwohl zu tun. Nichts Umfangreiches, ich kann den Leuten ja schlecht sagen ›Bitte sterben Sie erst in zehn Tagen, ich muss erst noch ›Das Schloss‹ von Franz Kafka auslesen!‹ Aber etwas Kürzeres sollte gehen, ›Die Verwandlung‹ oder ›Ein Bericht für eine Akademie‹ oder ... – nein, ich hab’s, ›Ein Landarzt‹!«

Seine Augen sprühten vor Begeisterung. »Ich werde dann nämlich einen Teil meines Anwesens an einen Landarzt vermietet haben, einen Herrn Doktor Böcker, der zwar keine Birne in eine Lampe schrauben kann, aber ein herzensguter Landarzt ist; Sie wissen schon, eine dieser Fußmatten der Gesellschaft, die alltags wie sonntags zu nachtschlafender Zeit aus den Federn geklingelt werden, stundenlang durch Nebel, Schnee, Eis und Regen kutschieren, um sich dann ohne Murren anhören zu müssen: ›Sorry Doc, Fehlalarm, hat sich schon erledigt, das Baby hat den Schnuller doch nicht verschluckt.‹«

»Und«, so brachte der noch ungeborene Mann die für seine Verhältnisse ungewöhnlich lange Rede ins Ziel, »ich werde die Straße, an der ich mein Geschäft betreiben werde, nach Ihnen benennen lassen. Ich habe da nämlich« – sein fröhliches, lausbübisches Lächeln offenbarte eine kleine Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen – »so meine Verbindungen.«

Kafka, ein Mann von äußerst defensiver, zaudernder, ja ängstlicher Natur, sah sich von dieser feinen Suada so beeindruckt und überzeugt, dass er unverzüglich einschlug, einen vom Bestatter behende aufgesetzten Vertrag unterfertigte und am 3. Juni 1924, einem Dienstag, mit dem Gefühl, in guten Händen zu sein, die Augen schloss und starb.

Kafkas Fiebertraum aber bewahrheitete sich ganz. Heinz-Walter Sieweke kam am 2. Mai 1965, einem Sonntag, in die Welt, die naivere Köpfe für die einzige oder einzig wahre halten und erklären, wurde, wie der Vater von Jesus von Nazareth, Tischler, übernahm das Geschäft seines Vaters, wurde Bestatter, und zwar einer der zu Recht angesehensten Vertreter seiner nur von sehr vorstellungsverarmten Menschen mit Misstrauen betrachteten, in Wahrheit aber zumindest sechs Fuß tief humanistischen Zunft.

Wer sich – wie Kafka – dem Absurden ausgesetzt sieht und sich dieser Konfrontation mit angemessener Würde stellen will, wende sich, wie Kafka im Traum, an diesen Mann. Sein Geschäftssitz liegt an der Kafkastraße im Bielefelder Ortsteil Altenhagen; wäre ich verheiratet, nennte ich ihn meinen Schwager. Warum ich es aber nicht bin, sondern, wie Kafka, verlobt, ohne mich allerdings, anders als Kafka, ständig wieder zu entloben, wird ein anderes Mal erzählt.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Feuilleton