Aus: Ausgabe vom 19.05.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Handelskonzern in Not

Niederländisches Familienunternehmen Blokker Holding baut um – und ab. Zunächst sollen fast 2.000 Beschäftigte ihren Job verlieren

Von Gerrit Hoekman
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Blokker-Filiale im Einkaufszentrum Heksenwiel Breda

Der niederländische Einzelhandelskonzern Blokker Holding will seine Firmenstruktur im großen Stil umbauen. »Wir haben heute eine Botschaft, die für die Mitarbeiter hart ist«, sagte der Vorstandsvorsitzende Casper Meijer am Dienstag im Hauptquartier des Konzerns in Amsterdam. Das traditionsreiche Unternehmen will 200 Filialen in den Benelux-Staaten und Surinam schließen, rund 1.900 Beschäftigte werden deshalb in den nächsten zwei Jahren ihren Job verlieren.

Weil der Markt sich immer schneller verändere, müsse sich auch Blokker immer schneller verändern. »Und das ist mit sieben unterschiedlichen Marken praktisch unmöglich«, begründete Meijer gegenüber dem Financieele Dagblad am Dienstag die angekündigten Maßnahmen. Das Unternehmen will sich in Zukunft auf sein Kerngeschäft konzentrieren, den Handel mit Haushaltswaren. Zum Konzern gehörende Tochterunternehmen wie die Spielwarenketten Bart Smit und Intertoys sollen veräußert werden. Intertoys unterhält ebenso wie die zum Verkauf stehende Xenos-Kette auch Filialen in Deutschland.

Jahrzehntelang galt Blokker als verlässlicher »Arbeitgeber«. Wer bei dem Familienbetrieb aus dem Städtchen Hoorn am Ijsselmeer tätig war, konnte bereits für die ferne Zukunft planen. Aber seit einiger Zeit wurden Gerüchte laut, Blokker stecke in finanziellen Schwierigkeiten. Vor einem Jahr hatte die Familie noch 130 Millionen Euro in die Sanierung pumpen wollen, schreibt das Financieele Dagblad. Doch im Laufe des Jahres kam die Unternehmensleitung offenbar zu dem Schluss, dass es besser sei, alle Ladenketten abzustoßen bis auf eine, nämlich die Keimzelle des Blokker-Imperiums. »Wir verkaufen, weil wir Fahrt aufnehmen müssen«, sagte der Vorstandschef im Interview mit der Finanzzeitung.

Die betroffenen Mitarbeiter stehen unter Schock. Diese Menschen gingen unsicheren Zeiten entgegen, sagt Martijn den Heijer von der christlichen Gewerkschaft CNV. Immerhin attestieren die Gewerkschafter dem Blokker-Konzern, dass er humaner mit den Gekündigten umgehe als andere Unternehmen des Einzelhandels. Bei früheren Entlassungsrunden habe sich Blokker bei den Transferleistungen als großzügig erwiesen, und durch diese finanzielle Begleitung hätten 60 Prozent der Betroffenen einen neuen Job gefunden. Für die restlichen 40 Prozent ist das allerdings nur ein schwacher Trost.

Immerhin: Die Zahl der freien Stellen im Einzelhandel ist in den Niederlanden im Moment so hoch wie lange nicht mehr. Die Gewerkschaften fürchten jedoch, dass es besonders für Ältere schwierig wird, einen neuen Job zu finden. »Bei früheren Sanierungen wurden häufig Menschen mit langen und relativ teuren Arbeitsverträgen durch junge Menschen mit billigen Zeitverträgen ersetzt«, gab Nico Meijer vom größten niederländischen Gewerkschaftsbund FNV in der Zeitung Volkskrant zu bedenken.

Manche Medienberichte suggerieren, dass das Familienunternehmen die Zeichen der Zeit nicht erkannt und die Entwicklung zum Beispiel im Internethandel verschlafen habe. »Viele unserer Artikel wollen immer noch zuerst angeschaut, gefühlt und gerochen werden, bevor sie mit unseren Konsumenten nach Hause dürfen«, war sich der inzwischen verstorbene Firmenpatriarch Jaap Blokker noch 2010 sicher. Ein Trugschluss? »Wir sind erst seit 2014 online, jeder kann nachvollziehen, dass das viel früher hätte passieren müssen«, widersprach Topmanager Meijer diese Woche im Algemeen Dagblad der Ansicht des alten Unternehmers.

Möglicherweise hat sich das Unternehmen durch den Zukauf anderer Ketten übernommen. Hatte die Blokker Holding 1975 noch 43 Läden mit 600 Mitarbeitern, waren es 2013 weltweit fast 3.000 Filialen mit 26.000 Angestellten. Aus einem solventen Unternehmen war im Laufe der Zeit ein Konzern geworden, und der machte 2014 zum ersten Mal in der Firmengeschichte Verlust. 20 Millionen Euro, ein Jahr später waren es bereits 52 Millionen Euro. 650 Mitarbeiter verloren daraufhin ihren Job.

Blokker hofft jetzt, dass die Belegschaft der zum Verkauf stehenden Einzelhandelsketten von den neuen Besitzern weiterbeschäftigt wird. Insgesamt handelt es sich um 13.500 Mitarbeiter. Allerdings dürfte es nicht leicht sein, einen Käufer zu finden, schätzen Marktanalysten wie die Professorin Kitty Koelemeijer. »Die Ketten müssen schnell reorganisiert werden, und das kostet Geld«, sagte sie am Dienstag auf der Website des Senderverbundes NOS. Überhaupt stünden dem Einzelhandel schwere Zeiten bevor, die Konkurrenz der Onlineshops sei übermächtig. »Über das Internet kann man alles kaufen, und man muss dafür nicht einmal vor die Tür. Deshalb wird es immer stiller in den Geschäften«, meint Koelemeijer.

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