Aus: Ausgabe vom 19.05.2017, Seite 6 / Ausland

Washington spielt mit Kurden

USA halten an Aufrüstung von Kämpfern im Norden Syriens fest

Von Karin Leukefeld
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Präsent in Syrien: US-Soldaten nach dem Beschuss einer Kommandostelle der Volksverteidigungseinheiten YPG in Karatschok im Norden Syriens (25.4.2017)

Trotz der Kritik des NATO-Staats Türkei rüstet die US-Armee die mit ihr verbündeten Einheiten der Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDK) und der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG im Norden Syriens auf. Am Dienstag teilte Major Josh Jacques vom US-Zentralkommando mit, dass US-Marines in die Provinz Rakka geflogen worden seien. Die Soldaten sollten »vorübergehend unterstützen«, so der Offizier gegenüber der Marine Corps Times vom 15. Mai. Ziel des militärischen Engagements sei es, »die dauerhafte Niederlage des ›Islamischen Staates‹ zu gewährleisten«.

400 US-Marines waren bereits im März im Norden Syriens stationiert worden. Um den Angriff auf Rakka vorzubereiten, sollten sie »einen Vorposten einrichten«, erklärte General Joseph Votel, Chef des US-Zentralkommandos. Völkerrechtlich handelt es sich um eine illegale Besetzung Syriens, da die US-Armee weder auf Bitte der Regierung in Damaskus noch in Absprache mit dieser handelt.

Der »Vorposten«, wie Augenzeugen gegenüber junge Welt im April berichteten, bestehe im Bau eines neuen Flughafens bei Tabka am Euphrat, unweit des Assad-Staudamms. Die US-Amerikaner hätten dort »viel Land beschlagnahmt« und begonnen, Start- und Landebahnen zu bauen. Arabischen Medien zufolge wurden in Nordsyrien vom US-Militär bisher sechs Flughäfen und Militärbasen errichtet.

Die US-Armee kooperiert im Norden Syriens mit SDK und YPG, die nach Auskunft aus der Bevölkerung für ihre Dienste bezahlt werden. Angehörige von YPG-Mitgliedern berichteten junge Welt, dass die Organisation ihren Kämpfern zwischen 150 bis 200 US-Dollar im Monat bezahle. Das sei »viel mehr« als der in Syrien bisher geltende Mindestlohn von 80 US-Dollar. »Alle wollen für sie arbeiten.«

Das vergleichsweise hohe Gehalt sei dennoch weniger, als die US-Armee bezahlen müsste, wenn sie bei der Befreiung von Rakka mit Ankara kooperieren oder eigene Spezialkräfte nach Syrien verlegen würde, erklärte Abdullah Agar, ein ehemaliger Soldat der türkischen Spezialkräfte der russischen Nachrichtenagentur Sputnik. »Außerdem muss Washington für sie keine Verantwortung übernehmen.« Die Kurden in Syrien seien von Anfang an von den Vereinigten Staaten bewaffnet worden, allerdings geheim, sagte Agar. Die Entscheidung, die Kurden aufzurüsten, passe in die US-Strategie in der Region.

Vorbild sei der Irak, wo die direkte Bewaffnung und militärische Unterstützung für die Kurden im Nordirak den Ruf nach einem unabhängigen Staat und einer Trennung von Bagdad erneuert habe. »Das gleiche gilt nun für Syrien. Washington hat sich entschieden, die YPG zu bewaffnen, um ein politisches Ziel zu erreichen, die endgültige Aufspaltung von Syrien.« Damit verbunden sei auch die Schwächung der Türkei, so Agar. Eine stärkere Rolle der Türkei als Ordnungsmacht in der Region »geht auf Kosten der Pläne und Ambitionen der USA im Mittleren Osten«.

Im Exekutivrat der unter kurdischer Selbstverwaltung stehenden Region Rojava, die die Gebiete um Kamischli, Kobani und Afrin im Norden Syriens umfasst, scheint es Pläne für eine Expansion zu geben. Hediya Yousef, Kovorsitzende des Exekutivrates des Kantons, sagte in einem Gespräch mit der russischen Zeitung Gazeta, man brauche Zugang zu internationalen Handelsrouten, was nur mit Hilfe eines Korridors zum Mittelmeer möglich sei. Es gebe weder Handelsmöglichkeiten mit der Türkei noch mit der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, die Rojava nicht nur wirtschaftlich boykottieren, sondern auch bekämpfen. Deswegen sei man auf die Unterstützung der USA angewiesen. Das Anfang Mai von Russland, der Türkei und dem Iran in der kasachischen Hauptstadt Astana vereinbarte Abkommen, das unter anderem die Einrichtung von »Deeskalationszonen« in Syrien vorsieht, entspreche indes »nicht den Interessen der Kurden«, so Yousef.

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