Aus: Ausgabe vom 19.05.2017, Seite 5 / Inland

Gesellschaft wird zerfressen

Leiharbeit und Teilzeitjobs nehmen zu. Atypische Beschäftigung im Westen höher

Von Jennifer Weichsler
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Proteste von Beschäftigten der Ford-Werke in Köln (27. April 2012)

Im vergangenen Jahr hat die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Vollzeit zugenommen. Noch stärker ist allerdings die atypische Beschäftigung gestiegen, konstatiert das Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in einer Studie, die am Donnerstag in Düsseldorf veröffentlicht wurde.

Der Anteil von Teilzeitstellen und Leiharbeit sei an der Gesamtbeschäftigung erneut gestiegen und befinde sich auf dem höchsten Stand seit 13 Jahren. »Unterm Strich waren 2016 rund 39,6 Prozent aller abhängigen Hauptbeschäftigungsverhältnisse (ohne Beamte und Selbständige) solche atypischen Jobs, 2015 lag die Quote bei 39,3 Prozent«, heißt es in der Studie. Die Zahl der oft besonders schlecht bezahlten und abgesicherten Minijobber im Haupterwerb liege bei 5,14 Millionen und habe ein wenig, um etwa 46.000, abgenommen. Das seien 14,1 Prozent der Beschäftigten, wobei sich der Anteil der Niedriglöhner mit 70 Prozent stark erhöht habe. Für Menschen, die kurzfristig für einen begrenzten Zeitraum in der Landwirtschaft eingesetzt werden, seien vergleichbare Zahlen nicht verfügbar.

Am stärksten verbreitet sei atypische Beschäftigung in den westdeutschen Flächenländern. Schleswig-Holstein habe mit 43,3 Prozent den höchsten Anteil, gefolgt von Rheinland-Pfalz (42,6 Prozent) und Niedersachsen (42,1 Prozent). In manchen westdeutschen Städten und Landkreisen liege die Quote sogar bei mehr als 50 Prozent, angeführt wird die Liste von Delmenhorst bei Bremen mit 55,9 Prozent sowie den Kreisen Kusel in der Nähe von Kaiserslautern (51,6 Prozent) und Plön bei Kiel (50,9 Prozent). Insgesamt betrage die Quote der atypischen Beschäftigung im Westen 39,9 Prozent, im Osten falle sie um etwa einen Prozentpunkt geringer aus. Den größten Anteil stellten mit 23 Prozent die Menschen mit Teilzeitjob.

Doch längst nicht jede Teilzeitbeschäftigung sei prekär. Allerdings seien Stundenlöhne unter der Niedriglohngrenze von 9,75 Euro brutto hier mit einem Anteil von gut 28 Prozent weit verbreitet. Unter Vollzeitbeschäftigten betrage diese Quote nur etwa elf Prozent. Der Umfang der Teilzeitarbeit entspreche »in vielen Fällen nicht den tatsächlichen Arbeitszeitwünschen der Beschäftigten, was auch mit den niedrigen Verdiensten zusammenhängen dürfte«.

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