Aus: Ausgabe vom 19.05.2017, Seite 4 / Inland

Den Opfern eine Stimme geben

Köln: Tribunal »NSU-Komplex auflösen« will anklagen. Infoveranstaltungen, Theateraufführungen und Workshops noch bis Sonntag

Von Marvin Oppong
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Den Opfern eine Stimme geben: Am Mittwoch sprach zum Auftakt des Tribunals Mitat Özdemir über das Nagelbombenattentat in der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 und seine Folgen für die Anwohner

Ziel der Tagung sei es, die Verantwortlichen für die vom »Nationalsozialistischen Untergrund« verübten Morde und Anschläge zu benennen, heißt es im Programmheft zum Tribunal »NSU-Komplex auflösen«. Zugleich steht auf der Veranstaltung in Köln noch bis zum Sonntag bis Sonntag die Erinnerung an die Opfer des NSU im Mittelpunkt – und das Leid der Angehörigen, die sowohl durch Ermittlungsbehörden als auch durch die Medien verdächtigt wurden, selbst an den Taten beteiligt gewesen zu sein. Nach einer Pressekonferenz am Mittwoch abend begann am Donnerstag das offizielle Programm im Schauspiel in Köln. Eine Veranstaltung befasste sich mit der »Geschichte der Arbeitsmigration« und den »Angriffen auf migrantische Lebenswelten«. Thema waren hier die Ära der Anwerbung von »Gastarbeitern« aus der Türkei, aus Italien und Griechenland in der alten BRD als billige Arbeitskräfte, aber auch die Arbeit von Menschen aus »sozialistischen Bruderländern« in der DDR wie auch deren Kämpfe um Rechte und demokratische Teilhabe. Weiter wurde am Donnerstag das dokumentarische Theaterstück »NSU-Monologe« aufgeführt. Es erzählt von den jahrelangen Kämpfen dreier Familien von Opfern der Rechtsterroristen gegen ihre Stigmatisierung durch Behörden.

Zum Programm gehörte am Donnerstag auch ein Workshop mit dem Titel »Recherchen zu den Tat- und Ereignisorten des NSU«. Hier stellten die Chemnitzer Initiative »Jugendarbeit in der Transformationsgesellschaft« (Jautrafo), die Jugendberufshilfe Chemnitz und das Kulturbüro Sachsen die Ergebnisse ihrer Arbeit vor. Zusammen mit Schülern und Studierenden sind »Jautrafo«-Aktive Orte in Chemnitz abgelaufen, an denen sich die mutmaßlichen NSU-Haupttäter Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe aufgehalten haben. Das aus Jena stammende Trio hatte nach seinem Untertauchen eine Zeitlang in Chemnitz gewohnt. Paul-Christian List von »Jautrafo«, der die Aktion als Streetworker begleitet hat, berichtete, die Jugendlichen hätten im Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum in Berlin (Apabiz) und im Münchner A. I. D. A.-Archiv Literaturrecherchen zum NSU gemacht, Interviews geführt, sich mit Aktiven der Initiative »NSU-Watch« getroffen und einen Tag lang den NSU-Prozess in München beobachtet. Mit Hilfe der gewonnenen Erkenntnisse wurde eine Ausstellung gestaltet, die gestern in einem Workshop in Köln präsentiert wurde. Auf einer weiteren Veranstaltung wurde der »staatlich unterstützte Aufbau von Nazistrukturen« beleuchtet, eine weitere war dem »Tatort Kassel« und der Verstrickung staatlicher Behörden in den dortigen dem NSU zugeordneten Mordfall gewidmet.

Im Vorfeld des Tribunals unterzeichneten zahlreiche Menschen einen Aufruf, in dem Trauer um die Opfer der NSU-Mord- und Anschlagsserie und Empörung über die »Verhinderung der versprochenen lückenlosen Aufklärung« zum Ausdruck gebracht wird. Zudem werden in dem Appell die »rassistische Gewalt in Deutschland und die Personen, die diese Gewalt ausführen oder anordnen« angeklagt. Zu den Unterzeichnern gehören auch Organisationen wie die Bildungsinitiative »Lernen aus dem NSU«, das Bündnis gegen Rassismus, das Lübecker Flüchtlingsforum oder die Amnesty-International-Hochschulgruppe München. In die Unterschriftenliste hat jemand auch den »Verfassungsschutz, Berlin« eingetragen.

Unterzeichner des Appells können diesen um persönliche Anklagetexte ergänzen und damit eigene Schwerpunkte setzen und ihre Perspektive deutlich machen. Eine der auf der Tribunal-Webseite nachzulesenden Anklagen stammt von Kutlu Yurtseven, Sozialarbeiter in Köln und Mitglied der türkisch-italienischen Band »Microphone Mafia«. Yurtseven schreibt: »Die Bewohner der Keupstraße wuss­ten, dass sie von Nazis angegriffen wurden, nur wollte dies niemand zur Kenntnis nehmen.« Wäre das anders gewesen, hätte die Terrorserie »vielleicht früher aufgeklärt werden können«.

Für Aufsehen sorgte während des Tribunals ein Fall, mit dem die Organisatoren vom Aktionsbündnis »NSU-Komplex auflösen« an die Öffentlichkeit gingen. Der 28jährige Musiker und Aktivist Selami Prizreni, der am Freitag im Hauptprogramm des NSU-Tribunals sowie in einem Workshop mit dem Titel »Institutioneller
und gesellschaftlicher Rassismus gegen Sinti und Roma und der Widerstand dagegen« sprechen sollte, ist am Dienstag von der Polizei in seiner Wohnung abgeholt und in das Kosovo abgeschoben worden.

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Wieviel Staat steckt im NSU? Der Prozeß gegen Beate Zschäpe und die Rolle des Verfassungsschutzes

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