Aus: Ausgabe vom 19.05.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Warnung vor rechter Hetze

Homophob motivierte Diskriminierung und Gewalt für Betroffene nicht folgenlos

Von Markus Bernhardt
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Demo am 17. Mai 2015 in Berlin

Am Mittwoch, dem »Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie«, sind in verschiedenen bundesdeutschen Städten Lesben, Schwule, Trans- und Bisexuelle gegen rechte Anfeindungen und für eine positive Vision des Zusammenlebens auf die Straße gegangen. In einem gemeinsamen Aufruf hatten Selbsthilfeorganisationen und andere Zusammenschlüsse für eine offene, respektvolle Gesellschaft geworben, die allen Menschen Schutz und Unterstützung bietet. Mit den Worten »Die Vielfalt ist ein sicherer Ort für alle« war der Aufruf zum diesjährigen Aktionstag überschrieben. Damit reagierten die schwul-lesbischen Organisatoren auf »die beispiellosen Angriffe« auf die Rechte ihrer Klientel durch die »Alternative für Deutschland« (AfD) und andere Gruppierungen, etwa »Demo für alle«, die mit dem Slogan werben: »Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder.«

Die neuen rechten Strömungen versuchen seit einiger Zeit, Emanzipationserfolge zurückzudrehen und werten Lebensentwürfe von sogenannten sexuellen Minderheiten ab. »Wir brauchen präventive Maßnahmen gegen rechts. Eine Demokratie ist nur dann stark, wenn sie ihre Minderheiten schützt und sie rechtlich gleichstellt«, machte Jörg Litwinschuh, Geschäftsführender Vorstand der »Bundesstiftung Magnus Hirschfeld«, am Mittwoch klar. Ähnlich äußerte sich Sören Landmann, Vorsitzender des Aktionsbündnisses gegen Homophobie. »Gegen die Bedrohung von rechts können wir uns nur gemeinsam wehren«, sagte er. Alle demokratischen Menschen seien herausgefordert, Grundrechte zu verteidigen.

»Dieses Mal werdet ihr euren Kindern nicht sagen können: ›Ich habe von nichts gewusst‹, ›Ich war nicht daran beteiligt‹ und ›Niemand hätte es ahnen können!‹ Denn: Ihr habt es gewusst, ihr wart beteiligt und ihr habt es geahnt!« warnte Julian Laidig vom Aktionsbündnis »Enough is enough! Open your mouth!«. »Dieses Mal werden eure Kinder sagen: ›Das Internet vergisst nie‹«, konstatierte er.

Holger Wicht, Sprecher der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH), erklärte am Mittwoch in einer kurzen Rede vor dem Reichstag, dass es »eine Schande« sei, dass »eine politische Minderheit in Deutschland weiter Minderheitenrechte blockiert. Wir sagen aber auch: Gleiche Rechte sind nicht das Ziel, sondern der erste Schritt«. Das Ziel sei, dass »alle Menschen in Frieden leben können, wie sie sind und möchten«, so Wicht.

Tatsächlich haben die zunehmende Stimmungsmache von rechts gegen Homo- und Transsexuelle und die Verweigerung elementarer Rechte durch die etablierte Politik deutliche Auswirkungen auf deren Lebens- und sogar Gesundheitssituation. So steigt etwa das Risiko der Betroffenen, sich mit dem HI-Virus zu infizieren. Zu diesem Ergebnis kommt auch die bereits im letzten Jahr veröffentlichte deutschlandweite Wiederholungsbefragung »Schwule Männer und HIV/AIDS« des Sozialwissenschaftlers Jochen Drewes und des Psychologen Martin Kruspe.

Zur Erinnerung: Die Untersuchung belegte erstmalig, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen sowie dem Risiko, sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten zu infizieren und/oder unter psychischen Erkrankungen zu leiden, gibt. Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen, aber auch daraus resultierende psychische Probleme wirkten sich negativ auf das Selbstwertgefühl der Betroffenen aus. So gaben drei Viertel der homo- und bisexuellen Studienteilnehmer an, selbst »negative Einstellungen gegenüber Homosexualität verinnerlicht« zu haben. Je stärker dies der Fall sei, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie unter psychischen Problemen wie Depressionen und Angsterkrankungen litten, warnte die DAH. Dies wiederum bleibt auch bezüglich ihres Safer-Sex-Verhaltens nicht folgenlos: Im Rahmen der Studien hatten etwa »Befragungsteilnehmer mit einer ängstlich-depressiven Symptomatik« deutlich häufiger als andere von ungeschütztem Analverkehr, von dem die verhältnismäßig größte Gefahr einer HIV-Ansteckung durch einen womöglich infizierten Partner ausgeht, berichtet. Psychische Belastung durch Diskriminierung führt außerdem oftmals zu Drogenkonsum, der das »Schutzverhalten« bei sexuellen Kontakten ebenfalls schwächen könne.

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