Aus: Ausgabe vom 19.05.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Mehr als eine Hoffnung

Neue Kampagne setzt sich großes Ziel: Ab 2020 soll in der Bundesrepublik kein Mensch mehr an AIDS erkranken

Von Markus Bernhardt
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Ambitioniertes Vorhaben präsentiert: Pressekonferenz der Deutschen AIDS-Hilfe am 12. Mai in Berlin

Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) hat sich große Ziele gesteckt. Ab dem Jahr 2020 soll in der Bundesrepublik kein Mensch mehr an AIDS erkranken müssen. Schon jetzt hat sich dank optimierter Medikamente die Lebenssituation von HIV-Infizierten deutlich verbessert. Heutzutage muss die Ansteckung nicht mehr zwangsläufig zum Acquired Immune Deficiency Syndrome (AIDS) und zum verfrühten Tod führen. Aktuell erkranken allerdings noch immer mehr als 1.000 Menschen im Jahr an diesem erworbenen Immunschwächesyndrom. Und geschätzt 13.000 sind mit dem auslösenden HIV infiziert – wissen aber nichts davon. Dies, obwohl Menschen mit wechselnden Sexualpartnern oder und bestimmtem Drogenkonsum dringend empfohlen wird, sich mindestens einmal im Jahr auf HIV und andere Auslöser sexuell übertragbarer Krankheiten wie Syphilis und Hepatitis testen zu lassen. Andere Personengruppen, beispielsweise illegalisierte Flüchtlinge, haben keinen Zugang zu Anti-HIV-Medikamenten. Sie laufen somit Gefahr, an AIDS zu erkranken.

Die DAH hat daher Ende letzter Woche die Kampagne »Kein AIDS für alle!« gestartet. Diese soll in den nächsten drei Jahren dazu beitragen, bis 2020 die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass es ab jenem Jahr in Deutschland keine neuen AIDS-Diagnosen mehr geben muss. »Dass Menschen eine potentiell tödliche Krankheit bekommen, die sich längst vermeiden lässt, dürfen wir nicht hinnehmen. Bei rechtzeitiger Diagnose und Behandlung kann man heute mit HIV lange und gut leben«, stellte DAH-Vorstandsmitglied Manuel Izdebski anlässlich des Kampagnenstarts vor wenigen Tagen klar. Nun ginge es darum, »mit vereinten Kräften« in Deutschland dafür zu sorgen, dass »alle Menschen mit HIV frühzeitig von ihrer Infektion erfahren und eine Therapie erhalten«, so Izdebski weiter. Er verwies zudem darauf, dass die Medikamente »dann auch die Weitergabe von HIV« verhinderten. (siehe Spalte)

Die neue DAH-Kampagne wird auch von Rita Süssmuth (CDU) unterstützt. Sie hatte als Gesundheitsministerin (1985 bis 1988) den Beginn der HIV-Infektionen/AIDS-Erkrankungen erlebt und die erfolgreiche deutsche Präventionsstrategie auf den Weg gebracht. »Das Ende von AIDS ist ein wichtiges historisches Ziel. Ich glaube fest daran, dass es uns gelingen kann. Wir müssen unsere Anstrengungen dafür noch verstärken. Ausgrenzung müssen wir entschieden entgegentreten, Versorgungslücken schließen«, erklärte die Politikerin anlässlich der Kampagnenvorstellung. Auch die Bundesregierung steht hinter dem Vorhaben. So sagte Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) in einer Videobotschaft: »Gemeinsam können wir es erreichen. Aufbauend auf den Erfolgen der letzten Jahre, aber auch in dem Wissen, dass bei uns noch viel zu tun ist«.

Den letzten statistischen Erhebungen des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) zufolge lebten Ende 2015 rund 84.700 HIV-Infizierte in der Bundesrepublik. Etwa 3.200 Personen, darunter 2.200 Männer, die sexuelle Kontakte zum gleichen Geschlecht pflegten, infizierten sich 2015 neu mit HIV. 750 Neuinfektionen wurden auf heterosexuellem Weg übertragen. Rund 250 Menschen infizierten sich beim intravenösen Konsum von Drogen.

Während die DAH für die Bundesrepublik anstrebt, dass ab 2020 keine neuen AIDS-Erkrankungen mehr diagnostiziert werden müssen, wollen die Vereinten Nationen die AIDS-Epidemie bis 2030 für beendet ansehen können. »Wir wissen, dass Deutschland als gutes Beispiel vorangehen kann. UNAIDS ist an Ihrer Seite, um Sie zu unterstützen«, betonte UNAIDS-Direktor Michel Sidibé in einer Videobotschaft. Es sei der richtige Weg, Menschen zum HIV-Test zu motivieren. Zu viele würden ihren HIV-Status nicht kennen. Dies unterstrich auch DAH-Vorstand Izdebski noch einmal: »Nur wer von seiner Infektion weiß, kann von den heute verfügbaren Therapien profitieren. Deswegen gilt für alle Menschen: Im Zweifel zum HIV-Test«, betonte er. Dazu brauche es jedoch »ein offenes Klima, das es erleichtert, über HIV zu reden«.

Zum Thema HIV-Test bietet die Deutschen AIDS-Hilfe (DAH) umfangreiche Informationen an, jW dokumentiert Auszüge davon:

Es gibt heute gute Gründe für einen HIV-Test. Zum einen sorgt er für Klarheit. Wenn keine HIV-Infektion vorliegt, braucht man sich nicht weiter zu sorgen. Fällt der Test tatsächlich positiv aus, kann man die Infektion beobachten und rechtzeitig mit einer HIV-Therapie beginnen. Eine HIV-Therapie senkt die Zahl der Viren im Körper erheblich. So wird das Immunsystem vor HIV geschützt. Das schafft die besten Voraussetzungen, um lange mit HIV leben zu können, ohne an AIDS zu erkranken. Außerdem sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass HIV auf Partner übertragen wird. Leider erfahren noch immer viele Menschen viel zu spät von ihrer HIV-Infektion, manche sogar erst, wenn sie mit lebensbedrohlichen Erkrankungen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Das lässt sich durch einen frühzeitigen HIV-Test vermeiden! Auch wenn eine HIV-Infektion möglicherweise schon länger zurückliegt, lohnt sich der Test. Denn die HIV-Therapie kann das Immunsystem oft auch in späteren Krankheitsphasen wieder stabilisieren.

Es sind vor allem drei Gründe, die Menschen vom HIV-Test abhalten: Viele haben Angst vor einem positiven Ergebnis, die Folgen schätzen sie dramatischer ein, als sie sind. Sie wissen nicht, dass man mit HIV heute ein weitgehend normales Leben führen kann. Und sie haben Angst vor Diskriminierung und Schuldzuweisungen.

Andere ziehen nicht in Betracht, dass sie HIV haben könnten, weil sie HIV mit bestimmten Lebensweisen oder Gruppen wie schwulen Männern verbinden. Gerade diese Menschen habe ein hohes Risiko zu erkranken, wenn sie sich infiziert haben. Ärztinnen und Ärzte haben HIV oft im entscheidenden Moment nicht auf dem Schirm. Einen HIV-Test anzubieten fällt vielen schwer, weil damit das Thema Sexualität ins Spiel kommt.

Informationen und Beratung:

Die telefonische Beratung der AIDS-Hilfen hat die bundesweit einheitliche Nummer 0180/3 31 94 11 (maximal neun Cent pro Minute aus dem deutschen Festnetz, maximal 42 Cent pro Minute aus den deutschen Mobilfunknetzen). Sie ist montags bis freitags von 9 bis 21 Uhr sowie samstags und sonntags von 12 bis 14 Uhr erreichbar. Die Anrufer können anonym bleiben.

Kostenlose Online-Beratung: www.aidshilfe-beratung.de

Allgemeine Informationen: https://www.aidshilfe.de

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