Aus: Ausgabe vom 18.05.2017, Seite 12 / Thema

Ein vergessener Held

Als die Nazis vor 75 Jahren in Berlin ihre Propagandaausstellung »Das Sowjetparadies« zeigten, entschlossen sich Antifaschisten, dagegen vorzugehen. Der vor 100 Jahren geborene Werner Steinbrinck war einer von ihnen

Von Cristina Fischer
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Werner Steinbrinck war ein entschiedener Gegner der Nazis. Von Jugend an in kommunistischen Gruppen organisiert, leistete er bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo Widerstand (undatierte Aufnahme, rechts außen: Werner Steinbrinck, links außen: seine Freundin Hilde Jadamowitz, die übrigen ­Personen sind unbekannt)

»Ihre Sendung: das Gewissen des Landes zu sein. Ihr Geschick: gebrandmarkt zu sterben.« (Heinrich Mann: Über die deutsche ­Widerstandsbewegung)

Er zählt nicht zu denen, deren Namen immer wieder feierlich genannt werden, wenn der Widerstand gegen den Faschismus gewürdigt wird. Viele werden seinen Namen überhaupt noch nie gehört haben: Werner Steinbrinck. Wenn man von ihm liest, ist sein Name meist falsch geschrieben, nur mit einem »k« hinten.

Vor einem Jahr habe ich in dieser Zeitung an den 100. Geburtstag der Freundin von Werner Steinbrinck, Hildegard Jadamowitz, erinnert, die etwas bekannter ist als er. Ich habe versucht, die wenigen Informationen über ihr Leben zusammenzutragen und erstmals aus Haftbriefen von ihr zitiert, die einen Eindruck von ihrer Persönlichkeit vermitteln. Kaum etwas von ihr ist überliefert: eine Handvoll Briefe und zwei, drei Fotos. Es gibt nicht einmal einen Abschiedsbrief wie von vielen anderen hingerichteten Antifaschisten. Und das, obwohl ihre Schwester überlebt hat, die ebenfalls in Haft gewesen war und die in der DDR als Zeitzeugin aufgetreten ist.

Über Werner Karl Otto Steinbrinck ist noch weniger privates Material vorhanden. Auch der an seine Mutter gerichtete Abschiedsbrief ist nicht bekannt. Es gibt vier Fotos, aber keinen einzigen Brief – also fast nichts, was einen Zugang zu seinem Leben eröffnen könnte. Sein Werdegang wird in verschiedenen Nachschlagewerken kurz und lückenhaft geschildert. In der Onlineenzyklopädie Wikipedia sind es ganze acht Zeilen, entsprechend etwa den Angaben, die die Gedenkstätte Deutscher Widerstand auf ihrer Homepage macht. In der DDR hat Margot Pikarski in ihrem Buch »Jugend im Berliner Widerstand« etwas ausführlicher über ihn berichtet. Zuletzt wurde Steinbrinck in dem 2004 erschienenen Buch »Im Schatten der Sterne« von Regina Scheer über die Widerstandsgruppe um Herbert Baum vorgestellt.1

Organisiert gegen Hitler

Werner Steinbrinck wurde am 19. April 1917 geboren. Sein Vater Karl Steinbrinck, ein Arbeiter, war Kommunist, seine Mutter Agnes, eine einfache Frau, die zunächst als Dienstmädchen, später als Näherin ihr Brot verdiente, hat sich nicht politisch betätigt. Die Eltern ließen sich 1932 scheiden, und Werner blieb bei der Mutter. Ein jüngerer Bruder fiel 1942 in Charkow.

Steinbrinck hatte in Neukölln zuerst eine weltliche Volksschule und von 1931 bis 1933 die berühmte Karl-Marx-Schule besucht, an der Arbeiterkinder das Abitur machen konnten. Dort war der bebrillte Knabe, den sie »Steinchen« nannten, unter anderem mit dem späteren Historiker Kurt Gossweiler und mit Herbert Ansbach befreundet. Sie schlossen sich dem Sozialistischen Schülerbund (SSB) an, einer Organisation, die von der KPD angeleitet wurde. In ihrer Zeitung Der Schulkampf übten die Schüler u. a. Kritik an reaktionären Lehrern. Ansbach war seit 1932 Leiter des SSB und Chefredakteur des Schulkampfs. Nach Auflösung dieser Organisation 1933 wurden die Freunde Mitglieder des illegalen Kommunistischen Jugendverbands (KJVD), Unterbezirk Südost. Im selben Jahr fuhr Werner Steinbrinck nach Paris, um an einem internationalen kommunistischen Jugendtreffen teilzunehmen.

»Im Sommer 1934 unternahm er eine solche Reise ein zweites Mal«, berichtete Kurt Gossweiler, »diesmal aber nicht alleine, sondern er nahm noch zwei Genossen aus unserer Gruppe, nämlich mich und noch einen anderen Genossen« sowie – man höre und staune – drei Angehörige der Jugendorganisation der eigentlich mit der KPD verfeindeten KPO (KPD-Opposition) mit.2

Nachdem die führenden Funktionäre ihres KJVD-Bezirks verhaftet worden waren, übernahmen Herbert Ansbach und Herbert Baum im Herbst 1934 dessen Leitung. Sie arbeiteten vor allem mit Sportlern zusammen und gaben eine illegale Zeitung (Die Junge Garde bzw. Die Sturmparole) heraus, deren Chefredakteur Steinbrinck wurde. Er war, so bezeugte Herbert Ansbach, »ein außerordentlich belesener Genosse, der sich sehr viel mit der Theorie des Marxismus auseinandersetzte und der auch sehr gut in der Lage war, seine Gedanken mündlich und schriftlich vorzutragen«3.

Auch in die berühmte »Bölleraktion« Berliner Studenten war der damals erst 17jährige nicht nur eingeweiht, sondern Ansbach zufolge auch an ihr beteiligt.4 Sie hatten mit Streuzetteln gefüllte Sprengkörper in Gestalt hölzerner Bücher gebastelt, um diese in der Universität, in der Staatsbibliothek und an anderen Orten publikumswirksam hochgehen zu lassen, was auch funktionierte und die Gestapo in große Aufregung versetzte.

1935 verließ Werner Steinbrinck sein nun gleichgeschaltetes Gymnasium vor dem Abitur, das er später an der Abendschule nachholen musste. Er begann eine Lehre als Laborant beim Chemisch-wissenschaftlichen Laboratorium von Dr. Walter Fränkel und Dr. Landau in Berlin-Oberschöneweide, einer jüdischen Firma, die ihn anschließend einstellte.

In seiner KJVD-Gruppe wurde neben der Agitation mit Zeitungen und Flugblättern viel Wert auf Schulungsarbeit gelegt. Zum Teil wurden die Schulungen während ausgedehnter Wanderfahrten mit 30 bis 40 Teilnehmern abgehalten. Die Unterbezirksleitung traf sich regelmäßig in der Wohnung von Herbert Baum und Martin Kochmann. Von der Auslandsleitung des KJVD in Prag musste sich Herbert Ansbach deshalb Ende 1935 schwere Vorwürfe wegen dieser Unvorsichtigkeit gefallen lassen. Der Versuch, danach konspirativer vorzugehen, gelang jedoch nur unzureichend.

Im März 1936 wurde der 18jährige Steinbrinck daher erstmals verhaftet, aus Mangel an Beweisen aber bald wieder freigelassen, auch weil ihn die Hauptangeklagte, seine aus Kiel stammende Freundin Lisa Attenberger, nicht belastete. Sie hatte (vermutlich mit ihm zusammen) marxistische Schulungszirkel organisiert und wanderte wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« für zweieinhalb Jahre ins Zuchthaus. Auch Herbert Ansbach war verhaftet und zur gleichen Strafe verurteilt worden.

Während Lisa noch im Knast saß, verliebte sich Werner in die Jungkommunistin Hildegard Jadamowitz, die er schon seit der Kindheit kannte, und die auch zu seiner Gruppe gehörte. Der Gestapo gegenüber bezeichnete er sie später als seine Verlobte; wegen der »Nürnberger Gesetze« konnten beide nicht heiraten. Hilde war ein hübsches, ehrgeiziges und temperamentvoll-lebenslustiges Mädchen, das wie Werner unter dem Verdacht der Vorbereitung zum Hochverrat verhaftet worden war. Wegen ihrer jüdischen Mutter galt sie den Nazis als »Halbjüdin«. Trotz vieler Widrigkeiten hatte sie es geschafft, sich zur Röntgenassistentin ausbilden zu lassen. Sie war bei verschiedenen Ärzten tätig und half Genossen u. a. mit Attesten aus.

Werner und Hilde hielten weiter regelmäßig mit Gleichgesinnten Schulungsabende und Diskussionen ab. Es gibt darüber nur einen einzigen etwas anschaulicheren Bericht. Er stammt von der österreichischen Physikerin Dr. Helene Otley, geborene Schlesinger, einer Sozialdemokratin, die gelegentlich an den Zusammenkünften teilnahm. Wie sie sich noch nach Jahrzehnten gekränkt erinnerte, fuhr Werner Steinbrinck sie einmal an, als sie eine »falsche« Ansicht äußerte – sie sei keine Marxistin!5 Das vermittelt den Eindruck, als sei es in diesen illegalen Zirkeln recht dogmatisch zugegangen.

1939 wurde Werner zum Reichsarbeitsdienst und im Juni 1940 zur Wehrmacht eingezogen, wo er zunächst als Sanitäter ausgebildet wurde. Anschließend zum Oberkommando der Wehrmacht abkommandiert, konnte er in Berlin bleiben.

Voller Tatendrang

Der Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 elektrisierte die in Deutschland noch aktiven Kommunisten. Werner Steinbrinck, seine Freundin Hilde und deren Schwester, der gemeinsame Freund Hans Mannaberg, der AEG-Ingenieur Joachim Franke, der Arbeiter Hans-Georg Vötter und dessen Frau Charlotte schlossen sich zu einer Widerstandsgruppe zusammen. Franke wurde zum politischen Leiter, Vötter, der fünf Jahre Zuchthaus hinter sich hatte, zum Orgleiter und Steinbrinck zum »Abwehrmann« gewählt. Sie hörten gemeinsam ausländische Sender und entwarfen Schriften mit den Titeln »An die deutsche Ärzteschaft«, »Der Ausweg« und »Der Weg zum Sieg«. Letztere wurden mit der Feldpost auch an Soldaten verschickt.

Angeregt wurden diese in pathetischem Stil gehaltenen Pamphlete durch eine damals kursierende konspirative Schrift, die reichlich unrealistisch forderte: »Organisiert den revolutionären Massenkampf gegen Faschismus und imperialistischen Krieg!« Deren Verfasser, es sollen die KPD-Funktionäre Bernhard Bästlein, Wilhelm Guddorf und John Sieg gewesen sein, gingen fälschlich von einer baldigen Zuspitzung der Lage in Deutschland aus, die in einen Bürgerkrieg oder eine revolutionäre Situation münden würde. Dementsprechend heißt es in »Der Weg zum Sieg« gleich eingangs polemisch, ja aggressiv: »Warst Du heute ein Revolutionär? Was hast Du heute getan im Kampf gegen den faschistischen Raubkrieg, für die Organisierung der antifaschistischen Massenbewegung und für den Sturz der Hitlerregierung?«6

1942 wurde Steinbrinck von der Wehrmacht freigestellt, um ein Studium am Kaiser-Wilhelm- Institut (KWI) für Chemie in Berlin absolvieren zu können. Dort verdiente er zuletzt als Chemotechniker 240 Reichsmark im Monat. Indessen deutete die Kriegslage auf das Ende des faschistischen Vormarschs hin. Der Architekt Hermann Henselmann, der später in Ostberlin die Gebäude an der Stalinallee entwarf, erinnerte sich in seinen Memoiren, der Stillstand der deutschen Truppen vor Moskau im Winter 1941/42 habe ihn und seine Freunde euphorisiert: »Nun würde es bald zu Ende gehen. So dachten wir und planten, wie wir uns für die Zukunft einrichten wollten.«7

Steinbrinck und seine Genossen müssen ähnlich empfunden haben. Sie wurden ungeduldig und wollten den Sturz des verhassten Hitlerregimes mit aller Macht beschleunigen. Zugleich setzten die beginnenden Deportationen von Jüdinnen und Juden aus Berlin die Gruppe um Herbert Baum zunehmend unter Druck und trugen, wie Regina Scheer überzeugend argumentiert hat, zu deren Radikalisierung bei.

Um die Existenz der künftigen Illegalen zu sichern, kam Herbert Baum auf eine ebenso verwegene wie grausame Idee. Zusammen mit Steinbrinck und zwei Freunden überfiel er am 7. Mai 1942 morgens eine noch wohlhabende jüdische Familie in Berlin-Charlottenburg. Sie gaben sich als Gestapo-Mitarbeiter aus und »beschlagnahmten« Teppichbrücken, ein Ölbild und andere Wertgegenstände, die später verkauft werden sollten. Dass sich Steinbrinck an dieser »Enteignung« beteiligte, verweist einmal mehr auf seine Nähe zu Herbert Baum, den er auch mit gestohlenen Blankoformularen, Personalausweisen und einem Soldbuch aus Armeebeständen versorgt hatte.

Der Anschlag

Am 8. Mai 1942 wurde im Berliner Lustgarten die 9.000 Quadratmeter große antibolschewistische und antisemitische Hetzausstellung »Das Sowjetparadies« eröffnet, mit der der mörderische Feldzug im Osten legitimiert werden sollte. Gezeigt wurden Fotos und Grafiken, die den Besuchern das Propagandabild des »sowjetischen Untermenschen« bestätigen und dessen Vernichtung und Unterwerfung legitimieren sollten. Im Zentrum der Ausstellung stand der Nachbau eines Stadtteils von Minsk sowie eines sowjetischen Dorfes, das den Eindruck vermittelte, die Menschen dort würden in Erdlöchern hausen.

Herbert Baum besuchte die publikumswirksame Schau und war entschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Zunächst dachte er an eine Flugblattaktion, dann erschien ihm ein Bomben- oder Brandanschlag wirkungsvoller. Seine Genossen waren nicht alle einverstanden, manche sogar dagegen. Zu riskant. Doch die Tatendurstigen setzten sich durch.

Frankes Gruppe wurde mit der Vorbereitung beauftragt; sie verfügte ja über einen Ingenieur und einen Chemotechniker. Werner Steinbrinck besorgte die notwendigen Chemikalien am KWI, Franke half ihm bei der Herstellung von Sprengstoff und kleinen Brandsätzen, die beide in dessen Küche zusammenbastelten.

Den überlebenden Zeitzeugen zufolge war Joachim Franke das Gegenteil des ernsten und zurückhaltenden Steinbrinck – ein beredter Selbstdarsteller und Angeber, der die Grundsätze der konspirativen Arbeit grob missachtete und damit etliche Genossen in die Flucht trieb. Vermutlich war er es, der seine Gefährten immer wieder zu kühnen Plänen anspornte. Was sie nicht wussten: Franke war wegen Betrugs und Diebstahls vorbestraft, war 1928 aus der KPD ausgeschlossen worden und hatte sich dann – wie er später selbst bei der Gestapo aussagte – aus Frust der Politischen Polizei als V-Mann angedient. So behauptete er die Verhaftung von Hans-Georg Vötter, damals Mitglied der Bezirksleitung der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) Berlin-Brandenburg, im Jahr 1935 sei sein »Verdienst« gewesen. Da aber niemand von Frankes Spitzeltätigkeit wusste, fand er bald wieder Anschluss.8

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Propaganda für den Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion – Werbeplakat zur Ausstellung »Das Sowjetparadies« in Berlin

Am 18. Mai 1942 begab sich die Gruppe, insgesamt zwölf Personen, abends zur Ausstellung. Franke stellte einen kleinen Kanister mit Sprengstoff in einer nachgebauten sowjetischen »Arbeiterwohnung« ab, andere versuchten, zwei oder drei Phosphorbrandsätze zu plazieren. Dabei fing die Kleidung von Herbert Baum Feuer; er musste den Tatort schleunigst verlassen. Franke drängte seine Freunde, ebenfalls zu verschwinden, schloss sich ihnen aber nicht an.

Erreicht hatten sie mit ihrer waghalsigen Aktion so gut wie nichts. Nur an einer Stelle entwickelte sich ein Schwelbrand, der wenig beschädigte und schnell gelöscht wurde. Der Sprengstoff verpuffte, ein paar Besucher wurden leicht verletzt, mussten aber nicht ärztlich behandelt werden. Die Ausstellung konnte am Folgetag wieder öffnen.

Verhaftung und Zerschlagung

Bereits am 22. Mai wurden zehn Genossen, die zur Gruppe Steinbrincks gehörten, und mehrere aus der Baum-Gruppe verhaftet. Ende Mai bilanzierte die Gestapo 23 Festnahmen, darunter acht Juden und »Halbjuden«.9 Weitere Verhaftungen folgten im Laufe des Jahres.

Franke, der von der Polizei als Kopf der Gruppe angesehen wurde, legte am ersten Tag ein umfassendes Geständnis ab. Er behauptete zuletzt, er habe vorgehabt, die Zentrale der KPD ausfindig zu machen, um diese der Polizei melden zu können. Auch seiner Frau habe er immer gesagt, er arbeite eigentlich für die Gestapo. Doch angezeigt hat Franke die Gruppe offenbar nicht. Er wurde später genauso wie die anderen zum Tode verurteilt und hingerichtet. Es muss also – vermutlich in seinem Umfeld – einen Verräter gegeben haben, der bis heute unbekannt geblieben ist. Da die Justizakten nicht vollständig zugänglich (bzw. erhalten) sind, bleiben immer noch viele Fragen offen.

Werner Steinbrinck versuchte in den Verhören, Herbert Baum, seine Freundin Hilde und andere Freunde zu entlasten, was ihm aber zunehmend schwerfiel. Es ist unbekannt, ob er gefoltert wurde; zudem war der Überraschungseffekt, dass die Gestapo die ganze Gruppe verhaftet hatte und über vieles bereits Bescheid wusste, so groß, dass er den Eindruck haben musste, dass jedes Leugnen zwecklos sei. Man kann sich vorstellen, wie dem seinen Überzeugungen treuen jungen Mann dabei zumute gewesen sein muss. Viele Fakten, die er zurückzuhalten versuchte hatte, wurden ihm noch in späteren Vernehmungen abgepresst.

Schließlich muss Steinbrinck sich derart in die Enge getrieben gefühlt haben, dass er am 9. Juni »auf Vorhalt« (Franke hatte bereits Angaben dazu gemacht) auch den gesamten Kreis von Mitschülern nannte, die sich mit ihm zu marxistischen Diskussionen getroffen hatten. Zu ihnen gehörte sein Freund Kurt Gossweiler, der als Soldat der Wehrmacht aber zunächst dem Zugriff der Gestapo entzogen war. Herbert Baum nahm sich nach den ersten Verhören am 11. Juni 1942 wahrscheinlich das Leben.10 Insgesamt wurden 27 Todesurteile verhängt.

Die Auslöschung seiner Widerstandsgruppe und seine eigene Ohnmacht gegenüber der Gestapo müssen Werner Steinbrinck traumatisiert haben. Seine Mutter konnte ihn noch am 20. Juli 1942, vier Tage nach dem Todesurteil, im Gefängnis Plötzensee besuchen. Ihr erzählte er vom Verrat Frankes. Später teilte sie in einem schriftlichen Bericht mit, ihr Sohn habe sich ungebrochen gezeigt. Er habe ihr gesagt, dass er seine Überzeugung nie verleugnen würde.11 Es ist schwer, die Wucht der Tragödie auch nur annähernd zu erfassen. Bevor er am 18. August 1942 zusammen mit neun seiner Freunde als »Gewaltverbrecher« hingerichtet wurde, holte ihn die Gestapo noch am Vortag zu einem letzten Verhör, in dem er erneut über die Baum-Gruppe aussagen musste. Vielleicht deutet die Tatsache, dass sein Abschiedsbrief an seine Mutter in der DDR nie veröffentlicht worden ist, darauf hin, dass dieser Brief keinesfalls heroisch und optimistisch klang, was unter den geschilderten Umständen auch kaum vorstellbar ist.

Angehörige und Freunde sagten über ihn, er sei »klug und gewissenhaft« gewesen, »ein sehr anständiger Mensch mit großem Gerechtigkeitssinn«. Ein ehemaliger Lehrer, der Reformpädagoge Alfred Lewinnek, der als Jude 1939 nach England hatte emigrieren müssen, schrieb nach dem Ende des Faschismus: »Insbesondere hat mich aufs tiefste ergriffen, dass Werner Steinbrinck ein so furchtbares Schicksal erfahren musste; er war ein Junge, der in jeder Beziehung alle seine Altersgefährten überragt hat und von dem Großes zu erwarten war.«12

1983 wurde eine Oberschule in Berlin-Marzahn nach ihm benannt – in der falschen Schreibweise »Steinbrink«. Kurt Gossweiler, Herbert Ansbach, Beatrice Jadamowitz, Franz Krahl, Walter Sack und andere Überlebende stellten sich als Zeitzeugen zur Verfügung. Die Schule hat sich ihrem Namensgeber in den ersten Jahren sehr verpflichtet gefühlt. Wie es üblich war, wurde ein »Traditionskabinett« eingerichtet, in dem das über ihn gesammelte Material zu sehen war. In der Nähe der Schule wurde 1987 eine weiße Marmorstele des Bildhauers Siegfried Wehrmeister aufgestellt. Sie zeigt auf der Vorderseite die stilisierten Gestalten von Herbert Baum, Werner Steinbrinck und Hilde Jadamowitz und auf der Rückseite einen jungen Mann, der mit tief gesenktem Kopf eine Treppe hinaufsteigt. Darunter sind Worte Johannes R. Bechers zu lesen: »Und aus Verlorensein wie aus Verlust / ergab sich Wandlung und ein Auferstehn«. Die Schule existiert schon lange nicht mehr, die Stele an der Zühlsdorfer Straße ist erhalten geblieben.

Nach 1989 wurde von Historikern der Erforschung des jüdischen Widerstands erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt und dabei auch zur Baum-Gruppe intensiv recherchiert. Der neue Fokus ließ jedoch die nichtjüdischen Genossen, zu denen es ohnehin nicht allzu viele Unterlagen gab, in den Hintergrund treten. Für Werner Steinbrinck ist bis heute auch kein »Stolperstein« verlegt worden. Er hat gewissermaßen das Pech, dass er in Neukölln wohnte, einem Bezirk, in dem sehr viele Antifaschisten aktiv waren, mit deren Ehrung der Bezirk wohl tatsächlich überfordert ist.

Trotz seiner Jugend hat er neun Jahre ununterbrochen Widerstand gegen den Faschismus geleistet und ist schließlich zusammen mit seinen Freunden dem Regime zum Opfer gefallen. Dazu trugen auch ihre Fehleinschätzung der Lage, abenteuerliche Handlungskonzepte und subjektive Schwächen bei. In starkem Maße von ihrer Zeit und ihrer weltanschaulichen Orientierung geprägt, fest verbunden in Parteistrukturen, ließen sie sich weit weniger als ihre Mitbürger von gesellschaftlichen Zwängen und materiellen Anreizen, geschweige denn von einem mit aller Macht ausgestatteten »Führer« leiten, sondern suchten sowohl in beruflicher wie in politischer Hinsicht nach Selbstverwirklichung, nach Freiheit. Und es war letzten Endes nicht die Partei, es war immer der einzelne, der sich vor den Richtern und Henkern zu bewähren hatte. Gerade in Hinblick auf aktuelle Entwicklungen ist es deshalb von großer Bedeutung, diesen Biographien und ihrer Condition humaine nachzuspüren, soweit das noch möglich ist.

Anmerkungen:

1 Regina Scheer: Im Schatten der Sterne: Eine jüdische Widerstandsgruppe, Berlin 2004

2 Kurt Gossweiler: »Die ersten drei Jahre im ›Tausendjährigen Reich‹«, http://kurt-gossweiler.de/?p=864

»Rote Flugzettel aus der ›Bombe‹. Über eine antifaschistische Aktion vor 50 Jahren«, Berliner Zeitung, 15.11.1984

Helen Otley: Wien, Auschwitz, Maryland. Meine Lebensgeschichte bis Kriegsende 1945, Hanau 1995, S. 48

Margot Pikarski: Jugend im Berliner Widerstand, Berlin 1978, S. 173

Hermann Henselmann: Drei Reisen nach Berlin, der Lebenslauf und Lebenswandel eines deutschen Architekten im letzten Jahrhundert des zweiten Jahrtausends, Berlin 1981, S. 180

Kopien der Vernehmungsprotokolle von Joachim Franke befinden sich im Berliner Bundesarchiv in der Akte SAPMO, BY 9/785.

Margot Pikarski (Hg.): Gestapo-Berichte über den antifaschistischen Widerstandskampf der KPD 1939–1943, Berlin 1989, S. 228 f. Von den zwölf direkt am Anschlag Beteiligten gehörten fünf zur Gruppe Steinbrinck-Franke und sieben zur Gruppe von Herbert Baum, darunter zwei nichtjüdische Frauen.

Er soll in seiner Zelle erhängt aufgefunden worden sein. Seine Verhörprotokolle sind nicht überliefert.

11 Bericht von Werner Steinbrincks Mutter, SAPMO, DY 55/V278/6/1873

12 »Die Geschichte einer weißen Stele. Pioniere und FDJler erfüllen das Vermächtnis des Antifaschisten Werner Steinbrink«, Neues Deutschland, 18.3.1989

Cristina Fischer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 19. August 2015 über die Neuköllner Antifaschistin Elfriede Schaumann.

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