Aus: Ausgabe vom 18.05.2017, Seite 8 / Inland

»Die meisten verdienen unter 100 Euro«

Hunderttausende »Crowdworker« bieten ihre Arbeit auf Onlineplattformen an. Ein Gespräch mit Sarah Bormann

Interview: Johannes Supe
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Es lässt sich nicht viel Geld als »Crowdworker« verdienen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die ver.di gemeinsam mit Prof. Dr. Hans Pongratz angefertigt hat. Bevor wir über die Details der Untersuchung sprechen, wäre es hilfreich zu verstehen, was »Crowdwork« eigentlich ist.

Wir verstehen unter »Crowdwork« Erwerbsarbeit, die über Plattformen vermittelt und vollständig über das Internet abgewickelt wird. Darunter fallen dann immer noch sehr verschiedene Tätigkeiten, etwa das Übersetzen von Texten, das Erstellen von Graphikdesigns oder das Entwickeln von Software. Das kann also von sehr einfachen bis hin zu hochkomplexen Beschäftigungen reichen. Dann gibt es noch sogenannte »Microtask«-Tätigkeiten, für die man nur wenige Minuten, bisweilen sogar nur Sekunden aufwenden muss. »Crowdwork« kann also von sehr einfachen bis hin zu hochkomplexen Tätigkeiten reichen.

834 Personen, darunter hauptsächlich Selbständige, beteiligten sich an einer Onlineumfrage von ver.di. Fünf Prozent von ihnen konnten nähere Angaben zur Arbeit im Netz machen. Welche Erfahrungen haben die Kollegen gemacht?

Als Vorteil haben einiger genannt, dass sie auf diesen Plattformen unkompliziert einen Zuverdienst erzielen können. Allerdings sind viele mit der Höhe sehr unzufrieden und kritisieren die verschärften Wettbewerbsbedingungen. Auffällig fanden wir, dass die Unzufriedenheit im Fall von Textarbeit deutlich höher als bei »Microtask«-Tätigkeiten lag. Journalistinnen und Journalisten, die auf Plattformen nach Arbeit suchen, haben im Vergleich mit Befragten, die auf »Microtask«-Plattformen arbeiten, höhere finanzielle Erwartungen. Zudem verfolgen sie auch ganz andere Ansprüche an ein professionelles Arbeiten. Crowdwork ist ein heterogenes Feld, es ist wichtig, nach Plattformtypen zu differenzieren und die unterschiedlichen Einkommenssituationen und Lebenslagen der auf den Plattformen Arbeitenden zu berücksichtigen. Für uns als Gewerkschaft heißt dies, dass es nicht die eine Antwort in Auseinandersetzung mit Crowdwork gibt.

Was ließ sich bezüglich der Bezahlung herausfinden?

Für die meisten handelt es sich beim »Crowdwork« um einen Zuverdienst. Nur wenige Befragte konnten über diesen Weg der Auftragsvermittlung mehr als 1.000 Euro im Monat erarbeiten. Die meisten verdienen Beträge von unter 100 Euro, einige bis zu 500 Euro im Monat. Wir schätzen, dass in Deutschland mehrere hunderttausend Menschen auf den Onlineplattformen regelmäßig aktiv sind, ihr Verdienst in der Regel aber nur bei etwa 500 Euro liegt.

Welche Bedeutung hat das Phänomen für Gewerkschaften?

Die Bedeutung von Crowdwork ist in Deutschland derzeit weniger quantitativ sondern inhaltlich zu begründen. Es handelt sich um ein Experimentierfeld, hier werden neue Formen der Arbeitsorganisation ausprobiert und da sind wir als Gewerkschaft angehalten, genau hinzugucken. Wie wirkt dies auf die betriebliche Ebene zurück? Wie verändern sich dadurch die Arbeitsbedingungen unserer Mitglieder, die selbstständig tätig sind? Welche neuen Abhängigkeiten entstehen? Wie werden Wettbewerbsbedingungen verschärft?

Was können Gewerkschaften tun?

Als Gewerkschaft ist es schwierig, eine Gruppe zu adressieren, für die die Arbeit auf Online-Plattformen primär ein Zuverdienst ist. So formulieren auch die Befragten zwar sehr detaillierte Erwartungen an ver. di bezüglich selbständiger Arbeit allgemein, aber wenig konkrete Forderungen in Bezug auf Crowdwork. Das heißt aber noch nicht, dass es unmöglich ist. Es ist für uns wichtig, Crowdworker stärker in die Debatte einzubeziehen. Im Fall von ver.di können sie bei Problemen sich schon jetzt an unsere Beratung für Selbstständige wenden. Zudem fordert ver. di eine solidarische Versicherung für alle Erwerbstätigen.

Sarah Bormann arbeitet im ver.di-Bereich Innovation und Gute Arbeit im Projekt Cloud und Crowd

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