Aus: Ausgabe vom 18.05.2017, Seite 1 / Titel

Die Helden sind frei!

USA: Der puertoricanische Unabhängigkeitsaktivist Oscar López Rivera und die Whistleblowerin Chelsea Manning wurden aus dem Gefängnis entlassen

Von Jürgen Heiser
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Chelsea Manning und Oscar López Rivera

In den USA gelangte am Mittwoch Chelsea Manning in Freiheit und in Puerto Rico Oscar López Rivera. Beide waren politische Gefangene der US-Regierung. Die Entlassung der Whistleblowerin und des puertoricanischen Unabhängigkeitskämpfers hatte Barack Obama als scheidender US-Präsident im Januar zum Ende seiner Amtszeit im Rahmen seines Gnadenrechts verfügt. Beide wurden von begeisterten Unterstützern empfangen. Vor ihnen liegt jeweils ein Mammutprogramm, das in diesen Tagen zu ihren Ehren veranstaltet wird.

Für viele Menschen auf diesem Planeten sind sie Helden, die nie hätten eingesperrt werden dürfen. Mannings mutige Offenlegung von 700.000 Geheimdokumenten über US-Kriegsverbrechen hatten den Blick der Weltöffentlichkeit auf die verheerenden Kriege in Irak und Afghanistan geschärft. Die Militärjustiz verhängte gegen Manning 35 Jahre Haft. López, verurteilt zu 70 Jahren Freiheitsstrafe wegen »aufrührerischer Verschwörung gegen die US-Regierung«, hatte durch seinen beharrlichen Widerstand gegen Washingtons Kolonialpolitik auch in den 36 Jahren seiner Gefangenschaft die Hoffnung auf die Unabhängigkeit seiner karibischen Heimat Puerto Rico genährt. Dort und in Ländern wie Kuba und Venezuela gilt er als vorbildlicher Freiheitskämpfer.

Mannings Freilassung nach sieben Jahren aus einem US-Militärgefängnis in Kansas fiel auf den »Internationalen Tag gegen Homophobie«. Als erste Transfrau hatte die Soldatin in der Militärhaft juristisch und mit Hungerstreiks einen beispielhaften Kampf für ihre Geschlechtsangleichung geführt und war in reinen Männergefängnissen »mit unvorstellbarer Gewalt konfrontiert worden«, wie ihr Anwalt Chase Strangio erklärte. Nun könne sie jedoch in Freiheit selbstbestimmt ihren Weg gehen, sagte ihre Verteidigerin Nancy Hollander gegenüber Medien. Laut der britischen Sun erklärte Mannings walisische Mutter Susan, sie sei stolz auf ihre Tochter und habe nur eine Botschaft an sie: »Go, girl!«

Entsprechend feierte eine breite Bewegung aus Frauen-, LGBT (Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle)- und Antikriegsgruppen in 22 Städten von Neuseeland über die USA bis nach London und Berlin. In Israel verbanden Gruppen von »Refuseniks« (Kriegsdienstverweigerern) und Friedensorganisationen ihre Veranstaltung mit Solidaritätserklärungen für die palästinensischen Gefangenen, die seit einem Monat im Hungerstreik sind. Wikileaks-Gründer Julian Assange bezeichnete laut dpa die Freilassung der Whistleblowerin als »heldenhaften Sieg«. Er könne es »kaum erwarten, sie zu treffen«. Katja Kipping, Kovorsitzende der Partei Die Linke, schloss sich den Worten des Vietnam-Whistleblowers Daniel Ellsberg an, wonach Mannings Freilassung »ein Geschenk an die Welt« sei.

Der heute 74jährige Oscar López trat gestern nachmittag (Ortszeit) im Universitätsviertel der puertoricanischen Hauptstadt San Juan als Hauptredner einer Großkundgebung mit anschließendem Konzert auf. In der jubelnden Menge waren viele Studenten, die derzeit gegen fatale Kürzungen des Hochschulhaushalts streiken. Der Empfang von López entwickelte sich zu einer starken Manifestation der Unabhängigkeitsbewegung gegen Washingtons Finanzdiktat über das von der Staatspleite geplagte Land.

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