Aus: Ausgabe vom 17.05.2017, Seite 8 / Inland

»Berliner Aktivisten nur in zweistelliger Zahl«

Nur wenige Menschen beteiligen sich an den Aktionen der ­sogenannten Identitären in der Hauptstadt. Gespräch mit Michael Trube

Interview: Felix Clay
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Immer wieder protestieren Antifaschisten in Berlin gegen rechte Aufmärsche, hier am 5. November 2016

Die »Identitären« haben mit ihren Aktionen in Berlin, etwa der Störung eines öffentlichen Gesprächs über Integration zwischen Jakob Augstein und Marion Käßmann oder der Besetzung des Brandenburger Tors, viel Aufsehen erregt. Wie lang gibt es diese extrem rechte Gruppe hier schon?

Öffentlich treten die »Identitären« seit etwa 2013 in Berlin in Erscheinung. Damals allerdings noch mit deutlich anderem Personal und Auftreten. Nach einer kurzen Ruhephase kam es im Jahr 2015 zu einer Reaktivierung und Verfestigung der Strukturen. Seit dem Sommer 2016 führte die Gruppe zahlreiche größere und kleinere Aktionen durch.

Können Sie uns was zu Zusammensetzung und Struktur sagen?

Wir gehen davon aus, dass die Berliner Aktivistinnen und Aktivisten nicht mehr als eine niedrige zweistellige Zahl umfassen, da wir feststellen, dass zu Aktionen auch immer Personen aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern anreisen. Dies lässt darauf schließen, dass es in Berlin weiterhin nicht genügend Personen gibt, die bereit sind, sich an den öffentlichkeitswirksamen Aktionen der »Identitären« zu beteiligen. Die Gruppe rekrutiert sich in Berlin nach Beobachtungen der MBR (»Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin«, jW) vornehmlich aus einem männlichen, jungakademischen Milieu von Burschenschaftern und Gymnasiasten. Lokale Schwerpunkte sind die Randbezirke im Südwesten und Südosten der Stadt.

Wie ist das Verhältnis der »Identitären« zur Alternative für Deutschland, AfD, und umgekehrt?

Offiziell grenzt sich die AfD von der rechtsextremen »Identitären Bewegung« ab. In der Weise hat sich vor kurzem der Pressesprecher der AfD Berlin, Ronald Gläser, in einer Sitzung des Innenausschusses geäußert. Auch die »Identitäre Bewegung« bemüht sich nach außen zumeist um eine formale Abgrenzung. In der Realität sieht dies allerdings anders aus. Es gibt nicht nur inhaltliche, sondern auch personelle Überschneidungen der Gruppe mit der AfD beziehungsweise deren Jugendorganisation, der »Jungen Alternative«, JA. Für die Berliner Strukturen ist das wohl bekannteste Beispiel Jannik Brämer, der einer der führenden Aktivisten der »Identitären« ist. Gleichzeitig sitzt er seit dem vergangenen Jahr als Schatzmeister im Landesvorstand der JA und ist Kandidat der AfD für die Bezirksverordnetenversammlung, BVV, in Charlottenburg-Wilmersdorf. Als die JA im Mai 2016 in Steglitz-Zehlendorf Flugblätter verteilte, wurde sie dabei – wie ein Foto auf ihrer Facebook-Seite zeigt – von einem bekannten »Identitären« aus Berlin unterstützt. Erst vor kurzem fand ein Sommerfest der JA in einem Burschenschaftshaus im Bezirk Steglitz-Zehlendorf statt. Auf der internen Veranstaltung waren sowohl Mitglieder des Abgeordnetenhauses sowie ein Verordneter der lokalen BVV-Fraktion der AfD als auch mehrere Mitglieder der »Identitären Bewegung«, wie etwa einer der führenden Köpfe in Berlin, Robert Timm, anwesend. Dies macht deutlich, dass es trotz aller Lippenbekenntnisse seitens einiger AfD-Funktionäre sehr wohl eine Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Ebenen gibt.

Am 17. Juni wollen die »Identitären« in Berlin aufmarschieren. Was haben wir an diesem Tag zu erwarten?

Da der Aufmarsch europaweit beworben wird, rechnen wir mit einer stärkeren Teilnahme als im vergangenen Jahr. Damals kamen nur gut 100 Teilnehmer. Wenige Wochen zuvor fand in Wien eine Demonstration mit europaweiter Mobilisierung statt, zu der rund 600 Personen anreisten. Das wäre ein Potential, was durchaus auch für Berlin realistisch sein könnte. In Österreich und vor allem in Frankreich verfügen die »Identitären« über deutlich mehr Anhänger. Abzuwarten bleibt, wie viele dieser Mitglieder sich auf den Weg nach Berlin machen, da es sich beim 17. Juni nicht um ein Datum mit europäischer Bedeutung handelt. Sicher ist, dass der Aufmarsch nicht ohne Gegenproteste stattfinden wird. Unterschiedliche Strukturen planen bereits entsprechende Aktivitäten. Auf dem Portal von »Berlin gegen Nazis« können sich Interessierte über den aktuellen Stand der Gegenmobilisierung informieren.

Michael Trube ist Mitarbeiter der »­Mobilen Beratung gegen Rechts­extremismus Berlin«Michael Trube wird auch im Rahmen der »Helle Panke«-Veranstaltung »Wer sind ›Die Identitären‹, und was kann gegen sie getan werden?« sprechen: Donnerstag, 18. Mai, 20 Uhr, SO 36, Oranienstr. 190, Berlin

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