Aus: Ausgabe vom 15.05.2017, Seite 2 / Ausland

»Sanktionen stellen das Kernproblem dar«

Pfaffenhofener Verein unterstützt Berufsausbildung von Frauen in Syrien. Embargo verhin­dert Wiederaufbau. Ein Gespräch mit Bernd Duschner

Interview: Ben Mendelson
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Straßenverkauf in Damaskus 2014: Karges Angebot an Frauenkleidern

Aktuell sammeln Sie Spenden zur Unterstützung syrischer Frauen. Ab Juni sollen in Syriens Hauptstadt Damaskus Frauen zu Nä­herinnen ausgebildet werden. Wie lässt sich so ein Hilfsprojekt in einem Kriegsland wie Syrien auf die Beine stellen?

Seit einiger Zeit haben wir engen Kontakt mit der Leiterin des Italienischen Krankenhauses in Da­maskus. Sie hat uns gebeten, die Finanzierung der Schneiderausbildung für Frauen zu übernehmen. Diese Bitte haben wir über die Lokalpresse bekanntgemacht und Geschäftsinhaber, Ärzte, soziale und kirchliche Einrichtungen gebeten, unsere Plakate mit dem Spendenaufruf aufzuhängen. In we­nigen Tagen konnten wir bereits 4.000 Euro an Spenden sammeln. Insgesamt kostet die viermonati­ge Vollzeitausbildung für 32 Frauen 20.000 Euro. Darin sind die Kosten für eine Nähmaschine pro Teilnehmerin enthalten. Unser Verein verknüpft Friedensarbeit mit humanitärer Hilfe. Deshalb wei­sen wir darauf hin, dass die Finanz- und Wirtschaftssanktionen der EU gegen Syrien das Kernpro­blem darstellen. Massenarbeitslosigkeit, Verarmung und Elend können nur wirksam beseitigt wer­den, wenn das Embargo aufgehoben wird.

Wieso haben Sie sich für die Förderung der Ausbildung entschieden?

Es gab bereits einen solchen Kurs. Er wurde vom UN-Flüchtlingshilfswerk finanziert. Viele Teil­nehmerinnen konnten danach Arbeit finden. Es gibt eine große Nachfrage nach dieser Ausbildung. Die Sanktionen haben bei Gütern des täglichen Bedarfs zu gewaltigen Preissteigerungen geführt. Gerade Frauen, die ihren Mann verloren haben und ihre Kinder nun allein ernähren müssen, haben kein ausreichendes Einkommen. Wer aber Kleidung herstellen oder reparieren kann, hat die Mög­lichkeit, Geld zu verdienen.

Welche Hilfsprojekte haben Sie bisher in Syrien umgesetzt?

Wir haben mehrfach schwerkranken Kindern aus Syrien Operationen in der BRD ermöglicht. Im Italienischen Krankenhaus haben wir die Erneuerung der Wasserwiederaufbereitungsanlage für die Dialyse und den Kauf kleinerer medizinischer Geräte finanziert. Die USA und ihre Verbündeten bil­den offen Terrorgruppen aus und rüsten sie mit modernsten Waffen aus. Die Infrastruktur Syriens ist durch Krieg und Anschläge schwer beschädigt. Vor diesem Hintergrund haben die Wirtschafts- und Finanzsanktionen der EU, die seit 2011 in Kraft sind, verheerende Auswirkungen. So ist die Lieferung von Ausrüstung an Elektrizitätswerke verboten. Selbst in Damaskus gibt es deshalb nur drei Stunden am Tag Strom in den Kliniken. Die Krankenhäuser sind gezwungen, für ihre Generato­ren große Mengen Diesel einzukaufen. Doch Diesel ist sehr teuer, weil der Export von Ausrüstung für die Förderung und Verarbeitung von Erdöl und der direkte Verkauf von Diesel nach Syrien unter die Sanktionen fallen. Die Pa­tienten haben aber kaum Geld. Wie soll unter diesen Bedingungen ein Krankenhaus seine Mitarbeiter bezahlen, Geräte und Medikamente einkaufen? Die Syrer brauchen unsere Unterstützung. Die humanitäre Hilfe hat uns vor Ort eine hohe Glaubwürdigkeit eingebracht. Deshalb finden wir dort auch Gehör, wenn es um politische Fragen geht.

Trotzdem werden Sie mit solchen Hilfsaktionen allein nicht gegen das Syrien-Embargo an­kommen.

Unsere Hilfe ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir zeigen der syrischen Bevölkerung aber, dass es in Deutschland Menschen gibt, die auf ihrer Seite stehen. Gleichzeitig nutzen wir unsere Spen­denaktionen, um über die Auswirkungen der Sanktionen aufzuklären. Ein Wiederaufbau ist nur möglich, wenn sie aufgehoben werden. Wenn es wieder genügend Möglichkeiten gibt, den Lebens­unterhalt mit legaler Arbeit zu bestreiten, wird auch die Rekrutierung für die Terroristen deutlich schwerer. Gewerkschaften, Kirchen und die dort tätigen Hilfsorganisationen fordern deshalb ein Ende des Embargos. EU und Bundesregierung wollen mit dem Aushungern der Bevölkerung einen Regierungswechsel erzwingen. Ich halte diese Politik für zutiefst kriminell. Das Schlimme ist: Wir ken­nen seit Jahren die Auswirkungen der Sanktionen. Trotzdem wird von Friedensbewegung und Linkspartei fast nichts getan, um ihre Aufhebung zu erreichen. Bis heute wurde kein entsprechender Antrag im Bundestag eingebracht. Soviel Unterwürfigkeit gegenüber der Bundesregierung dürfen wir nicht länger hinnehmen.

Interview mit Bernd Duschner, Vorsitzender des Pfaffenhofener Vereins »Freundschaft mit Valjevo e. V.«

Spendenkonto der Initiative: Sparkasse Pfaffenhofen, IBAN DE06 7215 1650 0008 0119 91, Stichwort »Hilfe für Mütter in Damaskus«

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