Aus: Ausgabe vom 13.05.2017, Seite 1 / Titel

Betriebskampfgruppe

In Frankreich demonstrieren Arbeiter eines Autozulieferers, wie sich für die eigenen Interessen kämpfen lässt. Proteste gegen Macron angekündigt

Von Daniel Bratanovic
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Moderne Maschinenstürmer. Arbeiter von GM&S beginnen damit, den Betrieb zu zerlegen

Jeden Tag eine Maschine. In Frankreich sind die Arbeiter im Kampf für ihre Interessen in der Regel sehr viel unnachgiebiger als die Kollegen hierzulande. Die Beschäftigten des Autozulieferers GM&S haben am Donnerstag damit begonnen, das Inventar des Werks im zentralfranzösischen La Souterraine Schritt für Schritt zu zerstören, und angekündigt, damit fortzufahren, wenn die Verhandlung über die Zukunft des Unternehmens nicht wieder aufgenommen würden. Wie der für die 279 Beschäftigten von GM&S zuständige Sekretär der Gewerkschaft CGT, Vincent Labrousse, mitteilte, sei das Werksgelände zudem mit Gasflaschen und Benzinkanistern »vermint« worden. »Wir lassen uns keinen Tag länger verschaukeln. Seit sechs Monaten kämpfen wir, und wir bedauern, dass wir diesen Punkt erreicht haben, aber unsere Drohung ist klar und simpel.« Im Fall einer Schließung »wird die Fabrik nicht intakt übergeben werden«. Am Donnerstag und Freitag schnitten Arbeiter eine Pressanlage per Schneidbrenner entzwei und zertrümmerten eine Werkzeugmaschine. Die Zerstörungen betrachtet Labrousse als symbolischen Akt. »Was hier den Maschinen passiert, das könnte auch mit unserem Leben und mit unseren Familien geschehen«, so der Gewerkschafter.

Mit den Maßnahmen wollen die Beschäftigten vor allem Druck auf PSA und Renault ausüben. Die beiden Automobilhersteller, an denen der französische Staat 12,3 bzw. 15,2 Prozent der Unternehmensanteile hält und die der Hauptabnehmer der Produkte von GM&S sind, sollen ein Auftragsvolumen garantieren, das dem Autozulieferer das Überleben ermöglicht. Das angeschlagene Unternehmen befindet sich seit dem vergangenen Dezember in einem Reorganisationsverfahren. Mehrere Wochen hatte der Insolvenzverwalter mit den beiden Automobilkonzernen über eine Fortsetzung der Produktion beraten. Doch am Mittwoch hatte der innerbetriebliche Zusammenschluss von CGT und FO verkündet, dass die Verhandlungen gescheitert seien und die gerichtlich angeordnete Liquidation des Betriebs bereits am 23. Mai erfolgen könne.

In einer am Freitag veröffentlichten Stellungnahme schrieb die CGT, dass Renault und PSA einen Auftragsumfang garantieren sollen, wie er in der Vergangenheit bestanden habe. »Die Beschäftigten haben zusammen mit der CGT seit mehreren Monaten Verantwortung übernommen. Es ist dringend notwendig, dass auch die andere Seite jetzt endlich der ihren nachkommt.« Der Pressesprecher von PSA teilte derweil mit, dass »wir stets an der Seite von La Souterraine gestanden haben und der einzige Kunde sind, der sein Auftragsvolumen bei GM&S gehalten hat«. Renault ließ verkünden, die Aufträge bei GM&S trotz Lieferschwierigkeiten aufrechterhalten zu haben.

Die beiden Gewerkschaften jedenfalls fordern ein Treffen mit PSA und Renault sowie mit dem designierten Präsidenten der französischen Republik, Emmanuel Macron. Wie die konservative Tageszeitung Le Figaro am Freitag berichtete, ruft die CGT landesweit dazu auf, sich am kommenden Dienstag vor der Firmenzentrale in La Souterraine zu versammeln, um für den Erhalt des Werks zu kämpfen.

Macron, dessen Amtseinführung am Sonntag von Protesten begleitet werden wird, hat mehrfach beteuert, dass er auf die Interessen der werktätigen Bevölkerung in Frankreich wenig gibt. Gut möglich, dass ihm und den Unternehmern angesichts von angestrebten Arbeitsmarktreformen nach deutschem Modell solche Beispiele der Unnachgiebigkeit wie das in La Souterraine noch zu schaffen machen werden.

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