Aus: Ausgabe vom 12.05.2017, Seite 7 / Ausland

Zwischen Heckenschützen

Die Syrisch-Demokratischen Kräfte befreien die syrische Stadt Tabka von den Milizen des »Islamischen Staates«

Von Karl Plumba, Tabka
jWAPO (7).jpg
Die US-geführte Anti-IS-Koalition fliegt regelmäßig Luftangriffe gegen die Stellungen der Dschihadisten in Tabka (10.5.2017)

Der Boden bebt unter den Schüssen der Artillerie. Zwar wurde am 10. Mai die Einnahme der syrischen Stadt Tabka bekanntgegeben, doch gibt es noch vereinzelte Gefechte. Denn die Milizen des »Islamischen Staates«, der hier nach seiner arabischen Abkürzung Daesch genannt wird, kontrollieren noch den strategisch wichtigen Staudamm und einige Apartmentblöcke. Wie viele der Dschihadisten sich genau dort verschanzt haben, weiß niemand. Klar ist allerdings, dass sie überall Minen verlegt haben, deren Explosionen regelmäßig zu hören sind. Unterdessen rücken am Boden die kurdischen Volksverteidigungskräfte YPG und ihre Frauenverteidigungskräfte YPJ gemeinsam mit Kämpfern der Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDK) in die Viertel vor.

Die Offensive auf Tabka begann am 21. März mit der Einnahme des Militärflughafens durch die SDK. Am 10. Mai erklärte schließlich SDK-Kommandantin Rojda Felat die Stadt von den Islamisten befreit.

In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai schafften es die IS-Kämpfer ein letztes Mal, den Vormarsch des kurdisch dominierten Bündnisses zu stoppen: Das Ziel der SDK-Einheiten war eine Schule, die Daesch als Kommandozentrale diente. Das Gebäude konnte zwar eingenommen, musste aber wieder aufgegeben werden, weil es vermint war. Für den 9. Mai war ein erneuter Angriff geplant. Diesmal sollten zuerst der Staudamm und von dort aus der Rest der Stadt unter Kontrolle gebracht werden. Hunderte SDK-Kämpfer standen für den nächtlichen Einsatz bereit, dem Artilleriebeschuss und Bombardements der US-geführten Anti-IS-Koalition vorausgegangen waren.

jWAPO (2).jpg
Islamisten unter Beschuss: Die US-geführte Anti-IS-Koalition fliegt regelmäßig Luftangriffe gegen die Stellungen der Dschihadisten in Tabka (10.5.2017)

Nachdem in kleineren Gefechten und durch Scharfschützen bereits am 8. Mai mehrere Dschihadisten getötet worden waren, wollten die verbliebenen IS-Kämpfer nun jedoch ihren Rückzug verhandeln. Der geplante Großangriff blieb deswegen aus. Statt dessen erklärte sich die Führung der YPG und SDK bereit zu verhandeln. Das Ergebnis: Den Dschihadisten wurde erlaubt, sich mit ihren Familien geordnet aus der Stadt zurückzuziehen. Am Abend um 19 Uhr verließ schließlich ein Konvoi von Dutzenden Fahrzeugen vollbeladen mit bewaffneten IS-Kämpfern und deren Angehörigen die Stadt.

Dennoch sind viele SDK-Kämpfer mit der Entscheidung unzufrieden: »Wir hätten sie nicht abziehen lassen dürfen. Jetzt gehen sie in die nächste Stadt, und wir müssen sie dort wieder bekämpfen«, erklärte der junge SDK-Kämpfer Mustafa gegenüber junge Welt. Die Schlacht um die Stadt war auch für die Einheiten der YPG, YPJ und SDK verlustreich. Erst vor wenigen Tagen kam der türkische Internationalist und Kommunist Ulas Bayraktaroglu bei Gefechten ums Leben.

Die Nachricht vom Ende der Kämpfe verbreitete sich auch unter der Zivilbevölkerung von Tabka. Überall in der Stadt waren die Menschen auf den Straßen, jubelten den SDK-Kämpfern zu und feierten. Erst am nächsten Morgen, als wieder der Kriegslärm zu hören ist, wird klar, dass die Dschihadisten vor ihrem Abzug nicht nur unzählige Minen verlegt haben, sondern auch Heckenschützen in Stellung gegangen sind. In der Nacht nach dem Sieg fielen ihnen mindestens vier Kämpfer zum Opfer, mindestens zehn wurden verletzt. Die Schlacht um die Stadt ist zwar offiziell beendet, bis Tabka von Minen und Heckenschützen befreit sein wird und die Normalität wieder Einzug hält, wird es noch dauern.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland