Aus: Ausgabe vom 05.05.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

»Doch kein Hurra-Geschrei brauste auf«

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Heinz Keßler erinnerte sich in seiner Autobiographie an den Vorabend des Überfalls auf die Sowjetunion. Auszüge aus »Zur Sache und zur Person« (edition ost, Berlin):

Ende Januar 1941 wurden wir von Passau nach Tschenstochau ins besetzte Polen verlegt. Ich hatte schon vorher von widerwärtigen Demütigungen und Gewaltmaßnahmen gegen die Bevölkerung besetzter Länder gehört, dennoch machte diese blamable Massenerscheinung auf offener Straße, die so fatal an das Nazilied »Die Straße frei den braunen Bataillonen!« erinnerte, den krassen Unterschied zwischen Besatzern und Besetzten, zwischen »Herrenmenschen« und »Untermenschen« brutal sichtbar, dass es jeden erschrecken musste. Das Schlimmste schien mir, dass auch die jüngsten Soldaten, selbst die noch nicht voll ausgebildeten Jungen aus Chemnitz und Magdeburg, diese Möglichkeit, Menschen zu demütigen, sofort praktizierten, als hätten sie es immer schon getan. (...)

Ich war erleichtert – fast hätte ich gesagt froh –, als wir im Frühjahr 1941 aus Tschenstochau abgezogen wurden. Wohin wir verlegt werden sollten, war uns lange unklar – wir merkten nur, dass es quer durch das besetzte Polen nach Osten ging. (...)

Am späten Nachmittag des 21. Juni ging Bewegung durch das Zeltlager. So kündigte sich stets ein wichtiges Ereignis an. Man teilte uns mit, dass wir hohen Besuch bekämen. Wir wurden aufgefordert, uns auf einer weiträumigen Lichtung in einem großen Kreis niederzulassen. Dann tauchte ein ranghoher Offizier auf, ein hochgewachsener, kräftiger Mann um die fünfzig, gutgenährt und offensichtlich gut gelaunt. Ich hatte ihn noch nie gesehen, ich war überhaupt noch niemals mit einem General zusammengetroffen und sah staunend seine Uniform mit den roten Biesen, den roten Revers und Kragenspiegeln. Mir sagte auch sein Name nichts, als er sich bis zu mir herumgesprochen hatte. Es war unser Divisionskommandeur, Generalleutnant Conrad von Cochenhausen.

Der Herr General gab sich außerordentlich leger und zwanglos, demonstrativ und übertrieben leutselig. Er setzte sich in die Mitte des Kreises und plauderte mit den Soldaten und Offizieren. Ja, er plauderte, fragte den einen oder anderen, woher er stamme, erkundigte sich danach, wie es hier im tiefen Wald mit der Verpflegung und der Hygiene stünde. Er machte scherzhafte Bemerkungen über die Schönheit der Natur und darüber, dass ja nun der Sommer beginne. Alles wirkte unnatürlich, überzogen und belanglos. Plötzlich stellte er, durch keine Floskel vorbereitet, die Frage: »Was meint ihr, wird es Krieg gegen die Sowjetunion geben?«

Sofort war es still im Rund, alle spitzten die Ohren und hielten den Atem an. Der General fragte noch einmal, er wandte sich jetzt an die Nahesitzenden. Ein Teil der Soldaten schwieg auch jetzt noch, einige wenige sagten: »Nein, es wird nicht zum Kriege kommen.« Einige jüngere Offiziere meinten, wenn auch zögernd und unsicher, Krieg sei nicht ausgeschlossen, schließlich seien die Bolschewisten Deutschlands Feinde. Dann stand der General auf und machte einige Schritte zur Mitte des Kreises: »Es wird Krieg geben!«

Doch kein Hurra-Geschrei brauste auf. Allen stockte der Atem. Von Cochenhausen begann zu erklären – nichts ließ er aus. Er sprach vom bolschewistisch-jüdischen Kommunismus, dem Erzfeind des neuen Deutschland. Er erwähnte Hitlers »Mein Kampf«, in dem die Notwendigkeit, den Kommunismus zu vernichten, schon begründet worden sei. Er sprach von den Ländereien, die unbewirtschaftet seien, weil die Slawen an anständige Arbeit nicht gewöhnt und unfähig wären, aus dem Reichtum der Natur etwas zu machen, also alles verkommen ließen. Er sprach von der besonderen Verantwortung der nordischen Rasse, vor allem der Deutschen, die Schätze des Ostens zu bergen. Er erinnerte an die Feldzüge in Polen und Frankreich und in den letzten Monaten gegen Jugoslawien – und davon, wieviel leichter es jetzt sein würde, denn Russland sei ein Koloss auf tönernen Füßen, der beim ersten massiven Anstoß der Wehrmacht zusammenbrechen werde. (...)

Später erst wurde mir bewusst, dass der General mit keinem Wort von einem möglichen Angriff der Sowjetunion auf Deutschland gesprochen hatte, wie es schon in wenigen Stunden Hitler und seine Propaganda behaupten würden – nichts also von einem Präventivschlag, nichts von Abwehr, nichts von Verteidigung. Er schloss: »Weihnachten werden wir in Moskau einziehen, dann ist die ganze Sache erledigt. Zu Neujahr, Soldaten, sind wir wieder zu Hause!«

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