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Literatur

Verdichtete Lakonie

Mit »wurzelland.wo« schlägt der mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete Dichter Henry-Martin Klemt das Buch seiner eigenen Geschichte auf. In seinem achten Gedichtband spannt er auf mehr als 200 Seiten den Bogen vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die Gegenwart, beleuchtet das Schicksal der Eltern und zeichnet die Jahre der Kindheit und Jugend in Schwerin und Berlin lyrisch nach.

Er beschreibt mit zuweilen sarkastischem Humor, was auch er als Epochenbruch empfindet: »Das Labor geschlossen. / Das Experiment zu Akten gelegt. / Auf dem Deckel steht: Glück / -erster / und einziger Versuch (...)« In seiner gleichsam programmatischen »Schweriner Fuge«, einem freirhythmischen Langgedicht, gelingen Klemt wunderbar verdichtete Bilder der Kindheit. Zugleich ist es eine Beschreibung von Herkunft, Verlust und Erkenntnis, der sich der Leser nur schwer entziehen kann. Enorm politisch sind vor allem auch gereimte und »kehr«-gereimte Lieder, die sicherlich einen noch stärkeren Reiz in der Vertonung entfalten.

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Klemts Stärke ist eine Art verdichtende Lakonie, die immer wieder reizvolle Sprachbilder entfaltet und zum mehrmaligen Lesen der Texte einlädt. Das Gedicht »Für Gundermann zum 60.Geburtstag« aus dem Jahre 2015 soll hier exemplarisch stehen: »Ihr meint, ihr habt den Vogel abgeschossen. / Bald könnt ihr euch mit seinen Federn schmücken. / Wie schön er stürzt. Ihr seht es mit Entzücken. / Schlägt auf: Taucht ein. Verdammt, jetzt hat er Flossen (...)« Henry-Martin Klemt stellt seinen Band »wurzelland.wo« am Donnerstag, den 4. Mai, in der Ladengalerie der jungen Welt vor. (jW)

Henry-Martin Klemt: wurzelland.wo. Books on Demand, Norderstedt 2016, 216 Seiten, 15 Euro; Lesung morgen um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie, Torstr. 6, Berlin

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Erschienen in der Ausgabe vom 03.05.2017, Seite 11, Feuilleton

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