Aus: Ausgabe vom 02.05.2017, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Teure Kommerzialisierung

Neue Broschüre: Kliniken auf den Wettbewerb auszurichten hat den Patienten wenig gebracht

Von Johannes Supe
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Seit Jahren kämpfen Gewerkschafter und Beschäftigte gegen die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens - so wie 2012 die Mitarbeiter der der ausgelagerten Service-Gesellschaft der inzwischen vom Helios-Konzern übernommenen Damp-Kliniken in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern)

Das Gesundheitssystem auf Markt und Wettbewerb zu trimmen ist eine schlechte Idee. Wie wäre es also mit etwas Neuem: Nachdem man die Finanzierung der Kliniken auf Fallpauschalen umstellte, explodierten die Kosten. »Getrieben ist die Ausgaben- und Leistungsexplosion nämlich von den besonders profitorientierten Krankenhäusern in privater Trägerschaft. Während bei öffentlichen und freigemeinnützigen Krankenhäusern der durchschnittliche Fallerlös um 17 Prozent stieg, steigerten die privaten Krankenhäuser ihren durchschnittlichen Fallerlös um 30 Prozent.« Oder anders ausgedrückt: Gerade Privatkliniken wissen, wie man mit der Krankheit der Patienten Gewinn macht – zum Schaden der ganzen Gesellschaft.

Die oben zitierte Stelle stammt aus der neu erschienenen Broschüre »Krankenhaus statt Fabrik«. Herausgegeben wurde sie vom gleichnamigen Bündnis, das unter anderem von Gliederungen der Gewerkschaft ver.di, dem Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte und der Organisation ATTAC gebildet wird. Der schmale Band mit 104 Seiten liefert Argumente »gegen die Kommerzialisierung der Krankenhäuser«, wie es bereits im Untertitel heißt.

Beeindruckend ist, dass die Broschüre zwei doch recht unterschiedliche Ansprüche erfüllt: Zunächst kann es als Einführung in die Thematik gelesen werden. So werden etwa die endlosen Abkürzungen des Gesundheitssystems gesammelt und erklärt. Gerade über das komplizierte System der Fallpauschalen – für jede Behandlung eines Patienten erhält das Klinikum einen je nach Krankheit festgelegten Betrag – erfährt der Leser einiges. Zum Beispiel über den CMI, den Case Mix Index: Er gibt die Fallschwere an, die wiederum gemessen wird, um zu berechnen, wie viel Geld den Kliniken für die Behandlung ihrer Patienten zur Verfügung gestellt wird. Je höher der CMI, desto mehr erhält das Haus.

Doch es bleibt nicht bei einfachen Beschreibungen, vielmehr weist der Band eine erstaunliche Detailtiefe auf. Noch mal zum CMI: »Insbesondere private Krankenhäuser haben die Fallschwere überproportional erhöht.« Seit der Einführung der Fallpauschalen 2005 sei der CMI bei Kliniken in freigemeinnütziger oder öffentlicher Hand um zwischen drei bis fünf Prozent gestiegen. Privateinrichtungen hätten ihn aber um etwa 15 Prozent in die Höhe getrieben – und entsprechend abkassiert.

Auch andere Absurditäten des Systems der Fallpauschalen werden ausgeführt. Etwa die, dass Nebendiagnosen zur zuerst beim Patienten erkannten Krankheit wenig profitabel für die Kliniken sind. »Es besteht also der Anreiz, Patientinnen und Patienten zunächst zu entlassen und mit zeitlichem Abstand erneut aufzunehmen, damit eine Behandlung in einer anderen Abteilung optimal abgerechnet werden kann«, heißt es in der Broschüre.

Die Autoren plädieren eindringlich dafür, die Finanzierung der Kliniken über Fallpauschalen zu beenden. Lediglich Privathäuser würden derzeit von ihr profitieren, das Wohl der Patien­ten und die Stabilität des gesamten Gesundheitssystems gerate hingegen in Gefahr. Besser sei es, den Kliniken wieder ihren tatsächlichen Aufwand zu erstatten und das Einstreichen von Gewinnen zu verbieten.

Die Broschüre im Internet: Krankenhaus-statt-Fabrik.de

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