Aus: Ausgabe vom 26.04.2017, Seite 1 / Titel

Erdogans nächster Krieg

Dutzende Tote durch türkische Luftangriffe im Irak und in Nordsyrien. Ankara zieht Truppen an der Grenze zusammen

Von Peter Schaber, Kamischli
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Zerstörtes Pressezentrum: In Karacok zerstörte die türkische Luftwaffe einen kurdischen Radiosender (25.4.2017)

Türkische Kampfflugzeuge haben in der Nacht zum Dienstag Gebiete im Nordirak und in ­Syrien angegriffen. Die Attacke, die ersten Meldungen zufolge Dutzende Todesopfer forderte, richtete sich gegen Hochburgen der kurdischen Befreiungsbewegung. Erstmals beschränkten sich die Bombardements nicht auf die Gebirge in der türkisch-irakischen Grenzregion, in denen Ankara die Führung der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vermutet. Der Einsatz erstreckte sich auf syrisches und irakisches Territorium: Im Norden Syriens wurden eine Zentrale der kurdischen Volksverteidigungskräfte YPG sowie die Sendestation des Radiokanals Denge Rojava zerstört.

Gab es in den vergangenen Monaten des öfteren bewaffnete Provokationen gegen die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien, so hat der jüngste Angriff eine neue Qualität. Auch weil die türkische Luftwaffe zeitgleich im Irak die Siedlungsgebiete der Jesiden im Sindschar attackierte. Dort wurde ebenfalls ein Radiosender zerstört, mehrere Wohngebiete wurden bombardiert. Zudem wurde ein Stützpunkt der eigentlich mit Ankara verbündeten KDP-Peschmerga getroffen, fünf Kämpfer starben.

Im Sindschar, jener Region, in der 2014 der »Islamische Staat« (IS) Tausende Jesidinnen und Jesiden ermordete und verschleppte, hat der Angriff der Türkei eine besondere Bedeutung. Man werde sich genau wie damals gegen den IS nun gegen Recep Tayyip Erdogan wehren, kommentierte gegenüber junge Welt Zerdest Sengali, Kommandeur der jesidischen Selbstverteidigungsmilizen YBS. »Wir haben die Stärke dazu, und jeder wird das sehen können.«

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Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG vor ihren angegriffenen Stützpunkt in Karacok (25.4.2017)

Auch in Rojava wertete man die türkischen Luftangriffe als Unterstützung des IS. »Türkei und Daesch, Erdogan und Al-Baghdadi, das ist ein und dasselbe«, erklärte ein YPG-Kämpfer in den Trümmern der früheren Militärstation bei Karacok gegenüber jW. »Genau wenn wir vor Rakka stehen, der Hauptstadt des IS, greift die Türkei uns an.«

Die Luftangriffe dürften den Auftakt einer neuen Offensive Ankaras bilden. Erdogan kündigt seit Wochen an, Nordsyrien und Irak von kurdischen Kämpfern »säubern« zu wollen. Am Dienstag wurden an der Grenze zum nordsyrischen Afrin Bodentruppen zusammengezogen, Wege und Pontonbrücken für einen Einmarsch werden aufgebaut. Ähnlich ist die Lage an der türkisch-irakischen Grenze: Seit Tagen kommt es zu schweren Gefechten zwischen der türkischen Armee und Kämpfern der PKK.

International blieben Reaktionen auf den Angriff bis zu jW-Redaktionsschluss aus. Die Vermutung liegt nahe, dass zumindest die USA vorab über die Bombardements informiert wurden. »Das internationale Schweigen hat die Türkei ermutigt, mit derartigen Brüchen des internationalen Rechts fortzufahren. Wenn das Schweigen anhält, wird die Türkei weitermachen. Sollte das eintreffen, werden wir neu über unsere Operation in Rakka nachdenken«, drohte Ilham Ehmed, Vorsitzender des Demokratischen Rates Syrien, gegenüber dem Fernsehsender Ronahi TV.

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Für Freiheit und Frieden Kurdistans Kampf um Selbstbestimmung

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