Aus: Ausgabe vom 25.04.2017, Seite 8 / Inland

»Homosexuelle Frauen sind bis heute quasi ›unsichtbar‹«

Initiative fordert Erinnerung an verfolgte Lesben in Gedenkstätte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück. Ein Gespräch mit Susanne Kuntz

Interview: Gitta Düperthal
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Anlässlich des 72. Jahrestages der Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück gibt es eine Debatte zur Erinnerungskultur verfolgter und ermordeter lesbischer Frauen und Mädchen. Wieso steht es in Frage, ob es ein Denkmal für diese Gruppe von Opfern des deutschen Faschismus zwischen 1933 und 1945 in der dortigen Gedenkstätte geben darf?

Die Auseinandersetzung darum gibt es schon seit etwa 30 Jahren. Denn Fakt ist: Deutsche und österreichische lesbische Frauen wurden damals zunächst aus anderen Gründen verhaftet und ins Konzentrationslager deportiert – etwa aus politischen oder weil sie jüdisch waren. Von daher wird auch heute mitunter noch so getan, als existierte diese Opfergruppe gar nicht. Intensive Forschung hat aber verdeutlicht, tatsächlich wurden viele auch als Lesben ausgegrenzt, stigmatisiert oder ermordet. 2013 hatten wir erstmals beantragt, Frauen, die wegen gleichgeschlechtlicher Liebe verfolgt wurden, in Ravensbrück einen Gedenkstein zu setzen. Die Ablehnung lesbischen Lebens in der Nazizeit hat weitreichende Folgen – homosexuelle Frauen sind bis heute quasi »unsichtbar«. Ihre Verfolgung ist immer noch kein Thema. Das Verschweigen zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.

Hat sich daran nach dem Symposium, das die »Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten« am Donnerstag und Freitag zum Thema schwul-lesbische Erinnerungskulturen veranstaltete, etwas geändert?

Nicht wirklich. Zwar hatten namhafte Wissenschaftlerinnen dort ihre Forschungsresultate vorgetragen, die Verantwortlichen der Gedenkstätte wollen aber erst am 5. Mai entscheiden, ob unser Stein (ohne offizielle Genehmigung installiert, jW) dort bleiben kann. Einer der Bedenkenträger, der Vorsitzende des Beirats der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Lutz Thomas, argumentiert: Eine Opfergruppe lasse sich darüber bestimmen, dass deren Strafverfolgung nach dem Gesetz nachzuvollziehen ist. Bei homosexuellen Männern sei das eindeutig, sie wurden nach Paragraph 175 verfolgt. Wir finden solch ein Abwägen falsch.

Wie war denn die Rechtslage?

Im damals annektierten Österreich wurden lesbische Handlungen strafrechtlich verfolgt. In Deutschland wurden schon 1933 Treffpunkte, Zeitschriften, Bücher für lesbische Frauen von den Nazis verboten und zerstört.

Was hat damals ganz konkret zur Verhaftung geführt?

Die Wissenschaftlerin Claudia Schoppmann konnte Biographien von Frauen rekonstruieren, die verfolgt wurden, weil ihre Liebe oder ihr Begehren dem eigenen Geschlecht galt – oder es ihnen nachgesagt wurde. Einige waren im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück inhaftiert: Elli Smula, geboren 1914, wurde durch ihren Arbeitgeber, die Berliner Verkehrsbetriebe, angezeigt. Am 12. September 1940 hat die Gestapo sie verhaftet und verhört und am 30. November dorthin deportiert. Der Vorwurf: Sie habe angeblich mit ihren Kolleginnen auf nächtlichen Partys Sex gehabt. Als Haftgrund war »politisch« vermerkt, mit dem Zusatz »lesbisch«. Am 8. Juli 1943 starb sie in Ravensbrück. Ein weiterer Fall: Die Österreicherin Marie Glawitsch, 1920 in Graz geboren, wurde im September 1939 wegen Diebstahls und nach Paragraph 129 zu sechs Monaten Haft verurteilt. Danach wurden laut dem dortigen Strafgesetz gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen bestraft; im damaligen Juristendeutsch »Unzucht mit einer Person desselben Geschlechts«. Weitere Haftstrafen wegen Diebstahls folgten. Am 31. Oktober 1942 kam sie ins KZ Ravensbrück, gekennzeichnet als sogenannte Berufsverbrecherin. Sie starb 1966.

Meist gab das damalige Unrechtsregime also mehrere Haftgründe an. Macht das Ihre Argumentation so schwierig?

In jedem Fall müssen lesbische Frauen in das Gedenken aufgenommen werden, selbst wenn Indizien nicht eindeutig sind, weil etwa Unterlagen vernichtet wurden. Auch wenn nicht mehr zu klären sein wird, wie viele dort ermordet wurden oder sich unter politisch oder rassisch verfolgten Häftlingsgruppen befanden, möglicherweise auch als »asozial«, »kriminell« oder »verrückt« diskreditiert.

Susanne Kuntz ist in der »Initiative autonome feministische Frauen und Lesben aus Deutschland und Österreich« aktiv

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