Aus: Ausgabe vom 25.04.2017, Seite 7 / Ausland

Revolution von rechts

Emmanuel Macron wird vermutlich der nächste Präsident Frankreichs werden. Das lässt nichts Gutes erwarten

Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Emmanuel Macron feiert am Sonntag in Paris seinen Wahlsieg. Nach der zweiten Runde am 7. Mai dürfte er französischer Präsident werden

Der Mann hat ein Buch geschrieben: »Revolution«. Ein dünnes Werk ohne viel Gehalt, aber mit scharfem Titel. Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron, 39 Jahre jung, ist seit Sonntag absoluter Favorit für die Stichwahl um die französische Präsidentschaft am 7. Mai und vermutlich der neue Staatschef. Ein Umstürzler?

Sein Mentor, der ihn in die Politik geholt hat und im August 2015 zum Finanzminister machte, ist der scheidende Präsident François Hollande. Als Wahlkämpfer hatte er 2012 auch scharf angefangen. In einer berühmten Rede im Pariser Banlieue-Bezirk Bourget hatte er erklärt: »Unser Feind ist das Finanzwesen.« Das saß, die linke Wählerschaft liebte diesen Hollande, der offenbar gegen die Macht des Geldes antreten wollte.

Macron saß zu diesem Zeitpunkt noch auf einem Chefsessel der Investmentbank Rothschild und schmiedete Firmenfusionen im großen Stil. Seine ersten Millionen machte er mit dem Zusammenschluss der Multis Nestlé und Pfizer. Die Pariser Historikerin und Revolutionsexpertin Sophie Wahnich beschrieb ihn gegenüber junge Welt mit den Worten: »Dieser Typ, der an den Schalthebeln der französischen Finanzen saß, entwickelt eine härtere Variante des Modells ›Republikanische Front‹: Nicht rechts, nicht links, nicht Zentrum, sondern nur das jeweils ›Beste von jedem‹. Aber mit dieser Verleugnung der politischen Unterschiede im Namen des Liberalismus wird klar, dass die ›Revolution‹, auf die seine Nasenspitze zeigt, ziemlich national ist.«

Bei der vom PS organisierten Vorwahl hatte der Parteilinke Benoît Hamon im Januar den Favoriten, den bis Dezember 2016 amtierenden Premier Manuel Valls, besiegt. Der wanderte daraufhin ab und nahm die gesamte Parteirechte mit zu Macron, der bereits seine eigene Organisation aufgemacht hatte. Am Ende blieb der brave Parteisoldat Hamon nur noch auf seinem Posten, um einen Sieg Jean-Luc Mélenchons zu verhindern, des ehemaligen Trotzkisten, Sozialisten und gegenwärtigen Wortführers des Parti de Gauche und der Kommunisten. Hamons magere sechs Prozent im ersten Wahldurchgang reichten, um Mélenchon zu verhindern – und halfen Macron. Ein für die Sozialisten beschämendes Werk, das den Unternehmern gefällt und den Lohnabhängigen noch schwer zu schaffen machen wird.

Das ›weder links noch rechts«, mit dem Macron seine Bewegung »En Mar che!« gerne beschreibt, sei in einem Land wie Frankreich niemals unverfänglich, betont Wahnich. Es sei vielmehr »das Machtwort junger Leute, mit denen es ein schlechtes Ende nehmen wird – in einer Kollaboration mit der Nationalen Revolution, dem anderen Namen des nazitreuen Regimes von Vichy«. Und wenn einer noch dazu erkläre, dass der Mann (er selbst also) mehr zähle als das Programm, müsse man sich Sorgen machen. Es sei ein Fehler, wenn der PS diesen Kandidaten nun im Namen des antifaschistischen Kampfes unterstütze, warnt die Historikerin. Man könnte meinen, so Wahnich, »dass die Fäden, die Macron und Marine Le Pen in den Händen halten, von ein und demselben Spinnrad stammen«.

Macron, den Hollande erst in seine Regierung geholt und dann auch im rechten Flügel des Parti Socialiste (PS) aufgebaut hatte, sei ein Produkt dieser Administration und des PS. »Revolutionär« sei er wirklich, »aber sehr weit entfernt von allen Bezugspunkten einer emanzipatorischen Umwälzung«. Seine »Revolution« trage den Namen »Deregulierung«. Hollandes Spruch vom Feind Finanzwesen drehte er locker um. »Das Finanzwesen ist unser Freund«, sagt man jetzt.

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