Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

»Selbstverteidigung muss anerkannt werden«

Das Jesidengebiet im Sindschar soll eine autonome Region des Irak werden. Ein Gespräch mit Serzad Samo

Interview: Peter Schaber
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Diese Jesidin wurde vom »Islamischen Staat« verschleppt, konnte jedoch fliehen (November 2016 in Duhok)

Die PADE ist eine sehr junge Partei. Wann wurde sie gegründet, und welche Ziele verfolgen Sie?

Die Partei wurde im Juni 2016 gegründet. Sie ist aus einer politischen Bewegung hervorgegangen, die Tev-Der hieß. Über 600 Delegierte kamen zum Gründungskongress zusammen, aus dem Sindschar, aus dem nordsyrischen Rojava, auch aus der Kurdischen Autonomieregion im Nordirak. Die Gründung fand im rechtlichen Rahmen des Irak statt, wir sind offiziell als Partei eingetragen.

Wir gründeten die Partei, weil es eine institutionelle Vertretung der Jesiden brauchte. Hier gab es eine Leerstelle. Es brauchte eine Kraft, die den politischen Willen der jesidischen Gesellschaft verkörpert. Wir wollen die gesellschaftlichen Bedürfnisse der Menschen hier nach innen und nach außen artikulieren. Gerade nach dem Genozid durch Daesh, die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat«, ist klar geworden, dass das Zentrum des Jesidentums Sindschar ist. Deshalb ist es nötig, der Bevölkerung hier eine politische Stimme zu geben. Militärische Selbstverteidigung auf der einen und politische auf der anderen Seite müssen einander ergänzen. Das versuchen wir zu leisten.

Die PADE will die Jesiden nicht nur im Sindschar organisieren, sondern auch in anderen Gebieten. Können Sie etwa in den Flüchtlingscamps in Dohuk frei arbeiten?

Im Irak sind wir offiziell eingetragen. Die Zentralregierung macht zwar nicht viele Schritte auf uns zu, aber sie behindert uns auch nicht. In den meisten Gebieten gibt es keine Probleme. Die Ausnahme bilden jene Gebiete, in denen die KDP Masud Barsanis Einfluss hat. Dort macht man uns Probleme, uns werden viele Hindernisse in den Weg gelegt. Viele unserer Mitglieder werden verhaftet.

In der Kurdischen Autonomieregion, in der Barsani regiert, sind wir nicht als Partei anerkannt. Sie haben uns ja schon während des Angriffs an Daesh ausgeliefert und uns verraten. Heute versuchen sie, den Einfluss auf die Jesidengebiete, den sie vor dem IS-Angriff hatten, wiederherzustellen.

Vor zwei Jahren kam Barsani in den Sindschar, hisste auf dem Berg seine Fahne und sagte: »Wir akzeptieren hier keine Fahne außer unserer.« Und das, obwohl sie hier wirklich nichts zu suchen haben. Der Sindschar ist kein Gebiet, das in irgendeiner Art und Weise mit der politischen Tradition Barsanis zu tun hat.

Wie wollen Sie sich gegen diese Angriffe wehren?

Um uns gegen diesen Zugriff Barsanis zu schützen, arbeiten wir daran, offiziell anerkannter autonomer Bestandteil des Irak zu werden. Dann könnten wir grundlegende Rechte auch juristisch durchsetzen und diese Begehrlichkeiten Barsanis abwehren.

Gibt es schon Signale der irakischen Zentralregierung, dass sie dieses Projekt einer Autonomieregion im Sindschar anerkennen würde?

Natürlich gibt es Gespräche und Verhandlungen. Naheliegend wäre zum Beispiel zunächst ökonomische Unterstützung aus Bagdad, das wäre schließlich die Aufgabe eines Zentralstaats.

Vertreter unserer Partei sind auch in Bagdad und arbeiten im Austausch mit der dortigen Regierung. Das Ziel ist, einen autonomen Status für unser Gebiet zu erreichen. Die Realität ist ja auch, dass niemand den Sindschar gegen Daesh verteidigt hat. Auch der Irak hat sich nicht zum Sindschar bekannt. Wir haben jetzt eine eigene militärische Kraft, die YBS und die Fraueneinheiten YJS. Diese Kraft akzeptieren wir als legitime Form unserer Verteidigung. Und dieses Recht auf Selbstverteidigung muss anerkannt werden. Die Sicherung der eigenen Existenz ist ein Menschenrecht, und über die Anerkennung dieses Rechts auch durch Bagdad verhandeln wir gerade. Das ist auch deshalb wichtig, weil in der Geschichte des Irak alle möglichen Minderheiten immer wieder Opfer von Massakern geworden sind.

Serzad Samo ist Sprecher der Partiya Azadi u Demokrasiya Ezidiyan (PADE, Jesidische Partei für Freiheit und Demokratie) in der Stadt Khanasor. Die PADE beansprucht, die Bevölkerungsgruppe der Jesiden im Irak und im Exil zu vertreten.

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