Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Nahaufnahmen aus dem Nahen Osten

In dem Fotografenkollektiv »Activestills« arbeiten Juden und Palästinenser solidarisch zusammen – über Mauern hinweg

Von Dror Dayan (Text) und Activestills (Fotos)
Repression: Israelische Polizisten verhaften einen jungen Palästinenser
Aufmarsch: Zionistische Grenzsoldaten vor dem Niederreißen eines Beduinenhauses in der Negev-Wüste (Al-Arakib, 12.9.2010)
Zerstörung: Eine palästinensische Familie vor den Trümmern ihres Hauses in Gaza (21.9.2014)
Kriegsopfer: Ein verletztes Kind wartet in Gaza-Stadt auf die Behandlung (30.7.2014)
Protest: Zionistische Faschisten attackieren in Tel Aviv eine Friedensdemonstration (17.7.2014)
Landnahme: Siedler werden von Soldaten nahe dem Dorf Burin bei Nablus beschützt (3.10.2015)
Provokation: Zionistische Siedler haben in Hebron ein Transparent mit der Aufschrift »Palästina hat nie bestanden (und wird es niemals)« aufgehängt
Kollektiv: Die Mitglieder von »Activstills« wollen der Bewegung gegen die Besatzung ein Auge sein

Seit mehr als einem Jahrzehnt dokumentiert das zwölfköpfige Fotografenkollektiv »Activestills« den Widerstand gegen die zionistische Besatzung und andere Aktionen sozialer Bewegungen in Israel und Palästina. »Nicht kommerzielle Interessen, sondern die politische Überzeugung verbindet uns«, sagt Ahmad Al-Bas über die Motivation der Mitglieder, die u. a. aus Tel Aviv, Gaza, dem besetzen Westjordanland und Europa stammen. Dass manche von ihnen einander noch nie begegnet sind, ist der zionistischen Trennungspolitik geschuldet – die palästinensischen Kollegen dürfen nicht nach Israel kommen.

Der harte Kern der Gruppe, drei Israelis und ein Argentinier, lernte sich 2005 in dem palästinensischen Dorf Bil’in kennen, bei Demonstrationen gegen die Errichtung der völkerrechtswidrigen Apartheidmauer. Aus dem Bedürfnis heraus, den Protest dagegen in die israelische Öffentlichkeit zu tragen, organisierten sie eine Ausstellung ihrer Bilder in den Straßen Tel Avivs. Zwar wurden die Fotos schnell wieder abgerissen, aber das Kollektiv arbeitete weiter, vergrößerte sich und dient heute als eine der wichtigsten Quellen für unabhängige Berichterstattung aus der Region.

Zu den Leitlinien des Kollektivs gehört, die Aktivisten vor Ort solidarisch zu unterstützen. Die Fotos aus Bil’in und anderen Dörfern verwendet die palästinensische Bevölkerung auf Demonstrationen und für Gerichtsprozesse gegen die Mauer. Als die Polizei Anfang des Jahres im Dorf Umm Al-Khiran im Süden Israels den arabischen Lehrer Jakub Abu Al-Kijan erschoss, konnte durch Material von »Activestills« bewiesen werden, dass es sich nicht um Notwehr, sondern um Totschlag gehandelt hat. »Man schlägt uns, man schießt auf uns, und wenn wir auf unserem Recht auf freie Berichterstattung beharren, können wir verhaftet werden«, beschreibt Al-Bas die alltägliche Gefahr, der die Fotografen ausgesetzt sind, und erklärt, warum trotzdem niemand von ihnen ans Aufgeben denkt: »Durch ›Activestills‹ sprechen jüdische, palästinensische und internationale Aktivisten mit einer Stimme und übermitteln gemeinsam eine klare Botschaft.«

Anlässlich der Neuerscheinung des Bildbandes »Activestills. Photography as Protest in Palestine/Israel« hat die Zeitschrift Melodie und Rhythmus in ihrer aktuellen Ausgabe eine ausführliche Fotoreportage und ein Interview mit zwei Aktivisten des Kollektivs veröffentlicht.

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