Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Mundwinkel hoch

Von Arnold Schölzel

Sieben Seiten widmete Die Zeit der Präsidentenwahl in Frankreich. Das Resultat ist bescheiden. In keinem der Beiträge ist z. B. von bewaffneter französischer Außenpolitik die Rede. Dabei waren die in Paris Regierenden bei der Beseitigung unliebsamer Regierungen und der Zertrümmerung von Staaten seit dem Zerfall der Sowjetunion besonders fix und stets vorn dabei. Nicolas Sarkozy (»Der afrikanische Bauer bleibt regungslos in einer unveränderlichen Ordnung, nie geht er auf die Zukunft zu. Nie kommt er auf die Idee, aus der Wiederholung auszutreten, um sich ein Schicksal zu erfinden. In dieser Vorstellungswelt, in der alles stets aufs Neue beginnt, ist kein Platz für das menschliche Abenteuer und auch nicht für die Idee des Fortschritts«, Rede in Dakar, Senegal, am 26. Juli 2007) stiftete 2011 mit einem kleinen Krieg in Côte d’Ivoire einem alten Freund ein Präsidentenamt und befreundeten Milliardären schöne Staatsaufträge. Er startete zugleich den Mordfeldzug gegen Muammar Al-Ghadaffi, dem er 50 Millionen Euro Wahlkampfhilfe schuldete. Im Ergebnis dessen sitzen u. a. heute 850 Bundeswehr-Soldaten in einem Camp in Mali. Die deutsch-französische Kooperation beim Staatsterrorismus funktioniert. Der aktuelle Spiegel berichtete, ein Al-Qaida-Häuptling der Region habe angekündigt, Mali sei ausreichend zerrüttet, nun konzentriere er sich auf Burkina Faso. Oder: François Hollande ließ französische Bomber Anfang September 2013 startklar machen. Sie sollten Syrien nach dem angeblichen Giftgasangriff der Armee in einem Vorort von Damaskus attackieren. Die Liste lässt sich verlängern.

Na und? Im Zeit–Feuilleton schildern »20 deutsche Intellektuelle und Schriftsteller, was ihnen vor den Frankreich-Wahlen Sorge bereitet«. Von Kriegsabenteuern und rassistischer Ideologie redet keiner – weder Jürgen Habermas noch Martin Walser. Beide sind wie die meisten anderen, die hier zu Wort kommen, Fans des französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron, der »Schaufensterpuppe der Finanzwirtschaft«, wie ihn Wolfgang Streeck, die große Ausnahme unter den 20, tituliert. Die Texte sind entsprechend belanglos und sagen über ihre Verfasser etwas aus – eine Art Urlaubsdiashow à la 70er Jahre: »Und hier stehen wir im Regen«. Eine politische Gemeinsamkeit allerdings gibt es. Der linke Kandidat Jean-Luc Mélenchon ist eine Hassfigur. Der ranzige Antikommunismus der alten Bundesrepublik feiert selbst bei solcher Gelegenheit Auferstehung. Etwa wenn die plappernde Thea Dorn die intellektuellen, anfänglich links drapierten Wegbereiter der neofaschistischen Bewegung in Frankreich wie André Glucksmann oder Alain Finkielkraut wegen Kritik am »linken Hang zur Schönfärberei des roten Totalitarismus, zu Kulturrelativismus und europäischer Selbstbezichtung« feiert und das »Denken jenseits des Allgemeinschicklichen« preist. Anders sagen es Frauke Petry oder Marine Le Pen in ihrer Sehnsucht nach dem Totalitarismus, den ihnen die Diktatur der Finanzindustrie nicht ausreichend liefert, auch nicht. Diese Diktatur kann einer wie Macron einfach glamouröser repräsentieren. So scheint es kein Zufall, dass die Jüngste unter den 20, die Berliner Schriftstellerin Nora Bossong (35), Le Pen zum alten Eisen zählt. Die setze auf den überforderten Zentralstaat Frankreichs, auf den »Zentralstaatmythos«. Frau Bossong sieht dagegen in Macron »eine neue, nicht nationalstaatlich fixierte Alternative«, deren Sieg »weit über die französische Präsidentschaftswahl hinausstrahlen« könnte. Die Dame hat recht. Es fehlt entschieden, weit über Frankreich hinaus, an Begeisterung für die Herrschaft der Milliardäre, der Hedgefonds und der Banken. Macron ist eine echte Chance für Politik mit endlich wieder hochgezogenen Mundwinkeln.

Es fehlt entschieden, weit über Frankreich hinaus, an Begeisterung für die Herrschaft der Milliardäre, der Hedgefonds und der Banken. Macron ist eine echte Chance für Politik mit endlich wieder hochgezogenen Mundwinkeln.

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