Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

In Russland fiel der erste Schuss

Die »Spartakusbriefe« im April 1917: Die russische Februarrevolution war nur der Anfang

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»Dringendste Losung, die mit allen anderen unablösbar verknüpft ist: Ende dem imperialistischen Kriege!«: Ostermarsch-Demonstranten am 17. April in Hamburg

Der Krieg hat um einige Jahre hinausgeschoben, er konnte nicht verhindern, was bereits vor seinem Ausbruch vernehmbar heranrückte: das Wiederaufflammen der Revolution. Das russische Proletariat, das schon seit 1911 die bleierne Last der konterrevolutionären Periode überwunden und von Jahr zu Jahr in steigendem Maße in wirtschaftlichen und politischen Massenstreiks und Demonstrationen die revolutionäre Fahne von 1905 wieder aufgegriffen hatte, das russische Proletariat ließ sich nur zweieinhalb Jahre lang durch den imperialistischen Krieg desorganisieren, durch die Säbeldiktatur knebeln, durch den Nationalismus beirren. Es ist wieder aufgestanden, um das Joch des Absolutismus abzuschütteln, und hat die russische Bourgeoisie gezwungen, augenblicklich vorwärtszumarschieren.

Wenn heute die Revolution in Russland so rasch in wenigen Tagen gesiegt hat, so ist es einzig und allein deshalb, weil sie eben in ihrem historischen Wesen nur die Fortsetzung der großen Revolution von 1905 bis 1907 ist. Die Konterrevolution vermochte sie nur für eine kurze Zeitspanne niederzustampfen, aber das ungelöste Werk der Revolution heischte gebieterisch seine Lösung, und die unerschöpfliche Klassenenergie des russischen Proletariats loderte denn auch jetzt unter den schwierigsten Verhältnissen auf. Es waren die frischen Erinnerungen an die Jahre 1905–6, an die teilweise schrankenlose politische Herrschaft des Proletariats in Russland, an seine kühnen Vorstöße, an sein extremes revolutionäres Programm, was heute der russischen Bourgeoisie so wunderbar rasch den Entschluss eingab, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Es war die Angst vor der ungehemmten Entfaltung der Volksrevolution, wie sie der bürgerlichen Klassenherrschaft in den Jahren 1905–7 ihr Medusenhaupt gezeigt hatte, was die Rodsjankos (Michail Rodsjanko, 1859–1924, Großgrundbesitzer und Politiker, jW), Miljukows (Pawel Miljukow, 1859–1943, Historiker, bis Mai 1917 Außenminister der Provisorischen Regierung, jW) und Gutschkows (Alexander Gutschkow, 1862–1936, Industrieller, Kriegsminister der Provisorischen Regierung bis Mai 1917, jW) sofort bewog, sich auf die Seite der Revolution zu stellen und ihrerseits ein entschlossenes liberales Programm zu vertreten. Es ist dies ein Versuch des vor zehn Jahren gewitzigten besitzenden Bürgertums Russlands, sich der Volksbewegung zu bemächtigen, ihre politischen Aufgaben in bürgerlich-liberalen Formen auszuführen, um ihre extrem demokratischen sowie sozialen Tendenzen auszuschalten. (...)

Die Revolution hat so heute im ersten Anlauf über den bürokratischen Absolutismus gesiegt. Aber dieser Sieg ist nicht das Ende, sondern nur ein schwacher Anfang. (...) Vor allem ergibt sich aber für das sozialistische Proletariat in Russland als die dringendste Losung, die mit allen anderen unablösbar verknüpft ist: Ende dem imperialistischen Kriege!

Hier verwandelt sich das Programm des russischen revolutionären Proletariats in den schärfsten Gegensatz zur russischen imperialistischen Bourgeoisie (...). Die Aktion für den Frieden kann eben in Russland wie anderwärts nur in einer Form entfaltet werden: als revolutionärer Klassenkampf gegen die eigene Bourgeoisie, als Kampf um die politische Macht im Staate. (...)

Solange in allen kriegführenden Ländern Kirchhofsstille und Kadavergehorsam herrschen, ist das Versagen des Proletariats eine internationale solidarische Schuld, ein gemeinsames Weltunglück (...). Sobald jedoch in Russland das Proletariat den »Burgfrieden« durch offene Revolution aufgesagt hat, fällt ihm das deutsche Proletariat, indem es die Kriegsaktion ruhig weiter unterstützt, nunmehr direkt in den Rücken. Jetzt wirken die im Osten fechtenden Truppen nicht mehr gegen den »Zarismus«, sondern gegen die Revolution. Und sobald das russische Proletariat bei sich zu Hause den Kampf für den Frieden aufrollt – dies ist sicher bereits begonnen und wird mit jedem Tage mehr der Fall sein –, verwandelt sich das Verharren des deutschen Proletariats in der Haltung eines gehorsamen Kanonenfutters in offenen Verrat an den russischen Brüdern.

»In Russland fiel der erste Schuss.« (Nach einem deutschen Soldatenlied aus dem Krieg von 1815 gegen Napoleon: »In Waterloo, da fiel der erste Schuss«. Ferdinand Freiligrath schrieb am 25. Februar 1848, einen Tag nach der Revolution in Paris, mit Bezug auf den Schweizer Sonderbundskrieg von 1847 das Gedicht »Im Hochland fiel der erste Schuss«. Nach dem Hamburger Aufstand von 1923 entstand das »Jung-Spartakus-Lied«: »In Hamburg fiel der erste Schuss«. jW) Russland befreit sich selbst. Wer wird Deutschland von Säbeldiktatur, ostelbischer Reaktion und imperialistischem Völkermord befreien?

Spartacus Nr. 4 vom April 1917. Hier zitiert nach: Spartakusbriefe. Dietz Verlag, Berlin 1958, Seiten 302–305

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