Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 15 / Geschichte

Alle unter einem Dach

Die Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes in der britischen Besatzungszone vor siebzig Jahren

Von Volker Hermsdorf
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Mitbestimmung und Vergesellschaftung waren die zentralen gewerkschaftlichen Forderungen nach 1945 – Kundgebung am 1. Mai 1946 im nordrhein-westfälischen Essen

Vor 70 Jahren schlossen sich 14 selbstständige Industriegewerkschaften in Bielefeld zum Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in der britischen Besatzungszone zusammen. Auf dem vom 22. bis zum 25. April 1947 dauernden Gründungskongress wählten die Delegierten den sozialdemokratischen Politiker Hans Böckler zum Vorsitzenden. Zweieinhalb Jahre lang existierte der DGB vorerst nur in der britischen Zone. Einen Monat nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland fand im Oktober 1949 in München ein weiterer Kongress statt, der als offizieller Geburtstermin des heutigen DGB gilt. Hans Böckler blieb dessen Vorsitzender bis zu seinem Tod im Februar 1951.

Die Idee der Einheitsgewerkschaft hat in der deutschen Arbeiterbewegung eine lange Tradition. Nach der Befreiung vom Faschismus nahmen Gewerkschafter aller politischen Richtungen ihre Verwirklichung in Angriff. Im Osten begann der Aufbau neuer Organisationen der Beschäftigten einen Monat nach Kriegsende. Mit dem Befehl Nr. 2 gewährte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland am 10. Juni 1945 »das Recht zur Vereinigung in Gewerkschaften«. Sieben Monate später fand vom 9. bis zum 12. Februar 1946 – also knapp vier Jahre vor Gründung der Deutschen Demokratischen Republik – der 1. Kongress des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) in Berlin statt.

Einheit statt Spaltung

Im Westen dauerte der Aufbau einheitlicher gewerkschaftlicher Organisationen länger. Ihre Gründung wurde in der britischen Zone erst im August 1945 erlaubt. Die Verzögerung lag vor allem an den unterschiedlichen Interessen der westlichen Alliierten. Eine Bekanntmachung des US-Generals Dwight D. Eisenhower vom 22. Dezember 1944 gibt Aufschluss über die Vorstellungen Washingtons. Vertretungen der Beschäftigten sollten nur dann zugelassen werden, »wenn sie nicht politische Tendenzen haben oder annehmen«. Großbritannien und Frankreich hatten teilweise andere Vorstellungen, ordneten sich aber der vorherrschenden Besatzungsmacht unter. Einig waren sich die drei westlichen Alliierten von Anfang an darin, nur lokale Organisationen zu erlauben.

Die Arbeiter dagegen konnten es kaum abwarten, sich endlich zu organisieren. In den Industriebetrieben gründeten sie Vertretungen, die sich »Betriebsausschuss«, »Arbeiter- und Angestelltenrat« oder auch schon »Betriebsräte« nannten. Allein in der britischen Zone wurden bis März 1946 rund 400 Anträge auf die Zulassung von Gewerkschaften gestellt. Bei deren Konstituierung wurde darauf geachtet, dass unterschiedliche politische Strömungen, also Sozialdemokraten, Kommunisten wie auch Christdemokraten, repräsentiert waren. Nicht Konfrontation und Spaltung, sondern das Verbindende sollte den Neuanfang prägen. Ziel war die Schaffung einer Einheitsgewerkschaft. Zu deren Befürwortern gehörte auch Hans Böckler. »Ein zweites Mal soll den deutschen Arbeitern nicht passieren, was in der Weimarer Zeit geschehen ist, dass sie trotz ihres ehrlichen Strebens letzten Endes doch wieder die Betrogenen sind«, erklärte er im März 1946.

Die Gewerkschaften traten nach 1945 auch im Westen für eine gesellschaftliche Neuordnung ein. Sie forderten die Entnazifizierung von Staat und Wirtschaft, die Überführung der Schlüsselindustrien in Gemeineigentum, Mitbestimmung und Wirtschaftsplanung. Diese Ziele hatten sich nicht nur KPD und SPD auf ihre Fahnen geschrieben, sie wurden auch von Teilen der CDU vertreten. Deren Ahlener Programm vom Februar 1947 erklärte die »Zeit der unumschränkten Herrschaft des Kapitalismus« für beendet und trat für die »Vergesellschaftung der Grundstoffindustrien« ein. Im Dezember 1946 hatten über eine Million wahlberechtigte Bürger in Hessen für die Aufnahme einer Klausel »über die Verstaatlichung der Bergwerke, Kraftanlagen und der Eisen- und Stahlwerke« in die Landesverfassung gestimmt. Nur 400.000 lehnten das ab. Eine Zeitlang sah es danach aus, als könnten die gewerkschaftlichen Forderungen zur Sozialisierung des Privateigentums in der Wirtschaft realisiert werden. In mehreren Länderverfassungen wurde die Möglichkeit von Enteignungen zugunsten der Allgemeinheit verankert. Doch die westlichen Besatzungsmächte scherten sich wenig um das Votum der Bürger. So setzten die Militärgouverneure der von Großbritannien und den USA gebildeten Bizone ein vom nordrhein-westfälischen Landtag verabschiedetes Gesetz zur Überführung des Bergbaus in Gemeineigentum 1948 wieder außer Kraft.

Den USA waren vor allem die noch weiter gehenden Sozialisierungspläne der Gewerkschaften suspekt. Während die britische Zone im April 1947 mit der DGB-Gründung in Bielefeld zumindest den ersten Zusammenschluss zu einem Dachverband zuließ, unterbanden die US-amerikanischen Besatzer alle derartigen Ansätze. Mit der von US-Präsident Harry S. Truman im März 1947 verkündeten Doktrin zur »Eindämmung des sowjetischen Einflusses« war Deutschland zum Schauplatz des Kalten Krieges geworden. Die wirtschaftliche Seite der Doktrin stellte ebenfalls 1947 der nach dem damaligen US-Außenminister benannte Marshallplan vor. Dazu gehörten Kredite für den Wiederaufbau Europas. Offiziell wurde das Konzept als »Plan gegen Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos« bezeichnet. Paul Gray Hoffmann, der Verwalter des Marshallplans, gab jedoch zu, worum es eigentlich ging: »Den Kapitalismus gegen alle Angriffe hieb- und stichfest zu machen.«

Streitpunkt Marshallplan

In den Gewerkschaften war der Marshallplan heftig umstritten. Auch Hans Böckler räumte ein, dass damit die Sozialisierung verhindert werden sollte. Zugleich hielt er den Gegnern aber entgegen: »Bedenken Sie den Grad unserer schon bestehenden Abhängigkeit Amerika gegenüber.« Am Ende überzeugte er den DGB-Bundesvorstand, dem Marshallplan zuzustimmen. Ein Affront für viele engagierte Gewerkschafter.

Der ursprünglich beschworene und formal weiter proklamierte Einheitsgedanke wurde in der realen Politik bald immer häufiger zur Phrase. Lange vor dem KPD-Verbot im Jahr 1956 zerbrach der von Kommunisten und Sozialdemokraten 1945 begründete Konsens. Bekannte Kommunisten wurden aus gewerkschaftlichen Funktionen entfernt. So führte der am 22. April 1947 in Bielefeld begonnene Prozess im Oktober 1949 mit der Gründung des DGB auf Bundesebene zwar dazu, das Ziel eines einheitlichen Dachverbandes zu erreichen, doch dieser Erfolg forderte auch einen schmerzhaften Tribut, ließen die Gewerkschaften die Restauration des Kapitalismus doch ohne größere Gegenwehr geschehen.

Das deutsche Volk leidet zwei Jahre nach dem Zusammenbruch der Naziherrschaft unter den katastrophalen Folgen, die durch sie verursacht wurden. (…) Das neue Deutschland muss auf einem gesicherten demokratischen Fundament erbaut werden und der Welt Garantien für ein friedliches Zusammenleben mit anderen Völkern bieten. (…) Um diese Voraussetzungen in Deutschland zu schaffen, müssen die ökonomischen Verhältnisse neu geordnet werden. Dazu gehört:

– Aufbau eines Systems geplanter und gelenkter Wirtschaft. Vergesellschaftung der für die Lenkung der Gesamtwirtschaft wichtigen Schlüsselindustrien, Kredit- und Versicherungsinstitute.

– Errichtung eines zentralen deutschen Amtes für Wirtschaftsplanung und -lenkung und Aufbau eines Systems von Organen der wirtschaftlichen Selbstverwaltung. (…)

– Durchführung einer Bodenreform in Verbindung mit der Aufstellung eines einheitlichen Landwirtschaftsplanes, zur restlosen Bebauung und besseren Ausnutzung der landwirtschaftlichen Nutzflächen. (…)

– Durchführung einer einheitlichen Währungsreform (…). Mit der Reform muss ein gerechter Lastenausgleich unter besonderer Berücksichtigung der wirtschaftlich Schwachen sowie eine tiefgreifende progressive Vermögensabgabe verbunden werden (…).

Zur Neugestaltung der Wirtschaft – Entschließung der IV. Interzonenkonferenz der Gewerkschaften vom 6. bis 8. Mai 1947 in Garmisch-Partenkirchen. Zitiert nach: Michael Schneider: Kleine Geschichte der Gewerkschaften, Bonn 1989, S. 454 f.

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