Aus: Ausgabe vom 22.04.2017, Seite 11 / Feuilleton

Sackzement, ich bin dement!

Über eine Goodwillkampagne des Kuratoriums Deutsche Altershilfe et al.

Von Wiglaf Droste
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Wer Gutes tun will und dabei auf die tätige Hilfe anderer angewiesen ist, muss zuerst mal gut auftreten, um optisch wie sprachlich als angenehm empfunden zu werden. Beim Thema Demenz ist das nicht leicht; mit Bildern von inkontinenten Dementen wird man schwerlich Unterstützer finden. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe/Wilhelmine-Lübke-Stiftung e. V. hat gemeinsam mit der Landesinitiative Demenzservice Nordrhein-Westfalen eine Kampagne gestartet, die mit Fotografien von sympathischen alten Leuten für Interesse und Verständnis wirbt. Das Motto der Initiative lautet:

»Mensch.

Auch mit Demenz.«

Der Text dazu ist kurz gehalten:

»Menschen mit Demenz sind Teil unserer Gesellschaft. Sie lachen, weinen, lieben, sind traurig oder verstimmt, mal stark, mal schwach, müde oder hellwach, und gehören in unsere Mitte. Machen auch Sie sich stark für Menschen mit Demenz! www.mensch.nrw

Unterstützt wird die Kampagne vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen und von den Landesverbänden der Pflegekassen, Träger ist die AWO Ostwestfalen. In einem Gemeinwesen, das sein Gesundheitssystem ausgehöhlt hat und in dem immer lauter darüber nachgedacht wird, wer ein Recht auf Leben hat und wer aber nicht, muss man vehement dagegenhalten – am besten mit einer Gesundheitsreform in eine ganz andere Richtung als bisher: weg von der Privatisierung vulgo Kommerzialisierung des Gesundheitswesens, hin zu einer weitsichtigen Personal- und Patientenpolitik, die auf das Wohl der Beteiligten zielt und nicht indolent ihre körperliche und seelische Entkräftung bis hin zur Zerquetschung in Kauf nimmt und betreibt.

Seltsam ist allerdings die visuelle Gestaltung der Kampagne; auf einem edlen Schwarzweißfoto sieht man eine alte Dame mit sympathischen Falten im Gesicht, auf ihrem Kopf steht, in Rot gestempelt: »Ist nicht auf den Mund gefallen.« Ein glattrasierter Mann mit Brille »kann Berge versetzen«, und der obligatorische Bartträger, ebenfalls bebrillt, »hat das Herz am rechten Fleck«. Warum aber hat man ihnen diese Attribute auf die Köpfe gestempelt? Sind die Aufnäher mit dem Aufdruck »dement« ausgegangen?

Man kann auf verschiedene Weise das Gute – oder doch immerhin das etwas weniger Schlechte – in die Welt zu tragen versuchen, aber eins geht nicht: unbedacht und bewusstlos mit den ästhetischen Mitteln der Mörder von einst – und, pardon, so lange ist es nicht her, dass man es ad acta legen könnte – hantieren auf eine Art, die den Gedanken an »Euthanasie« genannten Mord nahelegt, obwohl man genau das ja gerade erklärtermaßen nicht will. Das Absurde, Brutale ist nahezu überall, und auch der beste Zweck heiligt nicht die fatal falschen Mittel.

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